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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 06/2021

Corona: Faktenbasiertes Handeln statt Ankündigungen und Verunsicherung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

klar, der Bundestagswahlkampf ist eingeläutet, und jeder will punkten. Aber das Thema Corona ist doch ein besonderes, und zumindest sollten Profilierungssucht und profilneurotisches Verhalten etwas gezügelt werden – nur fällt eben genau das einigen Spitzenpolitikern besonders schwer. Ist doch die Versuchung allzu groß, seine individuellen und / oder politischen Interessen in den Vordergrund zu stellen und das Ganze natürlich wunderbar mit dem Gemeinwohlsinteresse zu begründen. Eine hohe Kunst, die leider zu viele beherrschen.

Nach dem Debakel zwischen Bund und Ländern, mit dem bekannten Höhepunkt zu Ostern und der sich daraus qualvoll ergebenen Notbremse, rufen nun ganz viele derer, die gerade noch weitere Verschärfungen gefordert haben, in abrupter Wendung: Kommando zurück!

Manche können auch beides gleichzeitig. Bundesgesundheitsminister Spahn versprach am 13. Mai 2021 in einem Exklusivinterview das Ende der Maskenpflicht, nämlich dann, wenn jeder sich problemlos impfen lassen könne, wenn genug Impfstoff da ist. Die Heilsbotschaft ist eigentlich simpel, nur eben viel zu früh – wie meistens – und derzeit unpassend angekündigt. Wir kennen die Ankündigungslitaneien zum Impfen zur Genüge. Gleichzeitig warnt Herr Spahn am selben Tag in einem Brief an die Landesministerien für Gesundheit vor zu frühen Lockerungen. Auch Reisen ins Ausland wären bald wieder möglich, sagt er öffentlich, er empfehle aber, eher in Deutschland zu bleiben.

Ich habe Herrn Spahn nur deshalb ausgewählt, weil er sich so exemplarisch eignet für die Agenda vieler: Hauptsache schnell sein, Schlagzeile setzen, punkten – die praktischen Konsequenzen (er)tragen dann andere, also wir alle!

Der Grundgedanke der Corona-Impfverordnung, Hochgefährdete und Ältere, solange Impfstoffe knapp sind, zuerst zu impfen, war sicherlich richtig. Doch die Detailversessenheit, bis hin zur Differenzierung nach HBA1c-Werten etc. für die Einordnung in diese oder jene Priorisierungsgruppe war einfach absurd. Hier trägt aber nicht nur Herr Spahn die Verantwortung, sondern ebenso die, die ihn beraten haben, darunter auch ärztliche Gremien, die es wieder besonders genau und gut machen wollten, und deren Beratungsvorschläge größtenteils übernommen worden sind. Ich möchte wetten, dass wir die komplizierteste Corona-Impfverordnung der Welt haben, aber sind wir deshalb besser als die Anderen, mit denen wir uns sinnvoll vergleichen können? Wohl kaum! Die Folgen für die Praxen: Bürokratie, riesige Arbeitsbelastung – diese aber nicht vorrangig durch das Impfen, sondern durch das Drumherum. Und dann der Druck durch die Patienten! Als Add-on kam dazu, dass jedes Bundesland seine eigenen Wege ging, und Änderungen fast im Wochenrhythmus herausgab! Die (verständliche) Verunsicherung der Patienten ist groß, aushalten müssen wir das in den Praxen. Dies zumindest hätte der Politiker Spahn voraussehen können und müssen. Dafür bedarf es keines profunden Fachwissens.

Auch eine schöne Ankündigung, die nun in die Tat umgesetzt wird: die Aufhebung der Priorisierung in den Arztpraxen. Das ist zu begrüßen. Doch wie gehen wir damit um, wenn die Patienten genau deshalb die Praxen fluten, dann aber Biontech, der Impfstoff, den die meisten wollen, derzeit nur in kümmerlicher Menge für Erstimpfungen geliefert wird? Ich fürchte, es bleibt an uns Ärzten hängen, nach dem Motto „Die impfen nicht genug!“ Und die Politik ist fein raus!

Es ist politische Feigheit, das Impfstoffbeschaffungsdebakel auf die EU zu schieben. Politiker werden wegen Kleinigkeiten aufgefordert, die politische Verantwortung für Fehler (oft Anderer) zu übernehmen, was ich selbst für sehr fragwürdig halte. Welche Verantwortung übernimmt denn Herr Spahn für sein komplettes Versagen beim Thema Impfstoffbeschaffung?

Und noch eines. Der Umgang mit dem Impfstoff von AstraZeneca gleicht einer Achterbahnfahrt, man könnte es auch ein Stück aus dem Tollhaus nennen. Aber, bei allen Defiziten des Ankündigungsministers, muss ich ihn hier partiell verteidigen: Auch hier haben sicher nicht alle, aber einige Fachgremien extrem unglücklich agiert und aus dem Elfenbeinturm heraus Dinge verkündet, ohne die weiteren und mehrschichtigen Folgen zu bedenken, im Übrigen in teils undifferenzierter Betrachtung der Datenlage. Die mangelnde Inanspruchnahme des Impfstoffes von AstraZeneca hierzulande widerspiegelt auch das hiesige Wirrwarr von Ankündigungen, Hü und Hott, mit der Folge der allgemeinen Verunsicherung. Vielen unserer Spitzenpolitiker empfehle ich – natürlich darf und muss jeder Fehler machen können, das ist unvermeidbar – unter wirklicher Priorisierung des Gemeinwohls daran zuallererst zu denken: Fakten zu prüfen, nochmals nachzudenken und dann zu handeln – statt Ankündigungspopulismus, Zickzackkurs und aktiver Verunsicherung.

 

Ihr Stefan Windau