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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 11/2020

Leserbrief an die KV Sachsen

7. September 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach den letzten Berichten in der Lokalpresse und wie auf der Webseite der KV Sachsen zu sehen, fehlen alleine im Landkreis Zwickau über 40 Hausärzte und damit so viele wie in der Stadt Chemnitz. In ganz Sachsen fehlen über 400 Hausärzte. In meiner Umgebung werden viele Praxen demnächst aufhören. Schaut man in die nächsten drei Jahre, wird sich die Anzahl noch sehr erhöhen. Selbst in den Bereichen Dresden und Leipzig bröckeln die immer so schön „vollversorgten“ Gebiete und die Not kommt näher an die Hauptverwaltung in Dresden. In den Facharztgruppen zeigen sich auch schon offene Stellen.

Gibt es in der KV Sachsen schon Pläne für nach dem Sicherstellungsauftrag? Wird die KV Sachsen sich wieder in einen starken Hartmannbund mit Gewerkschaftsstrukturen rückverwandeln?

Faktisch ist es an keiner Stelle mehr begründbar, dass die KV Sachsen den Sicherstellungsauftrag noch erfüllt. Schon rein wenn man die Größe der Kreise der Kindernotdienste sieht, ist dort keine Versorgung im Sinne der Sozialversicherung mehr gegeben. Ein verarmter Teil unserer Bevölkerung fällt vollkommen unter den Tisch, die aber zum Sicherstellungsauftrag dazugehören. Sprechen wir lieber nicht von der im Kreis vorhandenen 30%-igen Altersarmut und geringerer Mobilität im Alter.

Mit einer Landarztquote verschließt man nur die Augen, verdeckt, dass die Ambulanz 90% aller Fälle behandelt, aber nur 12 bis 14% der Gelder im System erhält.

Und mit dem neuen EBM wissen wir, dass das ja seit 2012 auch das Dogma ist: Es wird keine Zuwächse geben und damit ist das Ende des Systems besiegelt. Der EBM ist eh zu komplex und wird nur noch von Einzelnen verstanden. Der HzV ist keine Alternative, dient nur dazu, Grabkämpfe zwischen Kollegen zu schaffen.

Auf der anderen Seite überfrachtet sich die KV Sachsen mit Aufgaben, die der Staat selbst weggespart hat: Der öffentliche Gesundheitsdienst ist für Abstriche an Grenzen und Flughäfen zuständig. Nur die KV ist einfacher von der Staatskanzlei anzuweisen, beim ÖGD wären die jeweiligen kleinen Landesfürsten einzuberufen. Und denen kann man nicht so einfach drohen.

In Berlin diskutiert man schon, die Niedergelassenen für die Vorschuluntersuchungen heranzuziehen. Wir erledigen ja schon die Verbeamtungen der Lehrer. Hier in Zwickau war das System schon so am Boden, selbst die Verbeamtung der normalen Anwärter habe ich als Auftrag erhalten. Es ist das reinste Staatsversagen.

Es braucht dringend eine Reform des Gesamtsystems, sonst endet die Versorgung der Menschen nicht gut. Egal mit welcher Stelle man im System redet, versteht jedes Teilsystem nur seine Regeln und Vorschriften. Ein Komplettüberblick ist nicht möglich.

Manchmal hat man das Gefühl, Transparenz ist gar nicht erwünscht.

In einer Welt, die eigentlich nur noch das Prinzip des Marktes kennt, wäre es doch besser, auch genau diese Worte und Prinzipien zu verwenden, damit das System wieder (auch durch neue Ärzte) verstanden wird. Wieso traut man der Allgemeinbevölkerung nicht zu, über Geld reden zu können?

Ohne das SGB V wäre die KV Sachsen eine Vereinigung von Ärzten von geprüfter Qualifikation, mit Dienstleistungen für den Staat, flächenweit und ohne Konkurrenz. Kein anderer Marktanbieter kann uns ersetzen, sonst wäre der Sicherstellungsauftrag schon lange weg. Und das Drohmoment der Krankenhäuser ist lächerlich. Wir können ja mal zwei Wochen lang alle ambulanten Fälle in die Kliniken schicken. Schon in der ersten Woche wäre das System zusammengebrochen. Die Krankenhäuser haben doch nicht einmal einen flächendeckenden Facharztstandard in ihren Notaufnahmen.

Wieso wird diese Stärke dieser Vereinigung nicht genutzt, nicht auf den Verhandlungstisch gelegt? Alle Ärzte an der Basis, an der Frontversorgung, brauchen keine Angst zu haben, sie sind nicht zu ersetzen, egal wie viele Pseudoberufe noch eingeführt werden.

Und ohne den Direktbefehl aus Berlin, per Änderung des SGB V, kann man dann auch per freier Wirtschaft andere Dinge angehen:

  • Die Digitalisierung auf Basis von Angebot und Nachfrage, ohne Verdacht des Großlobbyismus und ohne staatlichen Zwang. Das geht weiter bei den Softwarevorschriften der KBV, die die Vorgaben und Kosten anpasst, aber uns zur Nutzung zwingt. Einen wirklichen Softwaremarkt mit modernen Entwicklungsmethoden, wie Open Source, gibt es in diesem 1990 stehgebliebenen System nicht. Die Digitalisierungskosten steigen von Jahr zu Jahr und Ende des Jahres kommt noch ein großer Brocken durch die neuen (Zwangs-)Vernetzungskosten. So billig ist es nicht, Patientendaten an ein globales Netz anzuschließen.
  • Ein Beschwerdewesen gegen Krankenkassenmitarbeiter, die durch Fehlberatung Fehlbedürfnisse provozieren. Oder steht wirklich so vielen Patienten „die Fußpflege“ zu oder Massagen? Wieso werden anstatt den Patienten die harten Grenzen der Heilmittelbudgets vorzuführen, Luxusgüter finanziert, wie Osteopathie?
  • Der Bereitschaftsdienst wird nur angeboten, wenn die Krankenkassen das auch buchen oder sich andere Anbieter finden, die einen solchen Bereitschaftsdienst anbieten, wie wir ihn im Moment finanzieren. Schon im einfachen betriebswirtschaftlichen Überschlag, unter Annahme der für die Nicht-Vertragsärzte geltenden Arbeitszeitgesetze und Stundensätzen aus der freien Wirtschaft, wäre es besser, hier den Markt die Preise und Angebote regeln zu lassen. Dann sind nicht wir Ärzte die Bösen der Nation, sondern andere Verantwortliche. Denn wäre es nicht besser, die Blutdruckselbstmessung und Anforderung eines Arztes mit Facharztstandard und 12 Jahren Ausbildung, würde per Preis reguliert, anstatt des Sachleistungsprinzips?

Das sind die großen Brocken. Viele andere Probleme lassen sich dann anstatt im SGB-V-Deutsch anders und wahrscheinlich besser für die Zukunft des Systems lösen.

Ohne das aktuelle SGB V sind wir freiere Ärzte. Wenn man in manche Bereiche und Facharztdisziplinen schaut, hat der Umbau auch schon begonnen. Bricht die vertragsärztliche Versorgung weg, müssen die gesetzlichen Krankenkassen die Privatrechnung übernehmen. Jetzt stelle man sich vor, eine MVZ-Kette gibt auf einmal die Zulassungen einer Facharztgruppe für mehrere Landkreise zurück. Was werden die Krankenkassen machen? Mit der KV reden? Wo soll die KV die Fachärzte hernehmen? Die Krankenkassen denken in Kunden und nicht in Versicherten. Es ist den Krankenkassen daher egal, wer ihre Kunden versorgt.

Die Krankenkassen sind Unternehmen geworden und halten sich schon lange nicht mehr an die Prinzipien der Sozialversicherung. Schauen Sie nur, wie die neuen digitalen Gesundheitsapplikationen durch Krankenkassenmitarbeiter verordnet werden können, wenn nur irgendwann eine entsprechende Diagnose im Computer steht. Die Krankenkassen bauen selbst ihre Anbieter von Apps auf, finanzieren sie. Alle Eingriffe per Telematik in den Praxisalltag sind dem Lobbyismus der Krankenkassen in Berlin geschuldet. Mit den „Onlinesprechstunden“ ist ein paralleler Sicherstellungsauftrag schon existent.

Ich möchte zu einer Diskussion über die Zukunft des Systems anregen und wie wirklich die Gesundheitsversorgung aussehen soll.

Bei dieser Diskussion prallen Ansichten verschiedener Generationen verschiedener Sozialisation aufeinander. Ich bin 34 Jahre alt, hätte noch 30 Jahre vor mir als Grundversorger, mag meine Heimat und sehe sehr klar, dass viele meiner ehemaligen Kommilitonen ein Leben ohne das Formular 61 anstreben. Doch sollten wir nicht lieber über das Formular 61 als Relikt der Vergangenheit lachen?

Mit freundlichen kollegialen Grüßen,
 

Christoph Lohmann
Facharzt für Allgemeinmedizin