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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 10/2021

Manchmal wäre weniger mehr (gewesen) …

… zwar nicht bei den anfänglichen Bemühungen auf mehreren politischen Ebenen so viel und so hochwertigen Corona-Impfstoff wie möglich zu beschaffen und zu verteilen, auch nicht bei dem klaren Ziel, so viele Menschen wie möglich zu impfen, aber sonst bei so Einigem. Dabei hatte die europäische Impfstoffforschung und -entwicklung gute Voraussetzungen geschaffen. Andere daran teilhaben zu lassen, ist nicht die Frage, sich aber über den Tisch ziehen zu lassen, dagegen nicht gerade professionell.

Wo ist wie vor jeder Impfung Anamnese, Aufklärung und Einwilligung von Impfwilligen am einfachsten möglich? Natürlich in der Praxis der Haus- oder Fachärzte. Dort werden auch die allermeisten anderen Impfungen durchgeführt. Wir hätten auch ohne Richtlinie die Ziele der anfangs notwendigen Priorisierung mindestens genauso eingehalten wie Impfzentren. Wenn man die zunächst sehr begrenzte Menge Impfstoff vollständig auf die Praxen verteilt hätte, welche sich bereit erklärten, diese zusätzliche Impfung durchzuführen, wären vernünftige praktikable Mengen Impfstoff pro Praxis und eine deutlich bessere Flächendeckung herausgekommen. Nein, es wurden für  dreistellige Millionenbeträge provisorische Impfzentren sowie Online-Plattformen und Telefon-Hotlines zur Anmeldung eingerichtet und betrieben. Auch weil letztere mehr schlecht als recht funktionierten, waren Impfwillige nicht nur auf den Hauptverkehrsadern Sachsens zum Teil in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Das ist keine Kritik an den Mitarbeitern der Impfzentren, aus deren Kreis ich sogar Unterstützung erfahren habe, sondern an den politischen Rahmenbedingungen. Der Rechtfertigungsdruck für die hohen Kosten war natürlich groß und die Alternative lag auf der Hand – Impfen in den Praxen.

So erhielt in unserem Freistaat Mitte März endlich eine – allerdings viel zu geringe – Zahl von 40 Praxen erstmals Impfstoff in relevanter Menge im Rahmen eines Modellprojektes. Danach dauerte es wieder Wochen, bis alle impfwilligen Praxen mit Impfstoff beliefert wurden, allerdings lange Zeit in so geringer Menge, dass man beides nur als Symbolpolitik bezeichnen kann. Von den ersten Patienten, welche ich in meiner Praxis geimpft habe, standen mehreren Tränen in den Augen, dass ein oder zwei Telefonate gereicht hatten, einen Termin zu bekommen nach stunden- oder tagelangen erfolglosen Versuchen, über Online-Plattform oder Telefon-Hotline in einem Impfzentrum an die Reihe zu kommen.

Ebenso unsinnig war es, aus regulären Strukturen der ambulanten medizinischen Versorgung aktives medizinisches Personal in die Impfzentren zu holen, als ob dessen eigentliche Arbeit entbehrlich gewesen wäre. Über geschlossene Praxen brauchte man sich in Folge dessen nicht zu wundern. Auch die Gewinnung von Assistenzpersonal für Praxen wurde dadurch weiter erschwert. Der vernünftigere Weg bestand und besteht darin, zusätzliches Personal zu gewinnen, zum Beispiel durch Reaktivierung aus dem Ruhestand und dieses in erster Linie in mobilen Impfteams einzusetzen, um damit die Logistik von Hausärztinnen und Hausärzten für die Impfung von Menschen mit aus gesundheitlichen oder Altersgründen eingeschränkter Mobilität wo notwendig zu ergänzen. Ergänzen heißt aber nicht verdrängen, wie ebenfalls geschehen. All diese Ungereimtheiten verlangen Praxisinhabern bzw. MVZ-Betreibern wieder einmal einiges an Idealismus ab, sich nicht aus dem Corona-Impfen zurückzuziehen und tragen sicher auch nicht dazu bei, Impfskeptiker umzustimmen.

Weltweit betrachtet ist jede Corona-Impfung nach wie vor ein großes Privileg, welches man in der Wahrnehmung nicht zum Ramsch verkommen lassen darf. Es mag im Ausnahmefall Gründe geben, sich nicht impfen zu lassen, ansonsten wäre 2G statt 3G die einfachere Lösung, aber Ausnahme muss Ausnahme bleiben. Zumindest die Unentschlossenen und Getäuschten sollten noch veranlasst werden, sich zur Corona-Impfung zu begeben und nicht umgekehrt. Stattdessen scheint finanzieller und mehr noch personeller Aufwand nach wie vor keine Rolle zu spielen, außer, es geht um die Bezahlung dieser Impfung in unseren Praxen. Deren Honorar von 20 Euro pro Impfung liegt zwar deutlich über dem anderer Impfungen, welche kaum einen geringeren Aufwand bedeuten, beträgt aber nur einen Bruchteil der Kosten pro Impfung in den Impfzentren. Die Forderung nach einer deutlichen Erhöhung aller Impfhonorare ist also völlig legitim.

Danken will ich an dieser Stelle besonders den Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Praxisteams, welche sich trotz aller Widrigkeiten an den Corona-Impfungen beteiligt haben.

Bleiben Sie zuversichtlich!

 

Ihr Axel Stelzner