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EDV – „Ende der Vernunft"?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft. Wir alle haben uns im Studium Kenntnisse zur Prävention, Kuration und Palliation von Erkrankungen angeeignet, die zum Zeitpunkt des Staatsexamens in der Regel die größte Breite hatten. Im Anschluss erfolgte in den meisten Fällen eine Spezialisierung mit Vertiefung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die ihren ersten Abschluss in einer Facharztprüfung gefunden hat. Die Breite des Wissens hat sich dabei oftmals zugunsten der Tiefe verändert. Jeder hat sich mit seiner beruflichen Entwicklung ein Fachwissen erarbeitet und kommt deshalb bei verschiedenen Fragestellungen ohne die Konsultation von Kollegen nicht mehr zu einer umfassenden Einschätzung des Gesundheitszustandes seines Patienten.

Das Kernstück unserer täglichen Arbeit ist und bleibt das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt. Anamnese und klinische Untersuchungen sind oftmals durch weitere Verfahren aus vordergründig mehr technischen Methoden zu ergänzen. Um zur Diagnose zu kommen, ist häufig eine Vielzahl von Informationen zu bewerten. Eine richtige Diagnose setzt somit das Vorhandensein von Information und deren richtige Verknüpfung voraus.

Zum Sammeln von Befund- und Behandlungsinformationen verfolgt man seit Langem die Strategie, alle wesentlichen Berichte eines Patienten bei einem Arzt zusammenzuführen, der dann auch weitere Schritte und Behandlungen umsetzt oder koordiniert. Bereits 2004 wurde die Idee geboren, entsprechende Dokumente in digitaler Form verfügbar zu machen und zusammenzustellen, das nannte sich schon damals elektronische Patientenakte (ePa). Das Projekt wurde über 14 Jahre ohne Ergebnis verfolgt und nach weiteren vier Jahren musste nun Vollzug gemeldet werden. Entstanden ist ein mehr oder weniger hohles Gerüst, das nun mit Leben gefüllt werden soll. Manche meinen, es sei alles zu schnell umgesetzt. Kann man das bei einer Laufzeit von 18 Jahren wirklich behaupten? Man hat einen Großteil der Zeit nicht effektiv genutzt und nun im Endspurt unter Androhung und Umsetzung von Sanktionen Lösungen geschaffen, die noch sehr störungsanfällig sind. Zeitgleich waren Aufgaben zur Krankheitsverwaltung zu lösen, die nicht erkennbar zur Entlastung in täglichen Arbeiten führen. Hier gibt es Umsetzungsdefizite, die für ein führendes Industrieland nur peinlich sind. Daraus sollten wir lernen.

Außerdem ist der Zeitpunkt für die Eröffnung dieser „neuen Welt“ denkbar schlecht, denn mit der Pandemie ist selbst bei Enthusiasten die Lust auf Digitalisierung geschwunden. Auch in der neuen Bundesregierung scheint die Wichtigkeit und zügige weitere Umsetzung von Digitalisierung im Gesundheitswesen unumstritten. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg, allerdings nicht der richtige Zeitpunkt.

Die Geschichte lehrt: „Die Zeit in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“. Sollten wir weiter den Anspruch verfolgen, selbst die Herausforderungen im Gesundheitswesen durch Nutzung der Vorteile digitaler Technologien gestalten zu wollen, dann bleibt nur, uns zu beeilen.

Der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer warnte erst kürzlich davor, sich von dem „nachvollziehbaren Frust“ über technische Probleme und oft noch mangelnde praktische Relevanz der Telematikinfrastruktur den Blick auf die Gesamtentwicklung versperren zu lassen.

Denn auch bei der Gewinnung von Informationen gibt es neue Wege und Technologien. Künstliche Intelligenz (KI) findet z. B. Anwendung bei der Beurteilung der Malignität von Hautveränderungen oder auch bei der Erkennung auffälliger Areale in der radiologischen Bildgebung. Publikationen prophezeien den Radiologen deshalb in einer KI-basierten Arbeitsumgebung eine deutliche Einschränkung ihrer beruflichen Zukunft.

„Kollege“ Dr. Google ist zunehmend bekannt. Viele Patienten sind bereits heute bereit, Informationen ungeschützt preiszugeben, ohne zu wissen, auf welchem Markt diese verkauft werden. Da meistens die Betrachtung von einzelnen Informationen zusammenhangslos erfolgt und es in der Regel noch an der richtigen Verknüpfung aller Informationen beim seelenlosen Blechdoktor mangelt, quittieren wir das oftmals noch mit einem Lächeln. Die Möglichkeit, an vielen Stellen eine neue Form der Dauerüberwachung zu etablieren, ist in diesem Zusammenhang realistisch. Dem will man in Deutschland mit dem Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz (DVPMG) und der App auf Rezept begegnen und das Gesundheitswesen zukunftsfester machen.

Natürlich gibt es bereits heute auch fundierte Anwendungen, die Symptome analysieren und bei der Diagnose unterstützen, sogenannte „Clinical Decision Support Systems“ (CDSS). Der Einsatz solcher Systeme wirft relevante Fragen aus medizinischer, ethischer und rechtlicher Sicht auf. Zu den Chancen und Grenzen von KI in der Medizin hat sich deshalb die Zentrale Ethikkommission der Bundesärztekammer in einer Stellungnahme vom September des vergangenen Jahres positioniert.

Die Digitalisierung wird den Arztberuf in den kommenden Jahren grundlegend ändern. Das täglich verwertbare Wissen des Einzelnen wird nicht mehr an den Fachgebietsgrenzen enden. Durch die Vernetzung von Informationen in der Breite und in der Tiefe werden sich neue Möglichkeiten für die ärztliche Entscheidungsfindung ergeben. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, vorschnell den Maschinen mehr zuzutrauen, als sie leisten können.

Anstatt uns zu sorgen, dass die KI ärztliche Leistungen ersetzen könnte, sollten wir lieber gemeinsam an innovativen Lösungen arbeiten, um das Potential dieser Technik für unseren Beruf und das Wohl unserer Patienten voll auszuschöpfen. Es gilt, die neuen Methoden immer wieder zu hinterfragen und Fehldiagnosen zu evaluieren. Andererseits: Wer glaubt heute noch, dass ein Mensch gegen den Schachcomputer gewinnen könnte?

Die Frage, wird KI in den meisten Fachgruppen Ärzte ersetzen, beantworte ich mit nein. Vielmehr werden Ärzte, die KI verwenden, diejenigen ersetzen, die das nicht tun.

Totgesagte leben länger!

Ihr Klaus Hamm