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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 12/2020

Was ist Wahrheit?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

gerade diese Frage treibt doch in Zeiten der Corona-Pandemie viele um.

Manche bestreiten schlicht die Existenz der Pandemie an sich, andere sehen sie als die Reinkarnation der biblischen apokalyptischen Prophezeiungen, wieder andere gefallen sich in der Rolle als Kassandra-Rufer. Die einen bauen in und um sich eine Festung, mancher schlüpft in einen Kokon, wieder andere verfremden die Realität, sehen die Pandemie als Folge des Wirkens böser, wenigstens aber dunkler Mächte. Und viele versuchen mit einem gewissen Pragmatismus – glücklicherweise – das Leben in Zeiten Coronas praktisch zu meistern.

Dies war wohl im Grunde schon immer so, in allen Situationen gefühlter oder tatsächlicher Bedrohung. Woher kommen aber diese Extreme im Denken und Handeln? Es geht hier ganz massiv auch um unsere ureigensten Ängste, auch um die Angst vor der Endlichkeit unseres eigenen Seins. Damit wird jetzt auf irgendeine Weise jeder von uns konfrontiert, ob er will oder nicht. Diese Ängste sind unvermeidlich mit unseren tiefsten Überzeugungen verbunden und damit auch mit dem individuellen Bild von Wahrheit, was jeder von uns anders in sich trägt. Das Ganze, was in jedem von uns passiert, spiegelt sich letztlich auch gesamtgesellschaftlich wider, nur kommen hier noch die sozialen Konflikte hinzu, die durch Corona in besonders plastischer Weise eine Bühne bekommen und das Ganze auf die Spitze treiben. Und – hier nur am Rande bemerkt – um diese müsste sich die Politik viel stärker kümmern, wenn Corona nicht zum Brandbeschleuniger werden soll.

Nun ließe sich trefflich – und möglicherweise ermüdend – über absolute und relative Wahrheit, Bewusstes und Unbewusstes, Erkennen und Agnostizismus usw. streiten. Aber das führt zu nichts. Wir sollten aber zur Kenntnis nehmen, dass es – ob es im konkreten Fall nun tatsächlich wahr ist oder nicht – unterschiedliche Sichtweisen und auch individuell unterschiedliche Wahrheitswahrnehmungen und Wahrheiten gibt.

Ich sehe die Belegungen der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten, die beatmet werden müssen – und das hat für mich, für meine Wahrheit, etwas Besorgniserregendes. Klar, gerade jetzt braucht es Regeln und eine konsistente Strategie im Umgang mit dieser Pandemie. Dies kann natürlich nicht in das individuelle Belieben gestellt werden. Aber, die Politik muss besser als bisher, klarer und mit wirklicher Mühe zur Überzeugung das kommunizieren, was sie für richtig hält. Nur dann, wenn dies glaubhaft wirkt und ist, wird es in der Gesellschaft als wahr und irgendwo als Wahrheit angesehen und längerfristig akzeptiert werden.

Wahrheit und Glauben haben etwas miteinander zu tun, ob uns das nun gefällt oder nicht. Doch wie viel Eitelkeit, Geltungs- und Profilierungssucht, wie viel vorschnelles, unüberlegtes Äußern erleben wir von Politikern? Und auch von Wissenschaftlern! Mit welcher Vehemenz wird nicht selten auch unter Wissenschaftlern auf denjenigen eingehauen, der scheinbar unumstößliche Wahrheiten nur wagt zu hinterfragen? Auch das war schon immer so!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich beabsichtige keinesfalls, die zu unterstützen, die die Pandemie an sich in Frage stellen. Ich möchte aber eine Lanze für die brechen, die sachlich fundiert fragen, wie wir langfristig mit dieser Pandemie oder ähnlichen Bedrohungslagen umgehen wollen. Diese Frage auszublenden, ist auch ein Ignorieren von Realität! Der Spagat von individuell als wahr Erlebtem und dem, was Wahrheit schlechthin ist, wie auch immer man das interpretieren mag, ist nicht auflösbar. Politik und Wissenschaft – nein, wir alle – sollten die Einsicht und die Bescheidenheit haben oder sie erwerben, dass keiner von uns im Besitz der absoluten Wahrheit ist. Auch Pontius Pilatus bekam vor 2.000 Jahren, als er vor Jesu Kreuzigung fragte, „Was ist Wahrheit?“ keine eindeutige Antwort. Begriffen aber hatte er – damals ein nicht zimperlicher Statthalter Roms – von Wahrheit vielleicht mehr als mancher, der heute Verantwortung trägt und schnell ist im Ausgrenzen und im Aufstellen neuer Dogmen „im Namen der Wahrheit“!

Wer es nicht mit der Bibel hält, der kann bei Albert Camus („Die Pest“) oder bei Freud nachsehen, oder einfacher, wir steigen aus dem Olymp herab, hören zu und reden miteinander statt übereinander? Das dürfte auch zu Corona-Zeiten möglich sein.

In diesem Sinne grüßt Sie

 

Ihr Stefan Windau