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Mehr Studienplätze? Gerechtere Auswahl?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
acht bzw. sechs Jahre Wartezeit sowie zwischenzeitlich abgeschlossene Ausbildungen zur Krankenpflegerin bzw. zum Rettungssanitäter – trotzdem blieb zwei Bewerbern das Medizinstudium versagt, angesichts eines Notendurchschnitts im Abitur von 2,0 bzw. 2,6. So führte der Weg nicht in die Medizinische Fakultät, sondern letztlich nach Karlsruhe zum Bundesverfassungsgericht. Die scharlachrot gewandeten Richter haben am 19. Dezember 2017 festgestellt, dass die bundes- und landesgesetzlichen Vorschriften über die Studienplatzvergabe für das Fach Humanmedizin teilweise mit dem Grundgesetz unvereinbar sind. Das Gericht monierte die Verletzung des grundrechtlichen Anspruchs der Studienplatzbewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot.

Das Zulassungssystem ist kompliziert: Nach einem Vorwegabzug an Plätzen für Auslandsstudenten und Härtefälle werden 20 Prozent der bundesweiten Plätze von der Stiftung für Hochschulzulassung an die Bewerber mit den besten Abiturnoten vergeben, wobei schon ein Durchschnitt von 1,2 keinen Studienplatz mehr sichert. Weitere 20 Prozent der Plätze vergibt die Stiftung nach Wartezeit, die im Wintersemester 2017 / 2018 bei 14 Semestern lag. Die übrigen Plätze, mithin 60 Prozent, werden im Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben. Das freie Ermessen der Hochschulen sowie die Vergleichbarkeit der Abiturnoten zwischen den Bundesländern wurden nun rechtlich in Frage gestellt.

45 Jahre zuvor, also 1972, waren diesen Weg bereits ein Bayer und ein Norddeutscher mit einem Notendurchschnitt von jeweils 3,25 gegangen, nachdem auch ihnen das Wunschstudium versagt blieb. Schon damals hatte das höchste deutsche Gericht so seine Probleme mit der Verfassungsgemäßheit der Auswahlkriterien und speziell mit dem NC.

Man kann dennoch hoffen, dass die judikativ veranlasste – und bis zum 31. Dezember 2019 zu realisierende – Überarbeitung des Zulassungsverfahrens zu einem höheren Maß an (Verteilungs-)Gerechtigkeit führen wird. Die massive Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage wird man hierdurch selbstredend nicht lösen: Aktuell wollen 43.184 Abiturienten in Deutschland ein Medizinstudium beginnen, zur Verfügung stehen hingegen nur 9.176 Plätze.

Eine Forderung nach Deckung der Nachfrage wäre nun aber auch verfehlt, denn bereits im NC-Urteil aus dem Jahre 1972 hat das Bundesverfassungsgericht zutreffend festgestellt, dass der Teilhabeanspruch des Einzelnen durch die Kostentragungsverpflichtung der Gemeinschaft limitiert sein muss. Allerdings ist hier nur die Kostentragungspflicht bezüglich des Studiums gemeint und keinesfalls die Problematik der Bezahlung der „zu vielen“ Ärzte (wenn es denn „zu viele“ Studienplätze gäbe). Die vom Bundesverfassungsgericht naturgemäß nicht zu klärende Grundsatzfrage besteht allerdings nicht vordergründig darin, wie die Studienplätze zu verteilen sind, sondern ob die vorhandenen 9.176 Studienplätze ausreichend sind, um den Bedarf an Ärzten und damit den Versorgungsbedarf adäquat zu decken. Ernsthaft und grundsätzlich wird mittlerweile wohl kaum noch jemand in Frage stellen, dass nicht ausreichend ärztlicher Nachwuchs verfügbar ist. Das verwundert auch nicht, wenn man einen Blick auf die Altersentwicklung der Bevölkerung wirft:

1950 lag der Anteil an über 65-jährigen noch bei 10 Prozent, 1975 bei 15, im Jahr 2000 bei 17, nun, 2018, wird er bei 22 und im Jahre 2025 dann bei 25 Prozent liegen. Die damit verbundene Zunahme an Versorgungsaufwand sollte sich auch (nichtärztlichen) Politikern erschließen. Die Anzahl der deutschen Medizinstudenten hingegen ist seit der Wende im Wesentlichen gleichgeblieben. (Im Gegensatz zu dem Anteil weiblicher Studierender, der signifikant gestiegen ist, gleichfalls dem Anteil angestellter Ärzte – beides Tendenzen, die zu einem von der Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung unabhängigen Mehrbedarf an Ärzten führen). Es dürfte nun höchste Zeit sein, dass die Politik die Grundlagen zum Ausbau des Kontingents an Medizinstudienplätzen schafft und sich für ein „Mehr“ an Studienplätzen entscheidet. Aus der Not geborene Maßnahmen zur Gewinnung ärztlichen Nachwuchses, wie unser (mit einem Mittelabfluss ins Ausland einhergehendes) Modellprojekt „Studieren in Europa“ könnten dann entbehrlich werden.

Vielleicht wäre es auch an der Zeit, neue Wege zu beschreiten, indem z. B. für ein Medizinstudium Gebühren erhoben werden, deren Erlass dann gewährt wird, wenn der Absolvent später dort arbeitet, wo er besonders gebraucht wird. Denkbar wäre auch, ein Probestudienjahr vorzusehen, in welchem dann subjektiv und objektiv die Eignung zum Mediziner sicherlich besser eingeschätzt werden könnte, als über die Abiturnote. Auch wäre es eine Überlegung wert, ob nicht ein solches „Ministudium“ dann alternativ im Rahmen einer anderweitigen außeruniversitären medizinischen Ausbildung anerkannt werden könnte.

Mein Fazit: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist gut, näher an der Ursache zu behandeln wäre besser.

In diesem Sinne
Ihr Klaus Heckemann