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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 01/2020

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

jeder kennt das Sprichwort. Und dank Google dann auch gleich dessen Herkunft:
Der griechische Maler Apelles soll seine Gemälde so aufgestellt haben, dass er hinter diesen stehen und die Bemerkungen der Betrachter anhören konnte. Ein Schuster bemängelte das Fehlen einer Öse an einem gemalten Schuh, woraufhin Apelles diese ergänzte. Der stolze Schuster kritisierte nun aber auch noch das Bein, was Apelles mit dem Ausruf „Ne sutor supra crepidam!“ – ‚Der Schuster soll nicht über seinen Leisten hinaus (urteilen)!‘, quittierte.

Am 27. November 2019 fand in den Räumen der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin eine Tagung der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG) zum Thema „Unendlichkeit des Sozialstaates!?“ statt. Geladen war u. a. der Wirtschaftswissenschaftler Professor Bernd Raffelhüschen. Seine Ausführungen zur zukünftigen Finanzierbarkeit aller Sozialreformen nach der Ära Schröder waren übrigens, kurz gesagt, vernichtend.

Bei dieser Veranstaltung äußerte sich auch Dr. Kerstin Kemmritz, die Präsidentin der Berliner Apothekerkammer – offensichtlich durch die aktuelle Gesetzgebung bezüglich des Impfens in Apotheken in Goldgräberstimmung – dahingehend, dass auf diesem Gebiet doch ein Wettbewerb zwischen Apotheken und Ärzten wünschenswert sei.

Wer Professor Raffelhüschen auch nur ein wenig kennt, hätte ahnen können, wie seine Reaktion ausfallen würde. Er merkte nur an, Wettbewerb wäre hier eine interessante Idee, besonders unter dem Gesichtspunkt, dass wir uns in Deutschland ja mit den Apothekern die teuersten Verkäufer leisten würden … Ich dachte spontan: Technischer K. O.

Es gibt auch andere Möglichkeiten, das Thema konfrontativ anzugehen. Etwa so: Wenn jetzt der Apotheker mit dem Impfen etwas tun soll, was er nicht gelernt hat, dann könnte ja theoretisch auch der Arzt das Verkaufen von Medikamenten übernehmen, obwohl er es nicht gelernt hat. Nicht-Qualifikation als Grundlage des Tuns ist ein neuer interessanter Aspekt. Das kommt einem ja irgendwie bekannt vor …

Aber wollen wir diese Konfrontation? Sicher nicht! Und schon gar nicht in Sachsen! Vielleicht weil die sächsischen Erfolge in kriegerischen Auseinandersetzungen eher begrenzt waren, haben wir „tu felix Saxonia“ friedlichere Umgangsformen entwickelt und alles eher unter das Motto der netten Schrift von Antje Hermenau gestellt: „Loofen musses“.

Es wäre sinnvoll, wenn die Sächsische Apothekerschaft die nicht von ihr, sondern vom Bundesgesundheitsminister eingebrachte Initiative mit der auch aus unserer Sicht erforderlichen Distanz und Skepsis begleiten würde.

Wir möchten daran festhalten, dass die Apotheker die Partner der Ärzte sind. Den Erfolg – und den Nutzen für die Patienten – bringt die interprofessionale Zusammenarbeit zwischen gleichberechtigten akademischen Partnern, aber mit Sicherheit nicht die Eröffnung eines neuen Konfliktfeldes. Das lange und schwierige Studium der Pharmazie befähigt den Apotheker, auf dem Gebiet der Medikation für den Patienten großen Nutzen zu stiften und wir haben mit ARMIN, der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen, gezeigt, dass die Zusammenarbeit noch optimiert werden kann, auch um noch mehr vom Wissen der Apotheker zu profitieren. Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, vor allem dem Präsidenten der Sächsischen Landesapothekerkammer und ABDA-Präsidenten Friedemann Schmidt, der – und nach meiner Meinung sehr zu Recht – die Zukunft des Apothekerberufes genau auf diesem Gebiet sieht, für die hierbei geleistete Unterstützung zu danken. Den Weg sollten wir weiter gehen und ich möchte an dieser Stelle weitere Ärzte für unser Projekt sensibilisieren.

Ganz zuletzt aber auch noch ein grundsätzlicher Appell an alle Kolleginnen und Kollegen. Die Politik reagiert immer auf festgestellte (zum Teil vermeintliche) Missstände. Als solche wurden die unzureichenden Impfquoten erkannt. Allerdings gilt das – wie so oft – wesentlich mehr für die alten Bundesländer, denn deren Impfquote liegt ausweislich des Epidemiologischen Bulletins 1 / 2018 des Robert Koch-Instituts am Beispiel der Grippeschutzimpfung bei 34,1 Prozent, die der neuen Bundesländer bei 50,9 Prozent.

Auch wenn wir in Sachsen im Bundesvergleich schon an zweiter Stelle liegen, sollten wir erst dann zufrieden sein, wenn wir in Deutschland den Spitzenplatz erreicht haben.

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich

Ihr Klaus Heckemann