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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 10/2012

Ausgabe 10/2012

zum Inhalt dieser Ausgabe

Auch er war Arzt



Carl Arnold Kortum: Arzt und Dichter der „Jobsiade“

Von Manfred P. Bläske

Eine Historie lustig und fein/
gestellt in Knittelverselein/
von Hieronimus Jobs/
dem Kandidaten/
dessen Leben, Meynungen und Thaten/
und wie er sich weiland viel Ruhm erwarb/
und endlich als Nachtwächter/
zu Sulzburg starb./

lautet die Überschrift zu einer vom Bochumer Arzt C. A. Kortum im Jahre 1783 verfassten und ein Jahr später gedruckten Satire. 1799 erschien sie erstmals unter der Bezeichnung „Jobsiade“. Dieses im Stil an Hans Sachs, dem populärsten Dichter der Reformation, erinnernde „komische Heldengedicht“ erschien unter einem Pseudonym, weil Kortum sowohl des kritischen Textes als auch der dazu angefertigten Bilder wegen angefeindet wurde. Erst die Auflage von 1854 nannte statt der vier Buchstaben „D.C.A.K.“ den vollen Namen des Verfassers. – Vielleicht wäre das Werk seines Zeitbezugs wegen in Vergessenheit geraten, hätte uns Wilhelm Busch (1832 – 1908), der Meister des kritischen Humors und ein großer Bewunderer Kortums, nicht eine „modernisierte“ Jobsiade hinterlassen, die in strengster Anlehnung an das Original den Helden Hieronimus Jobs zeitlos und unvergesslich machte.

Carl Arnold Kortum stammt aus Mülheim an der Ruhr, wo er als Sohn eines Apothekers am 5. Juli 1745 geboren wurde. Er absolvierte das Gymnasium in Dortmund, um anschließend an der Universität zu Duisburg Medizin zu studieren. Er besuchte sechs Semester lang – eine Zeit, die damals genügte – Vorlesungen bei Johann Gottfried Leidenfrost (nach dem das Leidenfrostsche Phänomen benannt ist) und anderen renommierten Professoren, betrieb botanische Studien, fertigte Kräuterbücher an und hörte als Gast auch theologische Vorlesungen. 1767 promovierte er zum Dr. med., heiratete und eröffnete im Haus seiner Mutter eine Praxis. Im folgenden Jahr erwarb Kortum an der Berliner Charité praktische Kenntnisse in der Wundarzneikunde und kehrte mit besten Zeugnissen nach Mülheim zurück.

Kortums Frau stammte aus Bochum, einem damals noch kleinen Nest mit rund 1.500 Einwohnern, denen ein Arzt fehlte. 1770 zog Kortum deshalb um und blieb bis an sein Lebensende in Bochum. Dort wurde er nicht nur ein vielgesuchter und sehr beliebter Arzt und seit 1792 nebenamtlicher Bergarzt, sondern auch ein angesehener Bürger, den die Universität Duisburg anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums zum Ehrendoktor berief; 1816 verlieh ihm Friedrich Wilhelm III. den Titel königlich-preußischer Hofrat. Er starb am 15. August 1824.

Kortum war nicht nur Arzt, er wurde als Naturwissenschaftler und Botaniker, als Altertumskundler und Alchimist, Historiker und Geograph ebenso bekannt, wie als begabter Zeichner, Dichter und außerordentlich vielseitiger Schriftsteller, der an verschiedenen Journalen mitarbeitete und eine Zeitschrift „Die magische Laterne“ herausgab. Nach gründlichen Recherchen verfasste Kortum für sein Bochum die erste Stadtgeschichte, dazu schenkte er dem Magistrat einen eigenhändig gezeichneten Stadtplan.

Der Aufklärung tief verbunden, schuf Kortum mit seinem komischen Versepos „Jobsiade“ sein Hauptwerk, mit dem er in die deutsche Nationalliteratur einging.
 In volkstümlicher Gestaltung schildert Kortum das Leben des verbummelten Theologiestudenten Jobs und gibt zugleich ein breitangelegtes satirisches Bild des Spießertums und des gutsherrlichen Dorfes. Dem Ratsherrensohn schien eine große Karriere vorgezeichnet zu sein, doch er endete als Nachtwächter seiner Heimatstadt. Verspottete Kortum im ersten Teil das beschränkte Philistertum einer deutschen Kleinstadt aus dem 18. Jahrhundert, so wandte er sich – Ausdruck einer bürgerlich-fortschrittlichen Haltung – im zweiten und dritten nach der Französischen Revolution geschriebenen Teil in satirischer Weise an den Adel.

Kortums andere komische Epen und Gedichte, ein Fachbuch für Bienenzüchter sowie populäre medizinische und alchimistische Schriften sind vergessen. Von Kortum selbst und von anderen namhaften Zeichnern illustriert, erschien die „Jobsiade“ hingegen in zahlreichen Auflagen.

Aus Anlass des 50. Todestages Kortums im Jahre 1874 beabsichtigte der Verlag Grote in Berlin, eine Jubiläumsausgabe der „Jobsiade“ mit neuen Bildern herauszugeben, wofür der damals 42-jährige Wilhelm Busch gewonnen werden sollte. Das Werk war inzwischen neunzig Jahre alt, und Busch hegte andere Pläne, so dass kein Vertrag zustande kam. Busch sei Dank! Er wollte keine schlechthin neuen Bilder zeichnen; mit Respekt vor dem von ihm verehrten Kortum legte er uns vielmehr eine seiner Zeit angepasste Busch-Jobsiade mit Buschversen und Buschbildern hin, die ihm auch sprachlich großartig gelang, wie schon ein Vergleich der nachstehenden ersten Strophe mit dem Kortumschen Einleitungstext belegt.

Sintemalen denn alles beisammen allhier:
Feder, Tinte, Tobak und Papier;
So wollen wir dem Hieronimus
Jobsen –
Nachdem wir uns eine Pfeife gestopsen –
Sein Leben, Lernen, Leiden und Lieben
Und was er sonst allhier getrieben
Mit allem Fleiße aufnotieren
Und standesgemäß zu skizzieren probieren.