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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 02/2021

Angst ist ein schlechter Ratgeber


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Angst ist ein schlechter Ratgeber, Sorglosigkeit natürlich ebenso. Wenn allerdings so mancher den Anschein erwecken will, weder Angst noch Unsicherheit zu kennen, ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Entscheidend erscheint vielmehr die Frage, wie man damit umgeht als Einzelner und als Gemeinschaft, ob man sich den zu Grunde liegenden Problemen stellt oder ihnen aus dem Wege geht und sie damit möglichst geräuschlos auf andere abwälzt. Aber die Corona-Pandemie ist noch nicht zu Ende und es wird aller Voraussicht nach auch nicht die letzte Bewährungsprobe und damit Gelegenheit bleiben, sich neu zu orientieren und einzubringen. Zunehmend erleben wir allerdings, wie aus Angst und Unsicherheit Aggressivität wird. Die Probleme bleiben in beiden Fällen erhalten und Gräben werden tiefer.

Wie lässt sich dem begegnen? Mit geduldiger, wenn auch wenig spektakulärer Kleinarbeit, aber gerade diese kostet richtig Kraft. Sie fängt an beim Zuhören, sich einzulassen auf sein Gegenüber und setzt sich fort mit dem Abwägen ausgetauschter Gedanken. Klingt banal, aber ist es das wirklich? Es bedeutet auch immer wieder Selbstkritik zumindest nach innen und eben keine Selbstinszenierung nach außen. Natürlich ist bei so dramatischen Ereignissen, wie der derzeitigen Pandemie nicht unendlich viel Zeit zum Reden. Schuldzuweisungen sind viel schneller getätigt, aber keine Lösungen. Überzeugen dagegen führt zu Synergien und damit zu effizienterem Einsatz der Kräfte. Gelingt dies nicht, wird unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderdriften.

Wenn Patientinnen und Patienten ab und an ärztlichen Rat mehr oder weniger in den Wind schlagen, fragt man sich als Arzt doch, ob dieser Rat überzeugend genug war, Ängste und Unsicherheit des Beratenen aufzulösen und man fängt im Zweifel noch einmal von vorn an. Statt Compliance ohne Verständnis zu erwarten oder gar zu fordern, werden wir nicht müde, zu erklären, was unsere Überzeugung ist. Wenn wir im Einzelfall trotzdem kein Gehör finden, müssen wir das am Ende ebenso akzeptieren. Das war schon immer so und es gilt auch jetzt für das Thema Impfung gegen das SARS-CoV-2-Virus.

Während der Entwicklung der ersten Impfstoffe im vergangenen Jahr und der damit verbundenen Diskussion war gewiss auch mancher von uns nicht frei von Zweifeln. Überzeugung, die eigene eingeschlossen, muss reifen. Fragen müssen gestellt und beantwortet werden. Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist Ausdruck der Übernahme von Verantwortung des Einzelnen für sich selbst und die Menschen in seiner Umgebung. Die Erwartung z. B. an das Personal von Pflegeheimen, diesen Schritt zu gehen, ist völlig legitim, nicht aber die Verpflichtung dazu. Die Angst vor Impfunwilligen ist ebenso ein schlechter Ratgeber wie die Angst vor der Impfung.

Warum gibt es aber selbst für einen Impfstoff, welcher in einem Land der Europäischen Union zu einem wesentlichen Anteil mit Steuergeldern entwickelt wurde, vor allem hierzulande Lieferengpässe? Warum wurden nicht von vornherein Kooperationen von Impfstoffherstellern innerhalb der EU vorangetrieben und solche über deren Grenzen wesentlich kritischer begleitet? Weil es offensichtlich wieder einmal am Mut, was nicht heißen soll am Willen der Politik dazu fehlte. Warum wird ein anderer in Deutschland produzierter Impfstoff vertragsgemäß in Länder außerhalb der EU geliefert, während die Lieferverträge für den gleichen Impfstoff mit der EU kaum noch das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden? Entscheidend dafür sind Preis, Haftungsrisiko und Nutzbarkeit anonymisierter Daten, welche bei Impfung und Nachbeobachtung anfallen.

Dann ist auch zügig zu klären, ob und wenn ja in welchem Umfang geimpfte Personen das Virus übertragen können. Um das herauszufinden, muss auch ein ausreichender Anteil jüngerer Patienten geimpft werden, aber eben freiwillig. Wenn sich die Gefahr einer solchen Übertragung als entsprechend gering erweist, müssen Beschränkungen zumindest für Geimpfte baldigst aufgehoben werden, allein schon aus wirtschaftlichen Gründen. Das Geld, welches diese Pandemie kostet, ist doch zu einem wesentlichen Teil geliehen von den Leistungsträgern dieser Gesellschaft, den derzeitigen ebenso wie den früheren, und den zukünftigen.

Diese Pandemie ist eine der größten medizinischen, menschlichen und politischen Herausforderungen unserer Zeit.

Bleiben wir trotzdem gemeinsam zuversichtlich!

Ihr Axel Stelzner