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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 09/2012

Für die Versorgung von morgen vorsorgen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Warnungen vor dem drohenden Ärztemangel sind nicht neu. Die KV Sachsen weist seit Jahren auf die Defizite in Sachsen hin. Damit malen wir kein Gespenst an die Wand, denn schon der Ist-Zustand gibt Grund zur Besorgnis. Derzeit fehlen im Freistaat im niedergelassenen Bereich fast 400 Haus- aber auch 100 Fachärzte. Pro Jahr schließen durchschnittlich etwa 30 Hausärzte ihre Praxen, ohne einen Nachfolger zu finden. Stark betroffen ist der ländliche Raum, darunter Nordsachsen, die Lausitz und Teile des Erzgebirges. Mit den fehlenden Ärzten steigen die Patientenzahlen für einzelne Kollegen mitunter ins kaum noch Erträgliche.

Gegen die Defizite von heute müssen wir dringend aktiv angehen – für die Versorgung von morgen vorsorgen. Zum Glück sehen das viele Kolleginnen und Kollegen sowie die Partner im Gesundheitswesen ebenso. Wir sind der sächsischen Staatsregierung dankbar, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt und im Februar diesen Jahres ein wichtiges Signal gesetzt hat. Das 20-Punkte-Programm gegen den Ärztemangel zielt u.a. auf eine bessere Vergütung und eine geringere Arbeitsbelastung der Landärzte sowie verbesserte Studienbedingungen an sächsischen Universitäten. Darauf bauen unsere Vorschläge auf.

Darüber hinaus bemüht sich die KV Sachsen allein oder mit anderen Partnern um wirksame Maßnahmen gegen den Ärztemangel. Dabei reicht die Palette von eher kurzfristig angelegten Hilfen (wie z.B. die Gewährung von Investitionskostenzuschüssen für von Unterversorgung betroffene bzw. bedrohte Regionen) bis mittelfristig wirkenden Instrumenten (wie die Förderung von Ärzten in Weiterbildung – bei Allgemeinmedizinern gemeinsam mit den Kassen, bei anderen Fachrichtungen allein durch die KV Sachsen). Das seit 2008 wirkende Programm „Studienbeihilfe“ unterstützt Medizinstudenten ab dem 3. Studienjahr mit dem langfristigen Ziel einer Ansiedlung als Hausarzt in einer strukturschwachen Region Sachsens. Außerdem gehört die KV Sachsen zu den Initiatoren des 2009 gegründeten Netzwerkes „Ärzte für Sachsen“.

Im August 2012 hat der Vorstand der KV Sachsen neue langfristig wirksam werdende Initiativen gegen den Ärztemangel publik gemacht. Kurz zusammengefasst geht es zum Ersten um ein Modellprojekt für sächsische Abiturienten, die in Ungarn studieren und später mindestens fünf Jahre hausärztlich in Sachsen niedergelassen sein sollen. Das zweite Projekt sieht die Ansiedlung erfahrener ausländischer Ärzte und ihrer Familien mit ambulanter Erfahrung in Praxen vor, deren Inhaber schon längere Zeit erfolglos einen Nachfolger suchen und die eine große Zahl von Patienten zu versorgen haben (Details siehe Presseinformationen auf S. 7). Besonders freuen wir uns, dass beide Maßnahmen von Frau Staatministerin Christine Clauß ausdrücklich begrüßt und unterstützt werden.

Auch die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren bisher überwiegend positiv. Einzelne kritische Stimmen hinterfragten „Muss man uns dafür Geld weg nehmen?“ oder „Was haben wir mit spanischen Ärzten oder ungarischen Universitäten am Hut?“. Die KV ist mit der Sicherstellung immer in der Zwickmühle. Arbeiten wir nur nach Vorschrift, wirft uns mancher Untätigkeit vor. Ergreifen wir eine Initiative, zweifeln Skeptiker sofort den Sinn an. Kennen Sie den folgenden Spruch? Was passiert, wenn einer eine Kerze anzündet? Entweder werden neun Andere motiviert, es auch zu tun oder neun Andere bemühen sich, die eine Kerze wieder auszublasen.

Natürlich entstehen durch solche Maßnahmen Kosten. Dafür gibt es einen Strukturfonds, der gemäß SGB V, § 105, Abs. 1a, anteilig mit je 0,1% von den Kassen und aus der Gesamtvergütung der KVS gespeist wird. Auch wenn wir es nur am Geld festmachen würden: Jeder Euro vom Honorar, den wir jetzt investieren, zahlt sich langfristig aus, wenn wir unsere Praxis eines Tages an eine junge Kollegin oder einen Kollegen verkaufen können. Außerdem investieren wir damit in unsere Jugend und unsere Patienten.

Wir möchten an dieser Stelle der Bundespolitik und den Hochschulen einen Denkanstoß geben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind für die Sicherstellung, nicht aber für die Finanzierung der Ausbildung von Studenten zuständig. Passen Sie die Gesetze und Regeln an, dass solche aus der Not geborenen Initiativen künftig nicht mehr nötig sind!

 

Bedenken wir noch Folgendes: Die Gewinnung neuer Ärzte wird zunehmend schwierig. Wir stehen in einer Konkurrenzsituation mit anderen Bundesländern, in denen der Ärztemangel inzwischen auch ankommt und die jetzt „unsere“ Programme gegen den Ärztemangel entdecken und damit beim knappen Gut Medizinstudent werben. Darüber hinaus gibt es ja schon lange die Abwerbung deutscher Ärzte nach England, der Schweiz und in die skandinavischen Länder.

Wir werden die Augen auch in Zukunft vor dem Ärztemangel nicht verschließen, denn wir fühlen uns unseren Patienten, den Kollegen und der Versorgung von Morgen verpflichtet. Wir werden auch weiterhin, wenn es sich anbietet, neue Initiativen starten. Eine Erfolgsgarantie gibt es dabei nicht. Sicher ist nur: Von Nichts kommt Nichts aber von jedem der kommt, kommt ärztliche Hilfe für Kranke.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Ihr Vorstandsvorsitzender

Klaus Heckemann

Ihr Stellv. Vorstandsvorsitzender

Heiner Porst