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Brauchen wir etwas mehr Optimismus?

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die folgenden Gedanken bringe ich in einer ruhigen Phase eines 24-Stunden-Notarztdienstes am frühen Morgen in der Rettungswache zu Papier. Wie viele andere Kollegen in Ambulanz oder Klinik auch, habe ich mir die vergangene Nacht wieder einmal weitgehend um die Ohren geschlagen. Aber die Erleichterung, welche vielen Patienten anzumerken ist, oft schon wenn man zur Tür hereintritt, lässt mich nur selten mit meinem Schicksal hadern, selbst wenn schnell klar wird, dass der Einsatz gerade auch zu den entbehrlichen gehört. Doch neben dieser unbewussten gibt es natürlich ebenso bewusste Fehlinanspruchnahme. Anstatt letztere beim Namen zu nennen, wird sie als vorsorgliche Alarmierung verklausuliert. Der Begriff vorsorglich bestärkt den medizinischen Laien eher noch in diesem Verhalten, anstatt ihm zu verdeutlichen, dass er leichtfertig mit finanziellen und personellen Ressourcen umgeht. Wen wundert’s, wenn die Kosten für den Rettungsdienst in die Höhe schnellen, im vergangenen Jahr in Deutschland auf über 2 Milliarden Euro. Keiner käme auf den Gedanken, Rettungsdienstträger für begrenztes Honorar zu unbegrenzten Leistungen zu verpflichten, wie es mit Kassenärzten geschieht. Die Aufklärung der Patienten über angemessene Inanspruchnahme ist sicher eine, aber gewiss nicht die alleinige dringend gebotene Maßnahme.

In einer Gesellschaft, in welcher sich Aufmerksamkeit am leichtesten damit erreichen lässt, etwas in Frage zu stellen und welche dadurch von einer Krise in die nächste stolpert, gehören Ärzte noch zu den nicht mehr allzu zahlreichen Fixpunkten für ihre Patienten. Die weit überwiegende Mehrheit der Patienten in Deutschland ist zufrieden mit ihren Ärzten und bringt dies auch deutlich zum Ausdruck. Warum fällt es uns trotzdem oftmals so schwer, ein positives Bild unseres Berufes zu vermitteln? Wahrscheinlich weil wir uns ausgenutzt fühlen. Ärztliches Ethos darf kein Nasenring sein, an dem uns in erster Linie die Politik tanzen lässt. Warum scheut man in diesem Land finanzielle Beteiligungen des Patienten immer noch? Patienten, welche sich bewusst sind, dass sie in ihrem Arzt einen verlässlichen Partner gefunden haben, hätten kein Problem mit einer solchen Beteiligung, insbesondere, wenn sie nur im Abschmelzen eines von der jeweiligen Krankenkasse gewährten Bonus bestünde. Durch eine einkommensabhängige Höhe der Beteiligung z. B. zwischen 0,1 und 10 Prozent und dem damit verbundenen unterschiedlich schnellen Abschmelzen des Bonus wäre die soziale Verträglichkeit gewährleistet. Dies funktioniert allerdings nur ohne generelle Befreiungen. Der medizinisch entbehrliche Teil der Leistungen für die überschaubare Zahl von Patienten, deren Maxime ist: „Ich (immer) zuerst“, würde sich entscheidend verringern. Allein mit Aufklärung ist dieses Problem nicht zu lösen, denn auch deren „Dosis-Wirkung-Beziehung“ verläuft nicht linear. Soviel mehr medizinische Versorgungskapazität, wie ansonsten gebraucht wird, lässt sich kaum schaffen, wenn überhaupt, nur auf Kosten nichtmedizinischer Bereiche. Das muss jedem, der sich ernsthaft mit diesem Problem auseinandersetzt, klar sein.

Weitere Beispiele für Systemfehler finden sich im EBM. Bei mehreren Besuchen in einer sozialen Gemeinschaft erfolgt ab dem 2. Besuch quasi ein Abschlag in Form der Gebührenordnungsposition 01413. Der Begriff soziale Gemeinschaft reicht dabei von der Familie, die eventuell an einem Tisch sitzt (in diesem Falle wäre ein Abschlag noch nachvollziehbar) bis zur beschützenden Einrichtung mit mehreren Etagen oder sogar mehreren Gebäuden. Der Aufwand für einen Hausbesuch ist dabei im Prinzip der gleiche, wie bei Besuchen von Patienten verschiedener sozialer Gemeinschaften im gleichen Gebäude. Das trägt nicht zur Erhöhung der Attraktivität besonders hausärztlicher Tätigkeit bei.

Ähnliches gilt für, auch von Hausärzten häufig erbrachte und für diese nicht abgebildete, Leistungen  bei DMP-Patienten wie z. B. Einstellung und Therapieintensivierung bzw. Insulinierung von Typ-2- Diabetikern. Die leitliniengerechte Indikationsstellung und Erbringung dieser Leistungen ließe sich jederzeit prüfen.

Echte Einzelleistungen wie diese sind die Alternative zur HZV. Denn was sich mit letzterer bis jetzt verbindet, wird dazu führen, dass aus diesem de facto Primärarztsystem das Wort Arzt gestrichen wird und Physician Assistants deren Platz einnehmen und aus Delegation an VERAH’s Substitution durch unabhängige VERA’s wird.

Lassen wir es nicht dazu kommen.

Mit herzlichen kollegialen Grüßen
 
Ihr Axel Stelzner