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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 06/2011

Tragischer Tod mit Bayernkönig Ludwig II.

 

Vor 125 Jahren ertrank der Hirnforscher und Psychiater Bernhard von Gudden

Von Manfred P. Bläske

In den späten Abendstunden des 13. Juni 1886 gelangte die Nachricht nach München, dass König Ludwig II. und sein Begleiter Obermedizinalrat von Gudden im Starnberger See den Tod gefunden haben. Wie sich diese Tragödie an jenem Pfingstsonntag im Einzelnen abspielte, ist bis heute nicht geklärt. Forschern und Dichtern gab und gibt sie deshalb Anlass für ernsthafte Untersuchungen und – dies vor allem – für literarische Gestaltung in einem Maße, das seinesgleichen sucht, bis hin zu einer Theorie des Doppelmordes am Märchenkönig und seinem Arzt. Sie bietet den Stoff für ein Musical „Ludwig2“, das seit 2005 im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen läuft. – Nachstehend sei an Leben und Werk des damals berühmtesten deutschen Psychiaters erinnert.

Bernhard Johann Aloys Gudden wurde am 7. Juni 1824 als Sohn eines Gutsbesitzers und Bierbrauers in Cleve geboren. Er galt in der Schule als ernst und fleißig, seiner Phantasie ließ er wenig Spielraum; vielmehr war er ein scharfer Beobachter, sehr aufgeschlossen gegenüber Mensch und Natur mit wachsendem Interesse für Körper und Seele, was ihn veranlasst haben mag, in Bonn, Halle und Berlin Medizin zu studieren. Wegen seines sicheren und selbstständigen Auftretens sowie seiner guten Beobachtungs- und Auffassungsgabe wurde er von den Professoren bald sehr geschätzt, zumal er einen ausgeprägten Sinn für exaktes Wissen und Forschen bewies.

Im Jahre 1848 promovierte Gudden in Halle und bestand im gleichen Jahr in Berlin das Staatsexamen mit Auszeichnung. 1849 trat er als Assistenzarzt unter Maximilian Jacobi in die Irrenanstalt Siegburg ein. Dort blieb er nur zwei Jahre, die für ihn insofern Bedeutung erlangten, als er in der Enkelin des Direktors und Urenkelin des Dichters Matthias Claudius seine spätere Gattin kennenlernte. 1851 ging Gudden an die Irrenheil- und Pflegeanstalt im badischen Illenau, die wegen ihrer vorbildlichen Organisation und Patientenbetreuung im In- und Ausland hohes Ansehen genoss.

Direktor war Christian Wilhelm Roller (1802 – 1878), der damals führende deutsche Psychiater. Wenn in Illenau auch noch nicht auf alle mechanischen Zwangsmittel verzichtet wurde, Reglementierung, Erziehung und „moralische“ Beeinflussung Grundlage ärztlicher Tätigkeit waren, gab es in dieser nach Plänen von Roller gebauten Anstalt gegenüber anderen sehr fortschrittliche Methoden: Die Patienten wohnten in hellen Räumen, erhielten angemessene Pflege und gutes Essen und wurden zu Beschäftigungen angeleitet. Gudden und andere, die hier arbeiten konnten, wie Hergt, Schüle, v. Krafft-Ebing oder Kirn, haben ihrem Lehrer viel zu verdanken. Es steht außer Zweifel, dass die Arbeit in Illenau Gudden den Weg zum Psychiater gewiesen hat.

Als 31-Jähriger wurde Gudden zum Leiter der im Entstehen begriffenen unterfränkischen Kreis-Irrenanstalt in Werneck ernannt. Er hatte nun ein Arbeitsfeld erhalten, auf dem er sein reiches Wissen und seine Erfahrungen schöpferisch anwenden konnte. Beruflich und privat – Gudden heiratete 1855 – begann nun der glücklichste Abschnitt seines Lebens. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte sich auf der Suche nach Krankheitsursachen die na­urwissenschaftliche Grundlagenforschung auch auf dem Gebiet der Psychiatrie. Gudden begann in Werneck seine hirnanatomischen Forschungen, die ihn bekannt und berühmt machten. So blieb es nicht aus, dass er 1869 auf den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Zürich berufen wurde. 1872 wurde Gudden Professor für Psychiatrie in München und Direktor der Oberbayerischen Kreis-Irrenanstalt, die er erweiterte und verbesserte. Mit einer bis ins kleinste festgelegten Betriebsordnung schuf er eine allgemein anerkannte Musteranstalt, in der er das Non-restraint-Prinzip einführte. Gudden machte keinen Unterschied zwischen den heilbaren und unheilbaren Kranken; für Unruhige richtete er eine Art Wachstation ein. Lehrer wurden angestellt, die Turn-, Musik- und Zeichenunterricht erteilten; unter ärztlicher Aufsicht wurden Patienten im Haus, im Garten und in der Landwirtschaft beschäftigt. Gudden sorgte für Konzerte und Theateraufführungen und ließ vom Kreistag – hier liegen die Wurzeln der Sozialpsychiatrie – finanzielle Mittel für entlassene Patienten bereitstellen.

Neben Konsiliarpraxis und gerichtsmedizinischer Tätigkeit widmete er jede Minute freier Zeit seinen hirnanatomischen Forschungen, in denen er mittels neuer Methoden zu Erkenntnissen über Bau und Funktion des Gehirns gelangte, die bis heute eng mit seinem Namen verbunden sind. Als Gudden 1873 das erste Serienschnitt-Mikrotom gebaut hatte, konnten vergleichend-mikroskopische Untersuchungen an ganzen Schnittserien durch viele Gehirne in der Anstalt Verstorbener vorgenommen wer-den, wobei Auguste Forel, Emil Kraepelin und Franz Nißl zu seinen engsten und später berühmtesten Mitarbeitern gehörten.

Nachdem am 16. Juni 1886 die Münchener in der Hofkapelle Abschied vom toten König genommen hatten, eilten sie zu Tausenden zum Ostfriedhof, wo der 1875 geadelte Bernhard von Gudden beigesetzt wurde.

 

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