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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 11/2018

Wandel und Gelassenheit: Wohin wird uns die Telemedizin führen?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Erde dreht sich um die Sonne. Ob das nun ins eigene Weltbild passt oder nicht – keiner kommt daran vorbei. Nicht viel anders dürfte es uns mit den weitreichenden Umwälzungen im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung gehen. Nur, die Gesetze der Astronomie erscheinen als gesichert und ermöglichen verlässliche Prognosen. Die hochkomplexen Veränderungen in unserer Zeit, die alle Lebensbereiche durchdringen – und dies mit exponentieller Geschwindigkeit – sind in ihren Folgen kaum wirklich abschätzbar. Und diese Entwicklungen vollziehen sich mit einer Rasanz, die von vielen als bedrohlich empfunden wird und – das zumindest ist meine Meinung – dem Wesen des Menschen widerspricht und ungesund ist.

Das ist ein Grund für das scheinbare Paradoxon, dass ein diffuses, aber tiefes Gefühl der sozialen Verunsicherung um sich greift, obwohl es uns Deutschen überwiegend gut geht und wir uns über die bisher längste Friedensperiode unserer jüngeren Geschichte freuen dürfen. Erich Honecker irrte mit seiner Meinung: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“. Ironischerweise behielt er aber auf groteske Weise Recht, denn der Lauf der Geschichte ist nicht aufzuhalten. Und dies wissen wir implizit alle, und gerade auch deshalb fühlen sich viele diesem rasanten Verlauf der Entwicklung geradezu ausgeliefert – und reagieren darauf ganz unterschiedlich.

So ist es nicht verwunderlich, dass mit Blick auf das Gesundheitswesen in Deutschland Digitalisierung, neue Versorgungsmodelle etc. kritisch gesehen werden, und auch kritisch gesehen werden müssen. Dies schon deshalb, um dem irrationalen, missionarischen, überfliegenden Hype der von Sendungsbewusstsein Getriebenen oder den Populisten etwas Bodenhaftung entgegenzustellen. Aber auch unser Arbeitsumfeld und die Gestaltung von Diagnostik und Therapie werden sich wandeln – und wir uns damit wohl auch.

Der Deutsche Ärztetag in Erfurt hat in diesem Jahr eine Zäsur gesetzt. Er hob das absolute Fernbehandlungsverbot auf, der Sächsische Ärztetag hat sich dem angeschlossen und die Sächsische Berufsordnung geändert. „Der Arzt berät und behandelt den Patienten im persönlichen Kontakt. Er kann dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Aufklärung, Beratung und Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird.“

Die Kammerversammlung der Sächsischen Landesärztekammer hat das Für und Wider der Abschaffung des absoluten Fernbehandlungsverbotes kritisch diskutiert. Auch ich habe dort erklärt, dass ich alle Bedenken bezüglich dieser Öffnung teile, dennoch aber empfohlen, der Änderung zuzustimmen. Die Positionspapiere politischer Entscheidungsträger und Parteien sehen das bisherige absolute Fernbehandlungsverbot als „Relikt der Vergangenheit“ an, ganz gleich aus welchen Beweggründen und mit welchen – teils oberflächlichen – Argumenten. Es steht fest, dass die Politik diese Regelungen auf sozialgesetzgeberischem Weg erzwingen würde, hätten wir sie nicht selbst über die Berufsordnung geregelt. Man hätte es natürlich auch darauf ankommen und es die Politik regeln lassen können, wenn diese sowieso tut, was sie will. Andererseits sehe ich Chancen, wenn auch begrenzte, den Prozess der Digitalisierung und vieles mehr selbst mitgestalten zu können, um Politik und privaten Anbietern das Feld nicht völlig zu überlassen und dadurch von der Entwicklung überrollt zu werden.

Die Vertreterversammlung der KV Sachsen hat sich im September in einer Sondersitzung mit den veränderten Gegebenheiten und den Themen Aufhebung des absoluten Fernbehandlungsverbotes, Digitalisierung und Telemedizin beschäftigt und Beschlüsse im Grundsätzlichen und auch zu Modellprojekten gefasst, die die KV Sachsen sowie die sächsischen Vertragsärzte und -psychotherapeuten in die Lage versetzen werden, adäquat agieren zu können – und das für die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten in sinnvoller Weise.

Auf die Rasanz (und teils auch Absurdität) der Entwicklung sollten wir mit Sachlichkeit, unserer Berufs- und Lebenserfahrung und unserer Expertise antworten, vor allem aber mit Gelassenheit. Alle neuen Technologien werden das Besondere des menschlichen Miteinanders dem Grunde nach nicht ersetzen können. Uns aber kann es gelingen, das Nützliche des Neuen mit unserer Erfahrung zu verbinden. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass solche Modelle anderenorts schon auf den Weg gebracht wurden – und sich die Erde weiter um die Sonne dreht.

In diesem Sinne verbleibe ich mit freundlichen kollegialen Grüßen


Ihr Stefan Windau