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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 11/2021

Gendern?

Meinungsäußerungen unserer Leser, die – bis auf eine Ausnahme – bereit waren, namentlich genannt zu werden, zum Editorial „Gendern?“ in der Septemberausgabe der KVS-Mitteilungen. Aufgrund des differenzierten Ergebnisses, welches noch keine repräsentative Resonanz zeigt, wird die KV Sachsen die nächsten Schritte abwägen und Sie über das weitere Vorgehen informieren.


Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender, sehr geehrter Herr Kollege Dr. Heckemann,

Editorial und Standpunkt lese ich mit Interesse, werde selten enttäuscht. Bezugnehmend auf Ihr Editorial „Gendern?“ komme ich um eine persönliche Äußerung nicht umhin.

Eine Entscheidung zu treffen, wie die Redaktion der KVS-Mitteilungen mit den Möglichkeiten unserer Sprache hinsichtlich des Genderns pragmatisch umgeht, kann ich nachvollziehen. Ich stehe auch dazu, dass es politisch Wichtigeres geben kann und gibt. Gerade deshalb bin ich erstaunt, dass diese Thematik Gegenstand des Deckblattes und des Editorials unserer KVS-Mitteilungen sein muss.

Ich erachte es gerade für Ärzte als notwendig, ja unumgänglich, nicht ausgrenzend zu polemisieren, wundere mich über „westliche Dekadenz“ 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Das hat Stammtischcharakter. Ihre persönliche Meinung kann für uns sächsische Ärzte nicht als bindend betrachtet werden. Ich möchte unter diese Ansicht nicht subsumiert werden. Persönlich kenne ich Kolleginnen, denen es durchaus wichtig ist, dass sie als Ärztinnen wahrgenommen werden. So wird es auch nicht-binäre Personen geben, die darauf Wert legen, als solche Beachtung zu finden. Es gibt unterschiedliche Auffassungen und Überzeugungen, gesellschaftliche Entwicklungen die wir nicht überheblich abtun können. Regelmäßiges Korrektiv meiner Ansichten sind u. a. Diskussionen mit meinen 3 erwachsenen Söhnen und deren Freundeskreisen. Das erfrischt das eigene Denken.

Unseren Patienten, denen es wichtig ist, sind wir es schuldig, auch für die Fragen des Genderns offen zu bleiben. Die Zukunft wird zeigen, wohin der Weg führt. Ich sehe dem mit Interesse und Spannung entgegen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dipl.-Med. Michael Weigert, Facharzt für Neurologie, für Psychiatrie und Psychotherapie aus Leipzig


Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Heckemann,

selten habe ich mich über ein Editorial so gefreut, wie über das Ihre im Heft 9 der Mitteilungen. Lassen Sie sich nicht beirren!

Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank!

Dr. med. Wieland Baronius, Facharzt für Innere Medizin aus Chemnitz


Sehr geehrter Herr Dr. Heckemann,

wir sind bekanntermaßen nicht immer einer Meinung, aber für Ihr eben gelesenes, mutiges Editorial muß ich Ihnen einmal spontan danken. Sie sprechen mir aus der Seele, auch wenn ich nur Spender an den VDS bin.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. med. Udo Junker, Facharzt für Immunologie, für Allgemeinmedizin aus Plauen


Sehr geehrte Damen und Herren,

[...]

Unabhängig davon erlaube ich mir noch eine Bemerkung zu Herrn Heckemanns Editorial zum „Gendern?“. Ich glaube nicht, dass ein alter, weißer Mann sich herausnehmen kann zu beurteilen, ob Frauen, Lesben, Schwule, Trans-Menschen und andere sich diskriminiert fühlen oder nicht. Ein Weißer etwa sollte sich auch tunlichst zurückhalten zu bewerten, ob ein Schwarzer sich angegriffen fühlen darf oder nicht. Herr Heckemann offenbart nur fehlende Bildung. (Paradoxerweise ist er jetzt Mitglied im „Verein Deutsche Sprache“.) Es geht nicht darum, ob, wenn jemand von der Bundesärztekammer spricht, auch Ärztinnen inkludiert sind. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Es geht darum, ob sich jemand diskriminiert fühlt oder nicht. Außerdem geht es um den Rahmen des Gesagten, die Konnotationen, das sogenannte „Framing“. Wenn ich von einer „Flüchtlingsschwemme“ spreche, löse ich etwas anderes aus als bei einer „Geflüchtetenzuwanderung“. Entsprechend ist die Verwendung etwa der Berufsbezeichnung „Ärzte“ ein chauvinistischer Akt, da sie insinuiert, das als erstes, allein oder am wichtigsten die Herren zu nennen sind. Das ganze spielt sich unbewusst ab, beim einen mehr, beim anderen weniger, wir sind alle eben irgendwie in dieser Gesellschaft und mit dieser Sprache sozialisiert. Das heißt dann aber nicht, dass dann meine sprachliche Sozialisierung die Wahrheit für alle sein muss. Mann sollte dann mal lieber die fragen, die betroffen sind.

Die KV Sachsen kann weiter am Maskulinum Majestatis festhalten. Dies ist jedoch reaktionär und dient nur dazu, männliche Pfründe zu sichern und den eigenen generellen Chauvinismus nicht weiter hinterfragen zu müssen. Am Ende stellt es auch die Kassenärztliche Vereinigung als eine chauvinistische und wenig progressive Gemeinschaft dar. Zur Weiterbildung empfehle ich den aktuellen Kino-Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ über weibliche Politikerinnen in der BRD.

Ich bitte auch wirklich darum, weniger populistische Inhalte in den KVS Mitteilungen zu verbreiten. Ich lese die Mitteilung hauptsächlich, um mich über formale Neuerungen, wichtige Änderungen, bestimmte Vorgaben oder interessante Tipps o. ä. zu informieren. Und nicht um die Meinung des Vorstandsvorsitzenden oder des Vorsitzenden der Vertreterversammlung (in diesem Fall muss ich beim Maskulinum bleiben) lesen zu müssen. Es ist nicht immer zielführend und konstruktiv, bei Änderungsvorschlägen oder -maßnahmen reflexhaft in einen Beschwerdeimpuls zu verfallen.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen,

Dipl.-Psych. Joachim Hoëcker, Psychologischer Psychotherapeut aus Leipzig


Sehr geehrte Damen und Herren,

gegen die Mitgliedschaft in der KV Sachsen mit einem Vorstandsvorsitzenden, der die Plattform eines vermeindlich seriösen Mitteilungsblattes benutzt, seine unqualifizierte persönliche Meinung kund zu tun, kann ich mich als psychologische Psychotherapeutin, die in einer Praxis arbeitet, leider nicht wehren. Wie konnte Herr Heckemann diese Position besetzen? Gegen den Erhalt eines Informationsblattes, das es erlaubt, im Editorial in aroganter, überheblicher Weise Stellung zum Thema „Gendern“ mit dem Hinweis auf die Dekadenz der Westdeutschen zu beziehen, allerdings schon. Noch immer nichts verstanden, schade. Ich bitte Sie, mich in Zukunft mit dem Pamphlet zu verschonen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

eine in Leipzig tätige Psychologische Psychotherapeutin

Hinweis der Redaktion: In diesem speziellen Fall halten wir einen Abdruck trotz gewünschter Anonymität für sinnvoll.


Offener Brief an Herrn Dr. Heckemann, bezugnehmend auf das Editorial in den KV Mitteilungen 09/2021

Sehr geehrter Herr Dr. Heckemann,

Dies ist kein Shitstorm, sondern ein anderer Blickwinkel:

1.   Aus unserer Sicht steht es Herrn Heckemann nicht zu, seine persönliche Meinung, die ihm selbstverständlich unbenommen sei, zur Genderpolitik der gesamten KV zu machen.

2.   Gendern ist ein wichtiges Instrument der Gleichstellung aller Geschlechter. Zahlreiche Studien belegen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter dadurch vorangetrieben wird, dass diese sprachlich sichtbar gemacht werden. Es ist nicht mehr zeitgemäß, sich hinter dem generischen Maskulinum zu verstecken und mit dem Hinweis auf „Verschandelung“ der Sprache die Verwendung eines Gendersterns o. ä. zu verweigern.

3.   Sprache entwickelt sich. So siezt keiner mehr seine Eltern, unverheiratete Frauen werden nicht mehr mit Fräulein angesprochen und an die Rechtschreibreform von 1996 hat man sich nach anfänglich breiter Ablehnung mittlerweile gewöhnt.

4.   Der Verweis auf „wichtigere Probleme als dieses“ ist nicht gültig. Verglichen mit beispielsweise der Klimakrise mag Gendern für den Vorstandsvorsitzenden der KV ein minderes Problem sein. Es wäre aber auch ungleich einfacher zu lösen, nämlich durch Verwendung eines simplen Gendersterns. Dadurch alleine wird selbstverständlich nicht sofortige Gleichberechtigung erreicht, aber es wäre schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

5.   Der Verweis auf „westliche Dekadenz“ als quasi Wurzel des Genderübels ist eine nicht hinnehmbare Verunglimpfung und ein Schlag ins Gesicht der zahlreichen Kolleg*innen aus den alten Bundesländern und dem Ausland, die Hand in Hand mit ihren ostdeutschen Kolleg*innen tagtäglich die medizinischen Versorgung in Sachsen sicherstellen. Die ewigen Ost-West-Vergleiche gehören nach mehr als 30 Jahren Wiedervereinigung schon lange in die Mottenkiste.

Mit freundlichen Grüßen

Die Unterzeichnenden

Dr. med. univ Julia Reiffenstuhl, Dresden
Dr. med. Anja Schmidt, Dresden
Dr. med. Thomas Pfeiffer, Dresden
Dr. med. Bernadette Schneider, Dresden
Dr. med. Susan Brechow, Bannewitz
Dr. med. Andrej Brechow, Bannewitz
Dr. med. Alexander Schütte, Dresden
Dr. med. Ulrich Treptow, Dresden
Dr. med. Angela Weiß, Dresden
Dr. med. Christine Merkel, Dresden
Dr. med. Axel Kreß, Dresden
Christian Körber, Dresden
Dr. med. Julia Walther, Dresden
Philipp Braun, Dresden
Dr. med. Caroline Rohmann, Dresden
Dr. med. Rita Nüske, Dresden
Dr. med. Marten Kayser, Dresden


Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Mitarbeiter der KV Sachsen und Presseverantwortlichen,

ich möchte mich für die mutige aber zugleich wichtige Stellungnahme von Herrn Dr. Heckemann zum Thema „Gendern“ in der aktuellen KVS Mitteilung (09-2021) bedanken und meine Stimme der Unterstützung in dieser Sichtweise übermitteln! Es wurde alles richtig auf den Punkt gebracht.

Bitte lassen Sie sich von den lauten aber wenigen (für eine Demokratie wichtige Berücksichtigung) radikalen Personen nicht einschüchtern …

Mit freundlichen Grüßen

Dipl.-Psych. Jens Mehner, Psychologischer Psychotherapeut aus Ehrenfriedersdorf


Sehr geehrter Herr Dr. Heckemann, sehr geehrte Damen und Herren,

mit Schmunzeln habe ich gerade Ihr Editorial 09/21 zum Gendern gelesen. Ich freue mich, dass Sie das Thema so sehr beschäftigt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir zwei Dinge erklären:

Sie sind Mitglied im „Verein Deutsche Sprache“ und verwenden selbst das Wort „Shitstorm“ (während sie das Gendern ablehnen). Ist das nicht widersprüchlich? Als Mitglied des o. g. Vereins verstehe ich nicht, warum die Mehrzahl von Frauen, die Medizin studiert haben, auch Ärzte sind. Sind das nicht Ärztinnen? Wenn die Deutsche Sprache so schützenswert ist, warum wird sie dann mit dem generischen Maskulinum derart falsch umgesetzt?

Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Seipt, Geschäftsführer able dresden GbR


Sehr geehrter Herr Heckemann,

vielen Dank für lhren Beitrag im letzten KV-Blatt, denn dieser eröffnet eine längst überfällige Diskussion im Bereich der KV Sachsen über unseren Umgang mit der Abbildung beider Geschlechter in unserer Sprache.

Ich bin wie offenbar auch Sie der Meinung, dass Gendersternchen wie Stolpersteine auf einem Gehweg sind. Sie bringen mich beim Lesen ins Stocken, stellen mich jedes Mal neu vor die Frage, wie ich das jetzt vorlese. Ich vermisse auch in unserer heutigen Sprache Wörter wie Student oder Studentenrat. Ob die Studierendenschaft wirklich eine sprachliche Errungenschaft ist oder mehr nach einer Wortschöpfung aus der Retorte klingt, mag jeder und jede für sich entscheiden.

Aber eine Diskussion wäre keine solche, wenn die Antwort auf einen Beitrag nur aus Zustimmung bestünde. Insofern möchte ich gern noch einräumen, dass es ein wenig umständlich ist, immer von Kolleginnen und Kollegen, Ärztinnen und Ärzten, Patientinnen und Patienten zu sprechen. Aber tut das wirklich irgendjemanden weh?

Die ausschließliche Verwendung des generischen Maskulinums empfinde ich in zunehmendem Maße als verstaubt und rückwärtsgewandt. So lese ich beispielsweise in der Bereitschaftsdienstordnung der KVS: „Der zum Bereitschaftsdienst eingeteilte Arzt zeigt der Bereitschaftsdienstvermittlungsstelle ... seine Dienstbereitschaft an.“ Ob das wohl auch für mich gilt? Wenn Frauen inzwischen den überwiegenden Teil der Ärzteschaft darstellen, warum sind sie es dann nicht wert, auch sprachlich aufgeführt zu werden? Und was gibt einem Mann das Recht, darüber zu entscheiden, wie ich darüber zu denken habe? Die Selbstverständlichkeit, mit der Sie Ihre Meinung zu diesem sicherlich sensiblen Thema zur Meinung der gesamten KV Sachsen erheben, empfinde ich als arrogant. Keinen Shitstorm zu erwarten, weckt meinen Widerspruchsgeist.

Ich denke, dass es auch in der KVS an der Zeit ist, von Ärztinnen und Ärzten zu sprechen und im Bereitschaftsdienst eine Ärztin mit einzuplanen. Sollte das zu umständlich sein, habe ich noch einen weiteren Vorschlag: Nachdem in den letzten 30 Jahren der KVS das generische Maskulinum verwendet wurde, können wir ja die nächsten 30 Jahre zum Ausgleich das generische Femininum verwenden. Das gibt den Männern genügend Zeit, um sich zu überlegen, ob sie sich bei dem Wort Ärztin auch gemeint fühlen wollen und sich nach Ablauf dieser 30 Jahre vielleicht doch mit der Verwendung beider Geschlechtsformen anfreunden zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Kollegin Susanne Neumann, Fachärztin für Innere Medizin