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Widerspruchslösung für die Organspende

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ein halbes Jahr hat die Regierungsbildung das Land in Atem gehalten. Ein halbes Jahr schwang die Hoffnung mit, einen Neuanfang an der Spitze zu wagen und auch die entscheidenden Positionen mit Experten für das jeweilige Ministerium zu besetzen. Am Ende ist es gekommen, wie es (leider) zu erwarten war: Die Große Koalition wird uns vier weitere Jahre regieren.
Auf CDU-Seite gehören die fähigsten Minister aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr der Regierung an, aber diejenigen, bei denen man sich schon fragt, was sie zur Leitung ihres Ressorts befähigt, werden weiterbeschäftigt. Die SPD hat ihren Kabinettsanteil zwar ordentlich durchgemischt, aber interessiert sich wieder einmal nicht im geringsten dafür, was der angebliche Souverän so denkt. Während in der Bevölkerung Sigmar Gabriel von allen Politkern in den letzten Monaten die höchsten Sympathiezuwächse erzielen konnte und von den meisten als Außenminister weiterhin favorisiert wurde, waren der SPD-Führung die Aufarbeitung persönlicher Animositäten wichtiger. Fachliche Qualifikation wurde häufig ebenfalls dem Ausgleich der Parteiflügel, dem regionalen Proporz – insbesondere zu Gunsten des größten Landesverbandes NRW – und der Frauenquote geopfert. Letztendlich eine ziemlich groteske Vorstellung, die uns da in Berlin geboten wurde.

Aber, und das relativiert so manches: dieses Land wird – und das haben die letzten sechs Monate gezeigt – gegenwärtig jede Regierung gut überleben. Auch weil im Bundespräsidialamt, wie fast immer in der Bundesrepublik, ein integrer Präsident an der Spitze dieses Landes steht. Integer und vorbildhaft auch in ganz persönlicher Hinsicht: Frank-Walter Steinmeier hat 2010 seiner Frau eine Niere gespendet. Womit wir beim eigentlichen Thema wären.

Es ist nunmehr an der Zeit, sich wieder den Problemen intensiv zuzuwenden, die für das Leben ungleich wichtiger, ja überlebenswichtig sind. Ganz zuvorderst: das Problem der Organspende. Während Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, dies lesen, kämpfen Hunderte Patienten in Deutschland ums Überleben. Tausende müssen geduldig auf ein Organ warten, welches sie dringend benötigen. Wäre es nicht ein wirklich erstrebenswertes Ziel, dass es in einer konzertierten Aktion gelänge, ausgehend von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen und der Sächsischen Landesärztekammer, dann aber mit der Mehrzahl aller bundesdeutschen Pendant-Organisationen, eine Gesetzesänderung zugunsten der Widerspruchslösung bei der Organspende zu bewirken?

Hierbei ist jeder nach seinem Ableben automatisch Organspender, es sei denn, er widerspricht vor seinem Tod ausdrücklich einer Organentnahme, wobei er keinerlei Begründung angeben muss. Es kann die Entscheidung auch auf einzelne Organe eingegrenzt werden. Den älteren Kollegen wird dies aus DDR-Zeiten vertraut vorkommen.

Wir wären damit aber heute nicht allein in Europa. Ganz im Gegenteil: Derzeit gilt die Widerspruchslösung in 24 (!) Ländern unseres Kontinents. Zuletzt sind Frankreich und die Niederlande hinzugekommen. In unserem nordwestlichen Nachbarstaat sind gerade seit einem Monat alle volljährigen Patienten Organspender, die nicht widersprochen haben. Das Procedere: zunächst werden alle Bürger befragt, aber wenn sie keine Entscheidung treffen, sind sie automatisch in die Kartei der Spender aufgenommen.

Nur in vier Ländern, darunter in Großbritannien, gilt die sogenannte Zustimmungslösung. Sie besagt, dass man zu Lebzeiten einer Organentnahme nach dem Tod zustimmt. Geschieht dies nicht, wird diese Entscheidung unmittelbar nach dem Ableben den Angehörigen zugemutet.

Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem die Entscheidungslösung gesetzlich vorgeschrieben ist. Jeder soll die eigene Bereitschaft zur Organspende prüfen und schriftlich fixieren, wobei auch hier wieder einzelne Organe benannt oder ausgeschlossen werden können. Die Krankenkassen stellen dafür ihren Versicherten alle zwei Jahre einen Organspende-Ausweis zur Verfügung. Wir wissen, wie begrenzt letztendlich die Bereitschaft ist, sich schriftlich darauf festzulegen. Gerade einmal die Hälfte der Bevölkerung hat überhaupt schon einmal darüber auch nur nachgedacht. Gegenwärtig kommen in Deutschland auf eine Million Einwohner neun Spender. In Spanien, einem Land, in dem die Widerspruchslösung gilt, sind es 40 Spender pro eine Million Einwohner.

Deutschland, das ja gern als Lehrmeister in Europa auftritt und die eigenen Problemlösungsstrategien für allein selig machend deklariert, steht auch hier sehr einsam da.
Schaut man auf die Beweggründe für eine Organspende, so wird von 77 Prozent der Deutschen, die sich dafür entscheiden, angegeben, dass man anderen helfen möchte, und so dem eigenen Tod einen Sinn gibt. Aber: alle acht Stunden stirbt in Deutschland ein Mensch, weil kein Organ gefunden wurde.

Natürlich hat der „Organspendeskandal“ ein Übriges dazugetan, dass die Spendenbereitschaft seit 2012 gesunken ist. Warum schreibe ich Organspendeskandal in Anführungszeichen? Zumindest die Ärzte wissen, dass das Wort Skandal völlig überzogen ist. Einzelne Ärzte haben ihre Patienten „kränker“ gemacht, um deren Chancen auf ein Transplantat zu erhöhen. Das ist zwar generell nicht gut zu heißen, einen Skandal bedeutet es allerdings keinesfalls, da der Arzt sich nur etwas überobligatorisch für seine Patienten eingesetzt hat. Dass die Medien daraus einen Skandal-Hype machen, ist zumindest unverantwortlich und hat zum Rückgang der Spendenbereitschaft geführt. Verantwortlichen Umgang mit Fakten unter Berücksichtigung der Folgen einer Skandalberichterstattung von den Medien zu erwarten, wäre allerdings vergebene Liebesmüh.
Aber warum muss man die Angehörigen in einer Ausnahmesituation zu einer derartigen Entscheidung nötigen? Und ist es nicht grenzenlos naiv zu glauben, dass sich jedermann bewusst und mit vollster Kompetenz für oder gegen eine Spende entscheiden kann oder will? Und ist es nicht verständlich, dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen (mit akutem Organmangel) für den Laien die Angst gibt, dass ein Patient vielleicht doch nicht alle mögliche Hilfe erhält, um ihn als Spender zu rekrutieren, auch wenn das für uns Ärzte vollkommen absurd erscheint? Das Vertrauen in das System jedenfalls ist in der Bevölkerung mangelhaft. Erstaunlicherweise entscheiden sich in Deutschland nur zwölf Prozent aus religiösen oder ethischen Gründen gegen eine Organspende, trotz der Tatsache, dass die katholische Kirche sich gegen die Widerspruchslösung ausspricht.

Festzustellen ist leider, dass trotz der wohlmeinenden Idee, eine regelmäßige Befragung der Bürger durchzuführen, die Spendenbereitschaft nicht gestiegen ist. Mit Einführung der Widerspruchslösung wären diese Probleme von einer Minute zur anderen vom Tisch. Natürlich müssten sich die Krankenhäuser auf diese vollkommen neue Situation einstellen und auch personell unterstützt werden. Aber es wäre ein Riesengewinn für alle. In Ländern, die sich für die Widerspruchslösung entschieden haben, ist die Transplantationsrate erheblich gestiegen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns für diese längst überfällige Entscheidung zur Widerspruchslösung eintreten. Alles andere ist im Jahr 2018 den uns anvertrauten, schwer kranken Patienten nicht mehr zu vermitteln.

Mit besten Grüßen und der Bitte um Ihre Unterstützung.

Ihr Frank Rohrwacher