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Antibiotika: Des Guten zu viel ?!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

rund um den Einsatz von Antibiotika ist eine heftige Diskussion entbrannt: Viel zu schnell und zu häufig werden Antibiotika verordnet.

Seit mehreren Jahren schon warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO vor zunehmenden Antibiotika-Resistenzen. Die Zahl der nicht oder zumindest nicht mit den üblichen Medikamenten therapierbaren Infektionserkrankungen nimmt gerade durch multiresistente Keime zu. Die Ursachen sehen Experten vor allem in der Nutzung von Antibiotika in der Lebensmittelindustrie und in der Verschreibung von Antibiotika bei viralen Infekten, wo sie in der Regel nicht indiziert sind.

Sie alle kennen diese Situation: Ein Patient kommt in Ihre Praxis, klagt über eine Erkältung, die „einfach nicht weggeht“, und möchte jetzt „etwas Richtiges“ verordnet bekommen. Wie groß diese Erwartungshaltung der Patienten an ihren Arzt tatsächlich ist, belegt eindrucksvoll eine im April dieses Jahres veröffentlichte Forsa-Umfrage unter rund 3.000 Deutschen über 18 Jahre.

So erwarteten 72 Prozent der Befragten eine Antibiotika-Verordnung, wenn ihre Erkältungsbeschwerden nicht innerhalb weniger Tage rückläufig sind. Junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren forderten dies häufiger als ältere Menschen ab 60 Jahren, obwohl ihr Wissen um die Wirksamkeit – Antibiotika helfen nur bei bakteriellen Infektionen – besser war als das der Älteren. Fast einem Viertel der Befragten wurde in den vergangenen zwölf Monaten einmal ein Antibiotikum verschrieben, zehn Prozent zweimal und drei Prozent sogar dreimal oder häufiger.

Der Druck auf uns Ärzte ist also groß. Deswegen sollte die Aufklärung dort ansetzen, wo dieser Druck entsteht – bei den Patienten. Sie müssen wissen, dass viel nicht immer viel hilft, sondern oft sogar schadet. Tatsächlich werden rund 90 Prozent aller Infekte der oberen Atemwege durch Viren hervorgerufen. Das heißt, der Einsatz von Antibiotika ist wirkungslos. Auch wenn es schwerfällt – Abwarten kann heilsam sein. Wenn wir das unseren Patienten vermitteln könnten, würden wir bald von deutlich niedrigeren Zahlen lesen.

Ich bin überzeugt, dass der Großteil von Ihnen absolut verantwortungsbewusst handelt, leitliniengerecht verordnet und Antibiotika nur dann einsetzt, wenn sie für die Therapie unverzichtbar sind. Natürlich ist es anstrengend und kostet Zeit, den Patienten zu überzeugen, dass in seinem Fall Antibiotika nicht helfen.

So wirkungsvoll und wichtig, ja lebensrettend Antibiotika sein können, zum Beispiel bei Lungen-, Harnwegs- und Hirnhautentzündungen oder septischen Krankheitsbildern, – kompliziert wird es, wenn es sich um multiresistente Erreger handelt. Als wichtiger Ansatz zur Verringerung dieser Resistenzen gilt der gezielte und sparsame Einsatz von Antibiotika, natürlich ohne die Patienten zu gefährden.

Statistiken belegen, dass etwa 85 Prozent aller Antibiotika im Bereich der Humanmedizin im ambulanten Sektor verordnet werden. Oft müssen wir in unseren Praxen zügige Entscheidungen treffen, ohne Nutzung von bildgebenden Verfahren oder Labordiagnostik. Um Antibiotika gezielt einzusetzen und Resistenzen zu vermeiden, werden zum 1. Juli 2018 neue GOP in den EBM aufgenommen, auf die in diesem Heft ausführlich eingegangen wird. Von Bedeutung ist auch die Einführung der neuen Kennnummer 32004 für den Wirtschaftlichkeitsbonus. Die in diesem Zusammenhang angeforderten Laborleistungen werden nicht auf die Laborkosten der Praxis angerechnet.

Um die Vergabe von Antibiotika zu strukturieren und unnötige Verschreibungen zu verhindern, befindet sich gerade ein überregionales Netzwerk im Aufbau: Das Antibiotikanetzwerk Sachsen. Es wird vom Klinikum St. Georg gGmbH Leipzig organisiert und richtet sich nicht nur an stationär, sondern ebenso an ambulant tätige Kollegen. Kooperierende Mediziner werden kostenfrei zu infektiologischen Fragen beraten und können an Schulungen zu Antibiotikatherapien teilnehmen.

Im Entstehen ist ein Antibiotikaregister, in dem Daten von Infektionen gesammelt, analysiert und bewertet werden, um Ärzten entsprechende Handlungsempfehlungen zu geben. Lesen Sie dazu bitte auch den Beitrag der Projektleiterin Dr. Nicole Lakowa in diesem Heft auf Seite 10.

In der Hoffnung, hier sensibilisierend und nicht belehrend „rübergekommen“ zu sein, verbleibe ich
mit herzlichen Grüßen


Ihre Sylvia Krug