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Studieren in Ungarn – Praktizieren in Sachsen

Die ersten elf Absolventen des Modellprojekts „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“ haben an der Universität im ungarischen Pécs ihr Staatsexamen abgelegt. Die Schaffung weiterer Studienplätze für Mediziner wurde Ende Juni vertraglich vereinbart.

Das Modellprojekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“ wurde von der KV Sachsen bereits 2013 initiiert. „Wir haben schon zu diesem Zeitpunkt aktiv gehandelt, denn uns war klar, dass aufgrund der Altersstruktur unserer sächsischen Vertragsärzte ein zukünftiger Ärztemangel absehbar ist“, sagte Dr. med. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen. Mit dem Programm hat die KV Sachsen vorausschauend gehandelt und bewiesen, dass es sich lohnt, langfristig ein Feld zu bestellen, auch wenn es ein paar Jahre dauern kann, bis man die ersten Früchte erntet. „Elf künftige Hausärztinnen und Hausärzte: Das ist eine gute Nachricht für die Bürgerinnen und Bürger im Freistaat Sachsen. Denn das bedeutet, ihre medizinische Versorgung wird zukünftig gesichert sein“, freute sich Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch.

Und es gibt noch mehr gute Nachrichten für die medizinische Versorgung in Sachsen: Zusätzlich zu den jeweils 20 von KV und Kassen geförderten Studenten pro Jahrgang sollen ab 2020 noch weitere 20 Studienplätze mit dem Ziel der späteren ärztlichen Tätigkeit in Sachsen durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) finanziert werden. Dazu wurde am 28. Juni 2019 an der Universität Pécs eine Kooperationsvereinbarung zwischen der KV Sachsen und dem SMS unterzeichnet. Die nach Ungarn gereiste Delegation aus Sachsen nahm außerdem am abendlichen Festempfang für die jungen Absolventen teil und Dr. Heckemann zusammen mit dem Hauptinitiator des Programmes, Prof. Dr. Heiner Porst, einen Tag später auch am Ritual der feierlichen Graduation aller Absolventen der medizinischen Fakultät.

Die Absolventen

Rund 80 junge Sachsen studieren derzeit im Rahmen des Kooperationsprojektes an der Universität Pécs. Eine der Absolventinnen ist Juliane Wagner aus Zwickau. Unter anderem über eine Ausbildung zur Physiotherapeutin hatte die heute 29-Jährige versucht, ihrem Kindheitstraum näher zu kommen. „Medizin zu studieren war tatsächlich ein Wunsch, der seit meiner Kindheit bestand. Mit Hilfe der KV Sachsen durfte ich nun diesen Traum in die Realität umsetzen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ungarn ist zu meiner zweiten Heimat geworden und ich werde auch in Zukunft den Kontakt zur Universität und zu meinen Freunden hier aufrechterhalten.“ Neben dem Medizinstudium arbeitete sie zeitweise als Physiotherapeutin. Im August beginnt sie ihre allgemeinmedizinische Facharztausbildung an einer Klinik in Werdau, in der Nähe ihrer Familie.

Auch Felix Liebscher freut sich schon auf die Rückkehr in die Heimat und ganz besonders auf seine acht Monate alte Tochter. Der 25-Jährige startet demnächst seine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner am Klinikum Chemnitz. Er stammt aus dem Erzgebirge und hatte sich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr für das Projekt in Ungarn beworben. Wichtig war für ihn, auch die Landessprache zu erlernen, denn nur so war es möglich, mit den ungarischen Patienten zu kommunizieren. Auf einen hohen praktischen Anteil und viele Übungen wurde seitens der Dozenten großer Wert gelegt. „Ich freue mich auf die Zeit als niedergelassener Arzt“, so Felix Liebscher.

Viele der Absolventen betonten, dass Pécs nicht nur ein Ort zum Studieren, sondern auch eine zweite Heimat geworden sei. Das Modellprojekt steht also auch für ein europäisches Miteinander.

Die Universität

Als älteste Universität Ungarns – sie wurde 1367 gegründet – besitzt die Universität Pécs eine lange Tradition der akademischen Ausbildung. Die Universität gliedert sich heute in zehn Fakultäten mit rund 30.000 Studenten und ist damit die größte Institution in Ungarns Hochschulwesen. Seit 2004 bietet sie neben einem englischsprachigen auch einen deutschsprachigen Studiengang Humanmedizin an. An der medizinischen Fakultät studieren rund 3.600 junge Leute aus bisher insgesamt mehr als 60 Ländern der Welt.

Zur Fakultät gehören auch sogenannte Skills Labs. Es sind Übungseinrichtungen für Medizinstudierende, in denen, anders als in der klinisch-theoretischen Ausbildung im Studium, gezielt die praktischen Fähigkeiten und Szenarien trainiert werden. Ohne Druck und Leistungsstress des oftmals hektischen Klinikalltags können medizinische und ärztliche Fertigkeiten an realistischen Modellen oder in Simulationen mit „Patienten“, die von Schauspielern dargestellt werden, erlernt und geübt werden. Als Ansprechpartner und Trainer vor Ort stehen studentische Hilfskräfte und ärztliche Dozenten den Übenden zur Seite.

Die Stadt

Pécs (Fünfkirchen) ist die fünftgrößte Stadt des Landes, mit ungefähr 150.000 Einwohnern. Sie ist Metropole des Landesteiles Südwestungarn, in den nach dem Ende der Türkenherrschaft im 18. Jahrhundert von den Habsburgern die so genannten Donauschwaben geholt wurden. Deshalb gibt es auch heute noch einen nennenswerten Bevölkerungsanteil, der der deutschen Sprache mächtig ist. Die Stadt liegt malerisch am Fuße des Mecsek-Gebirges. Die Gegend ist bekannt für den Weinbau, der Wein aus Villany (Wieland) ist weltberühmt. Das künstlerische Leben, die Ausstellungen und Festivals verleihen ihr ein mediterranes Ambiente. Mit der 1853 gegründete Keramikmanufaktur von Vilmos Zsolnay machte sich die Stadt international einen Namen. Im Herzen der Innenstadt von Pécs, am Szent-István-Platz neben der Basilika, steht die älteste Sektfabrik Ungarns. Diese multinationale Stadt ist wissenschaftliches, kulturelles und ökonomisches Zentrum Südwestungarns. 2010 trug Pécs den Titel Kulturhauptstadt Europas.

Der Vertrag

Ab dem kommenden Jahr sollen weitere 20 Plätze für Medizinstudenten in Pécs mit dem Ziel der späteren ärztlichen Tätigkeit in Sachsen durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) finanziert werden. „Ich bin sehr dankbar für die gute und intensive Zusammenarbeit mit Ungarn. Die Studienplätze in Pécs helfen uns, Allgemeinmediziner für Sachsen zu gewinnen“, sagte die Sächsische Gesundheitsministerin Barbara Klepsch. Sachsen will den Austausch mit Ungarn weiter intensivieren.

Die Veranstaltungen

Mit zwei Festveranstaltungen wurde der Jahrgang 2013/2014 der Medizinischen Fakultät in Pécs feierlich verabschiedet. Umrahmt von einem musikalischen Programm zollten die Ehrengäste sowohl den Absolventen als auch den Dozenten an der Universität Pécs Respekt. Neben der Sächsischen Gesundheitsministerin Barbara Klepsch waren die Vorstandsvorsitzenden der KV Sachsen, Dr. med. Klaus Heckemann und Dr. med. Sylvia Krug, sowie der ehemalige Stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Prof. Dr. Heiner Porst, mit anwesend. Zu den Gästen zählten neben dem Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Miklós Nyitrai, unter anderem die Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Zsuzsanna Gerner, der Bürgermeister der Stadt Pécs, Dr. Zsolt Páva, der Prodekan für Bildung, Prof. Dr. László Czopf. Sie machten in ihren Redebeiträgen deutlich, wie wichtig die Kooperation für beide Länder sei – gewinnbringend und langfristig. Des Weiteren nahm auch der von den Studenten hoch geschätzte Vorsitzende der Kommission des Deutschsprachigen Studienganges der Medizinischen Fakultät der Universität Pécs, Prof. Dr. Péter Than – der die Kooperation zwischen Deutschland und Ungarn schon allein durch seine aus Zschopau stammende Mutter verkörpert und deshalb natürlich auch perfekt deutsch spricht – an der Veranstaltung mit teil.

 


                                                                                      – Öffentlichkeitsarbeit / pfl –