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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 05/2011

Leserbrief zum Tatort am 03.04.2011

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es muss schon viel passieren, damit sich der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (Sachsen) und der Vorstand einer Krankenkasse (AOK PLUS/Sachsen und Thüringen) zusammentun, um einen Leserbrief zu schreiben. Normalerweise handeln wir in schwierigen, manchmal zähen Sitzungen Arzthonorare oder Versorgungsverträge aus. Da schenkt keiner dem Gegenüber etwas und jeder sieht im anderen – bei allem Respekt – den „harten Hund“. Aber heute haben wir bei einem Telefonat (der Initiator/Anrufer war der Arzt Heckemann, der Angerufene am Dresdner Sternplatz, Kassenchef Steinbronn) eine überraschende Gemeinsamkeit festgestellt: Empörung über den „Tatort“ vom Sonntag, 20.15 Uhr in der ARD.

Der Film thematisiert unter dem Titel „Edel sei der Mensch und gesund“ die Klemme, in der sich das deutsche Gesundheitswesen befindet: ihm fehlt das Geld. Das ist wohl wahr. Und wir gehören zu den Letzten, die das bestreiten. Fatal ist nur, mit welchen Klischeevorstellungen der Film spielt und anhand welcher Story er letztlich zu einem Pauschalurteil verleitet. Da wird der Tod eines kleinen Mädchens riskiert, weil das einzig wirksame Medikament das Budget der behandelnden Ärztin überschreiten würde bzw. die Kasse dieses Medikament für zu teuer hält. Nach einem Schock kann das Kind gerade noch reanimiert werden.

Das ist absolut daneben! Bei allem Kostendruck, unter dem Ärzte stehen – dies ist ein total unrealistischer Fall. Nur in der ausgedachten Story läuft alles darauf hinaus. Sprüche wie der Satz „Acht Minuten hab ich für jeden Kassenpatienten. Danach mach ich Verluste!“, den eine der Hauptfiguren, der alte Arzt im Film sagt, bereiten den Boden dafür, dass der Zuschauer am Ende wirklich glaubt: was die Kasse nicht zahlt, kann der Arzt nicht leisten und das leistet er eben auch nicht, im schlimmsten Fall mit tödlichen Folgen.

Da stehen wir dann beide am Pranger. Aber nicht das ist das Fatale, sondern die Suggestionskraft eines solchen Filmes beim normalen Publikum. Das vergisst bei einer solchen Darstellung (der ein Filmkritiker in einer Dresdner Zeitung „Mut zur Wahrheit“ bescheinigte) nur allzu leicht, dass ein Spielfilm keine Dokumentation ist. Allerdings sollte er auch nicht zu den schlechtesten Spielarten des Boulevard-Fernsehens greifen. Das war hier der Fall. Und so etwas auf dem besten Sendeplatz des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit der Fachberatung einer wirklichen Ärztin (laut Abspann), der ein vergleichbarer Fall aus der Realität nicht bekannt sei – DAS ist der wirkliche Skandal...

Freundliche Grüße

Dr. med. Klaus Heckemann

Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen

Rolf Steinbronn

Vorsitzender des Vorstandes der AOK PLUS

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