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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2011

Ausgabe 07-08/2011

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir erinnern an



Selbstlos und bescheiden, bewundert und verehrt - vor 175 Jahren starb Christoph Wilhelm Hufeland

 

Von Manfred P. Bläske

„Alle Völker, die baden, sind gesünder und stärker, als die, die es nicht thun. Dann erst, wenn man die Bäder wieder für ein unentbehrliches Stück der Erziehung und der ganzen Lebensdiät halten wird, dann erst können wir hoffen, dass die Gicht, die Krämpfe, die Hypochondrie und alle Übel, an denen unser Zeitalter schleichend dahinwelkt, aufhören, die Kraft und Festigkeit unserer deutschen Vorfahren zurückkehren, und wir den Segen unserer Nachkommenschaft einernten werden.“ – Texte wie diesen verfasste Hufeland, Leibarzt des Königs von Preußen, um 1790 für Zeitschriften, z. B. für das vom Buchhändler Friedrich Bertuch 1786 in Weimar gegründete „Journal des Luxus und der Moden“, das erste deutsche Modenblatt! Hufeland, sein Leben lang ein Mann des Volkes, der ganz im Ideengut der Aufklärung lebte, befreundet mit den Schnepfenthaler Erziehern Salzmann und Guts Muths wollte vom Volk gelesen werden. Der große Arzt, Hochschullehrer und weltweit bekannte frühe Gesundheitspolitiker, eine überragende Persönlichkeit der deutschen Medizingeschichte, wurde von Ungezählten seiner Zeit als „einfacher Menschen Freund“ bewundert und verehrt.

Christoph Wilhelm Hufeland, gegen Ende des Siebenjährigen Krieges am 12. August 1762 in Langensalza geboren, entstammt einer alteingesessenen Thüringer Familie aus Tennstedt bei Erfurt. Der Großvater war in Weimar herzoglicher Leibmedicus der Eltern Carl Augusts gewesen. Auch Christophs Vater war Arzt, zuerst in Langensalza dann, ab 1765 als Nachfolger seines Vaters in dessen Weimarer Praxis und – Ernst August von Sachsen-Weimar-Eisenach war inzwischen verstorben – als Leibarzt der Herzogin Anna Amalia. In deren Regierungszeit von 1758 bis 1775 erfuhren nicht nur Wissenschaften und Kunst (Theater, Bibliothek und Jenaer Universität) besondere Förderung, zur Erziehung ihrer beiden Söhne holte sie auch Männer wie Seidler, Graf Görtz, Wieland und Knebel nach Weimar. Im September 1775 übernahm der 18-jährige Carl August die Regentschaft. Als dessen Gast kam zwei Monate später Goethe in die Stadt, blieb für immer und wurde im Jahr darauf Geheimer Legationsrat. Auf Goethes Drängen folgte Herder; Generalsuperintendent ab 1776.

In diese Zeit fielen Christophs frühe Jugendjahre. Als 14-Jähriger begleitete er seinen Vater oft bei Krankenbesuchen auf den Dörfern und eignete sich in der Natur durch fleißiges Beobachten und Sammeln jene Kenntnisse an, die seine Hauslehrer für bedeutungslos erachteten. Ebenso zeigte er reges Interesse am städtischen Leben, und wie die meisten seiner Altersgenossen verehrte Christoph den jungen Goethe, kleidete sich wie dieser und las, was aus dessen Feder stammte. Weil zu seinen Freunden die Kinder der Frau von Stein gehörten, begegnete er dort nicht selten seinem Idol. Auch von Herders dem Geiste des Humanismus verpflichteten Anschauungen war er tief beeindruckt.

An Hufelands Berufswunsch gab es keinen Zweifel, und für den Sohn des Leibarztes kam 1780 praktisch nur die Landesuniversität Jena in Betracht, wo der große Anatom J. Chr. Loder wirkte, unter dessen Einfluss Goethe 1784 den Zwischenkieferknochen beim Menschen entdeckte.„Alles, was ich von Anatomie weiß, verdanke ich Loder“, schrieb Hufeland später; andere Professoren erwähnt er am Rande, denn die Universität stagnierte seit der Jahrhundertmitte in ihrer Entwicklung und die Studentenzahl sank von Jahr zu Jahr. Er wechselte deshalb 1781 an die Universität Göttingen, „eine Stätte ernsten Studiums“, deren medizinische Fakultät damals alle anderen übertraf. A. G. Richter, der bedeutendste Chirurg seiner Zeit, der Botaniker J. A. Murray, der Geburtshelfer H. A. Wrisberg, der Chemiker J. F. Gmelin und der Begründer der neuzeitlichen Anthropologie J. F. Blumenbach waren hier Hufelands Lehrer. Seine Dissertation „Vom Gebrauch der elektrischen Kraft beim Scheintod“ schrieb er unter Anleitung des Physikers und Verfassers geschliffener Aphorismen G. Chr. Lichtenberg, der ihm eine Elektrisiermaschine zur Verfügung stelle. Der Scheintod war in Zeiten, als bei Seuchen in kurzer Zeit viele Menschen hinweggerafft wurden, ein hochaktuelles Thema, denn eine sichere ärztliche Leichenschau gab es noch nicht, und die wichtige Auskultation erfand Laennec erst 1816. So war Hufelands Einstellung zum exakten Experiment für seine Zeit sehr fortschrittlich und wegweisend. Am 24. Juli 1783 erwarb er den Doktortitel, und am Tag darauf reiste er nach Jena zurück.

Dort trat er in die weitläufige Praxis seines kranken und fast erblindeten Vaters ein, zu der nicht nur die Stadt, sondern auch viele Dörfer bis an die Harzgrenze Thüringens gehörten, wo die Patienten über schlechteste Wege mit dem Wagen oder nur zu Pferde aufgesucht werden mussten. Abends waren dann „Dekokte, Pulver und Pillen anzufertigen und selbst zu dispensieren“. Zugleich wurde Hufeland durch die Kontakte zu Goethe und andere an­geregt, erste literarische Arbeiten zu veröffentlichen.

Als 1784 in Thüringen eine Pockenepidemie um sich griff, wandte Hufeland als einer der ersten deutschen Ärzte die Variolisation an. Die darüber verfasste Arbeit erschien nicht in einem wissenschaftlichen Organ, sondern in Wielands „Teutschem Merkur“, denn er wollte die Landleute und Bauern erreichen. „Ist das Volk überzeugt“, schrieb er, „wie leicht ist dann die Ausführung.“ Das ist Geist der Aufklärung und Hufelands fester Glaube an die Vernunft und Erziehbarkeit der Menschen. Eine Schrift über die diätetische und medizinische Behandlung von Kindern wurde die erste speziell pädiatrische Publikation in deutscher Sprache.

Die bürgerliche Revolution in Frankreich bestärkte Hufeland, soziale Fragen und jene Faktoren zu untersuchen, die das menschliche Leben verkürzen aber auch verlängern können. In einer von Goethes „Freitagsgesellschaften“ trug er 1792 erste Texte zu seinem Werk Makrobiotik vor, das 1797 in erster Auflage unter dem späteren Untertitel Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern erschien und mit einem Schlag Hufelands europäischen Ruf begründete. Es gehörte in der Gesellschaft bald zum guten Ton, dieses Buch gelesen zu haben, von dem sein Verfasser bescheiden schreibt, dass es „in der populären Welt einen sehr vorteilhaften Eindruck“ gemacht habe. In rascher Folge musste es nachgedruckt werden, noch lange nach Hufelands Tod, bis 1905. Bereits zwei Jahre nach Erscheinen gab es in Paris eine französische Ausgabe, es folgten Übersetzungen in England, Amerika und Russland; Hufeland erlebte noch die Übertragung ins Italienische, Polnische, Schwedische, Serbokroatische, Dänische und Holländische. Obwohl kein Exemplar bekannt ist, soll später eine Übersetzung ins Chinesische stattgefunden haben; verwunderlich wäre es nicht, denn Hufelands „Vorbeugen ist besser als heilen“ wurde weltweit ein geflügeltes Wort.

Seit 1793 ordentlicher Professor an der Universität Jena, hielt Hufeland Vorlesungen über spezielle Therapie und Krankheitserscheinungen mit Unterweisungen am Krankenbett, was viele Hörer anzog. Er erkannte die große Bedeutung ärztlicher Weiterbildung und gründete zu diesem Zweck das „Journal der praktischen Heilkunde“, eine Zeitschrift, die weltberühmt und nahezu von allen Ärzten Deutschlands gelesen wurde. – Im November 1798 traf den Rastlosen ein schwerer Schlag: Nach einem Krankenbesuch war er bei kaltem Wetter spät abends durchnässt heimgekommen und am folgenden Morgen auf dem rechten Auge, und dies für immer, erblindet. Seitdem trug er oft einen Augenschirm.

Viele namhafte Universitäten des In- und Auslandes machten Hufeland verlockende Angebote; er entschied sich 1801 für Berlin, als er nach dem Tode des geachteten und einflussreichen Chr. G. Selle einen Ruf als Leibarzt der preußisch königlichen Familie erhielt. Damit verbunden war das Direktorat des Collegium medico-chirurgicum, der seit 1724 bestehenden militär- und wundärztlichen Ausbildungsstätte, die Position des leitenden Arztes der Charité und die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Wissenschaften. Nun endlich bekam er, im Gegensatz zu Jena, die Möglichkeit an einer Klinik zu arbeiten. Zudem entfaltete Hufeland neben einer umfangreichen eigenen Praxis zahlreiche gesundheitspolitische Aktivitäten, bemühte sich um das Berliner Armenwesen, förderte die Jennersche Kuhpockenimpfung und initiierte die Berliner Impfanstalt, mit der er sich im Kampf gegen die Pocken besondere Verdienste erwarb. Sein medizinisches Credo legte Hufeland in dem zweibändigen, 1806 abgeschlossenen Werk „System der Practischen Heilkunde“ nieder, in dem er einer spekulativen Medizin eine Theorie entgegensetzte, die aus der Erfahrung entstanden ist, nie mit ihr im Widerspruch steht und uns am Krankenbett sicher leitet.

Mit Wilhelm von Humboldt und anderen führenden Köpfen seiner Zeit war Hufeland 1810 an der Gründung der Berliner Universität beteiligt und wurde deren erster Dekan der Medizinischen Fakultät. Zugleich richtete er für den praktischen ärztlichen Unterricht die erste Poliklinik für unbemittelte Kranke ein und verfasste – beides Ausdruck seiner engen Volksverbundenheit – eine Armen-Pharmakopoe. In dieser Zeit gründete er eine Medizinisch-chirurgische Gesellschaft, die 1833 den Namen „Hufelandsche Gesellschaft“ erhielt.

Der stets sozial denkende und handelnde gründete 1830 die „Hufelandsche Stiftung“ für notleidende Ärzte und sechs Jahre später eine Stiftung zur Unterstützung der Arztwitwen. Als Vermächtnis seiner über fünfzigjährigen ärztlichen Erfahrungen wurde wenige Wochen vor seinem Tode das 747 Seiten umfassende „Enchiridion medicum oder Anleitung zur medizischen Praxis“ fertig. Er legte in diesem Buch seine ethischen Grundsätze in der Hoffnung nieder, jungen Ärzten eine Richtschnur für ihr Handeln am Krankenbett zu geben.

Christoph Wilhelm Hufeland starb am 25. August 1836 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.

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