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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 05/2020

Gelebte Verantwortung versus Zwangsverpflichtung



Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unabhängig davon, ob die Rechtsgrundlage für eine Zwangsverpflichtung von Ärztinnen und Ärzten wie zum Beispiel in Würzburg in Bayern am Ende juristischer Prüfung standhielte oder nicht, haben alle Bürgerinnen und Bürger, natürlich auch die in Pflegeeinrichtungen lebenden, Anspruch auf angemessene ärztliche Versorgung. Kolleginnen und Kollegen, welche Tag für Tag diesen Anspruch unter hohem persönlichem Einsatz realisieren, verdienen Respekt und keine Willkür, diese demotiviert. Die sich für die Gesellschaft ergebende Frage, was wohl effizienter ist, Dienst nach Vorschrift oder Engagement aus Überzeugung, lässt sich unschwer beantworten.

Politik muss sich darauf konzentrieren, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Ein gewisser Beitrag dazu sind die Änderungen des SGB V im Artikel 3 des Gesetzes zum Ausgleich COVID-19-bedingter finanzieller Belastungen der Krankenhäuser und weiterer Gesundheitseinrichtungen. Den Freiraum, welchen dieses Gesetz schafft, haben, wie Sie im Editorial lesen konnten, Vorstand und Vertreterversammlung der Kassenärztliche Vereinigung Sachsen genutzt, einen (Not-)Honorarverteilungsmaßstab zu schaffen, welcher es sächsischen Vertragsärzten und Psychotherapeuten erlaubt, ohne wirtschaftliche Existenzangst so zu arbeiten, wie es in der momentanen Situation notwendig und möglich ist, ein Privileg, von dem andere Branchen nur träumen können und das es auch in Zukunft zu rechtfertigen gilt.

Kein Beitrag zu guten Rahmenbedingungen ist das Abhandenkommen von Schutzausrüstung auf dem Weg von Fernost nach Deutschland. In Anbetracht des dadurch unnötig verstärkten Mangels, des damit gefährdeten Arbeitsschutzes für medizinisches Personal und des Patientenschutzes gilt das gleiche erst recht zum Beispiel für die Verpflichtung eines Hausarztes in Würzburg zu 94 Wochenstunden nach dem Motto, Ärztinnen und Ärzte sind es gewohnt, deutlich mehr zu arbeiten, als es irgendein Arbeitsrecht auch nur annähernd vorsieht. Als ob eine Kommunalverwaltung besser wüsste, wie Ärztinnen und Ärzte effizient in der Versorgung wirksam werden können, als diese selbst. Um solche Kommunen wird in Zukunft wahrscheinlich vor allem unser Nachwuchs zu Recht einen großen Bogen machen.

Wir derzeit in Sachsen kassenärztlich tätige Kolleginnen und Kollegen finden, wo und wann es geboten ist, unter Koordination der Kassenärztlichen Vereinigung am ehesten selbst tragfähige Lösungen, zum Beispiel, wer sich von uns auf die ärztliche Versorgung welcher Pflegeeinrichtung konzentriert. Der umfangreiche Beitrag zur Schaffung und Besetzung eines Netzes stationärer und mobiler SARS-CoV-2-Testambulanzen auf freiwilliger Basis ist der jüngste Beweis dafür. Auch ist es wohl selbstverständlich, dass bei der Behandlung von Patienten mit nicht auszuschließender oder bestätigter SARS-CoV-2-Infektion ältere oder aus anderen Gründen selbst zu Risikogruppen gehörende Kolleginnen und Kollegen vertreten werden können. Im Gegenzug übernehmen diese im gleichen Zeitraum die Patienten, auf welche das nicht zutrifft. Das ist gelebte ärztliche Verantwortung und Solidarität und bewirkt außerdem einen effizienteren Einsatz der noch in überschaubarem Umfang vorhandenen Schutzausrüstung.

Eine der nächsten Herausforderungen, vor welche uns diese Pandemie in Deutschland stellt, ist zum Beispiel im Rahmen der Digitalisierung die Etablierung der vieldiskutierten App, mit welcher sich deren Nutzerinnen und Nutzer, welche untereinander ausreichenden Kontakt für eine mögliche Übertragung hatten, über den Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion in diesen Personenkreis anonym informieren können. Die jetzt vorgesehene dezentrale Datenspeicherung ausschließlich auf den Smartphones der Nutzer wird es erleichtern, diese App Patienten nahezubringen und sie zu ermutigen, ihre Daten freiwillig der Pandemieforschung zur Verfügung zu stellen, vorausgesetzt deren Anonymisierung ist sicher.

In dem Bewusstsein, dass uns auch eine solche Pandemie wieder einmal vor Augen hält, wie wenig selbstverständlich Gesundheit ist, wünsche ich Ihnen von Herzen: bleiben Sie gesund.

 
Ihr Axel Stelzner