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Individuelle Work-Life-Balance im Konsens mit gesetzlichem Auftrag zur Sicherstellung?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Kalenderjahr neigt sich dem Ende zu und wie in jedem Jahr werden bald die Wörter des Jahres bekanntgegeben. Seit einiger Zeit wird auch ein Anglizismus des Jahres gekürt, und es würde mich nicht wundern, wenn es der Begriff „Work-Life-Balance“ wäre. Scheinbar haben sich die Deutschen damit arrangiert, dass es keine prägnante deutsche Übersetzung für den Zustand der Harmonie zwischen den Anforderungen des Berufslebens und den Bedürfnissen im Privatleben gibt. Selbst das Bundesministerium für Familie hat Schriften zur erfolgreichen Umsetzung der Work-Life-Balance herausgegeben. Im Herbst waren wochenlang Werbeplakate des Informationstechnikzentrum Bund im Universitätsviertel Dresdens zu sehen, auf denen man zum Updaten seiner Work-Life-Balance eingeladen wurde. Welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Trend auf den Bereich des Gesundheitswesens hat, zeigt sich u. a. daran, dass in Zeiten des Ärztemangels großformatige Werbeanzeigen im Deutschen Ärzteblatt erscheinen, wo dieser Aspekt als führendes Merkmal für die Stellenbeschreibung angeführt wird.

Im November 2019 fand am Uniklinikum Dresden ein Symposium der Fachbereiche Allgemeinmedizin und Public Health zum Thema „Wo bleiben die Ärzte?“ statt. Dabei wurde eine aktuelle Befragung unter den gegenwärtig Studierenden zu den wichtigsten Kriterien für die Wahl der Facharztweiterbildungsrichtung präsentiert. Bereits an zweiter Stelle nach dem fachlichen Interesse wurde das Kriterium der erwarteten Realisierung der Work-Life-Balance genannt, während andere Faktoren wie z. B. die finanzielle Seite als weniger ausschlaggebend bewertet wurden.

Was bedeutet nun dieser Trend für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung im Bereich der KV Sachsen? Der Versorgungsauftrag durch die niedergelassenen Ärzte außerhalb der Bereitschaftsdienstzeiten umfasste in den Gründungsjahren der KV 60 Wochenstunden. Infolge der schrittweisen Einführung von Mittwochs- und später Freitagsbereitschaftsdiensten reduzierte sich die Zeit auf aktuell 50 Stunden Präsenzpflicht bei vollem Versorgungsauftrag. Durch die Zunahme von Ärzten im Angestelltenstatus mit verkürzten Arbeitszeiten ist es meist unproblematisch, die Vormittagssprechstunden abzusichern, während die langen Tage Montag, Dienstag und Donnerstag oft unzureichend besetzt sind bzw. die Organisation von Vertretungen nicht konsequent genug erfolgen kann.

Erfreulicherweise ist die Einkommenssituation der niedergelassenen Ärzte so, dass oft die Einkünfte aus einer hälftigen Zulassung den Lebensstandard sichern können, insbesondere wenn der Partner oder die Partnerin ebenfalls hälftig beisteuern kann. Diese Konstellation führt aber zu Kapazitätsengpässen, wenn auch Ärzte mit vollem Versorgungsauftrag ihr Leistungsangebot auf das Kerngeschäft an den Vormittagen reduzieren, weil die Umsatzziele erreicht werden.

Natürlich ist die Arbeit an den Vormittagen bei vollem Personalbestand pro Stunde effektiver und selbstverständlich ist der Patient hocherfreut, einen ausgeruhten, ausgeglichenen und konzentrierten Arzt am Vormittag zu konsultieren. Trotz aller gesellschaftlichen Akzeptanz des Bedürfnisses des Einzelnen nach möglichst optimaler Work-Life-Balance sollten wir dies als Ärzte nicht ausschließlich an den Arbeitszeiten festmachen, sondern eher durch Kooperationsmodelle, Delegierung von Leistungen an das Personal und Nutzung der Vorteile der Digitalisierung anstreben.

Prognostisch erschwerend müssen wir allerdings bedenken, dass nach einer Analyse von Kammerpräsident Erik Bodendieck auf dem Treffen des Netzwerkes „Ärzte für Sachsen“ im September für einen Arzt, der in den Altersruhestand wechselt, zwei neue Kollegen benötigt werden, um die gleiche Versorgungskapazität zu erzielen. Vor ca. fünf Jahren war noch mit drei neuen Ärzten für zwei ausscheidende Kollegen gerechnet worden. Die mathematisch schlüssigste Folge wäre dann natürlich die Verdopplung der Anzahl der Berufseinsteiger durch mehr Studienplätze und / oder die Anwerbung von Ärzten aus dem Ausland.

Der Gesetzgeber hat den Landesausschüssen der Ärzte und Krankenkassen gerade eine neue Richtlinie für die zukünftige Bedarfsplanung vorgegeben, die bundesweit den Bedarf von ca. 3.500 neue Arztstellen ausweist. Leider wurden die 3.500 Kollegen nicht mitgeliefert, so dass wir damit rechnen müssen, dass auch unter Berücksichtigung der Work-Life-Balance-Erwartungen andere Elemente im ärztlichen Sektor aufgespürt werden müssen als nur die Reduktion der aufgewendeten Arbeitszeit. Vielleicht greift hier eher der Begriff der Work-Life-Integration, der die Mischung von privaten und beruflichen Aufgaben und Interessen ohne feste Zeitabgrenzung durch intelligentes Management umfasst.

Vielleicht ließe sich das Dilemma zwischen der Notwendigkeit der Gewährleistung der Sicherstellung und dem gesellschaftlich akzeptierten Streben nach individueller Work-Life-Balance lösen, wenn unser agiler Bundesminister nach seinen zahlreichen Gesetzesinitiativen zugunsten von Patienten und Wählern auch mal eine Initiative zugunsten der Ärzte im Konsens mit dem Wissenschaftsministerium auf den Weg bringt. Damit würde anerkannt, dass Altruismus der Ärzte allein zur Sicherung einer qualitativ und quantitativ guten Versorgung nicht ausreicht, sondern auch ausgeruhte, leistungsbereite und motivierte Ärzte, die nicht von Burnout bedroht sind, benötigt werden. In diesem – vielleicht WLBG genannten – Gesetz könnte man mit gutem Willen noch Bausteine zum Abbau von Bürokratie, Reglementierung und Budgetierung einflechten.

In der Vorweihnachtszeit darf man bekanntlich Wünsche äußern und zum Jahreswechsel Vorsätze fürs neue Jahr fassen. Insofern hoffe ich schon, dass man in Berlin nicht an der Versorgungsrealität vorbei regiert, gerade wenn man im Sinne der Erhaltung der Gesundheit der Ärzteschaft an einem langen Berufsleben interessiert ist.

Schließlich sind wir nach dem neuen Ärzteeid verpflichtet, alles zu unternehmen, was der Erhaltung unserer Schaffenskraft dient.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien frohe entspannte Weihnachtstage und einen guten Start in das Jahr 2020.
 

Ihr Johannes-Georg Schulz

Aktuelle URL: https://www.kvs-sachsen.de/mitglieder/kvs-mitteilungen/2019/122019/standpunkt/?drucken=1
Datum: 07.08.2020