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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 12/2009

600 Jahre Universität Leipzig - Gründung der „facultas medicinae studii Lypzensis“

Von Manfred P. Bläske

Seit 1348 besitzt Prag die von Karl IV. gegründete erste Universität des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, deren Studenten einst einer böhmischen, bayrischen, sächsischen oder polnischen sogenannten „Universitätsnation“ angehörten. Politische, soziale und religiöse Konflikte veranlassten den böhmischen König Wenzel IV., das Stimmrecht mit dem „Kuttenberger Dekret“ vom 18. Januar 1409 so zu ändern, dass die böhmische Nation drei Stimmen, die drei anderen Nationen zusammen nur eine Stimme haben sollten. Als sich die unausbleiblichen Auseinandersetzungen zuspitzten, verließen bereits im Mai des Jahres Magister und Scholaren der drei nichtböhmischen Nationen Prag; viele begaben sich nach der noch kleinen aber aufstrebenden Handelsstadt Leipzig.

Veranlasst durch den Meißnischen Markgrafen fanden sie hier mit städtischer und kirchlicher Hilfe Platz und ausreichende Mittel, so dass bereits am

2. Dezember 1409 eine neue Universität – nach Heidelberg die zweite in Deutschland – eröffnet werden konnte. Die Gelehrsamkeit war in vier Fakultäten aufgeteilt. Allgemeinverbindlich für jeden Studenten war die Artistenfakultät, die etwa dem Rang eines heutigen Gymnasiums entsprach und Grundkenntnisse vermittelte, da die Studierenden in alter Zeit bereits als Knaben auf die Hochschulen geschickt wurden. Auf dieser Grundfakultät – zwangläufig der größten – bauten sich die drei anderen auf: die der Mediziner und der Juristen, obenan stand die Theologie. Während die Lehre an der Artistenfakultät bereits im Oktober 1409 aufgenommen worden war, begann ein geregelter Studienablauf an den drei höheren Fakultäten erst allmählich.

Nach mehr als fünf Jahren, am 10. Juli 1415, konstituierte sich schließlich ein Collegium medicum aus neun Magistern als facultas medicinae studii Lypzensis mit eigenen Statuten und wählte Gerhard Hoghenkerke (gest. 1429) als Dekan auf Lebenszeit; die Einrichtung des lebenslangen Dekanats endete erst im Jahre 1810.

Ein Studium an der Medizinischen Fakultät setzte den Magistergrad der Artistenfakultät voraus. Zwei Lehrkurse in theoretischer und praktischer Medizin schlossen sich an, sowie der Erwerb praktischer Kenntnisse an der Seite eines erfahrenen Arztes. Ganz dem Verständnis der spätmittelalterlichen Scholastik folgend, bestand die Ausbildung aus Vorlesungen und Kommentaren zu den Schriften der medizinischen Autoritäten. So wurde in der Medicina theorica im ersten und zweiten Semester aus dem ersten Kanon des Avicenna (980 – 1037) vorgetragen, im dritten und vierten Semester der „liber tegni“ des Galen (129 – 210) kommentiert und im fünften und sechsten Semester die Aphorismen des Hippokrates (460 – 377 v. Chr.) samt Galens Kommentar unter Einbeziehung scholastischer Kommentatoren behandelt. Für den Kurs der Medicina practica legte man das neunte Buch des Rhazes (850 – 923), den Abschnitt über das Fieber im vierten Buch des Avicenna sowie dessen Ausführungen über allgemeine Heilmittellehre im vierten Abschnitt des ersten Kanons zugrunde.

Die Anatomie sucht man in diesem „Vorlesungsverzeichnis“ vergeblich, und so blieb es, bis Kurfürst August 1580 eine Professur für Anatomie und Chirurgie veranlasste. Doch es vergingen 125 Jahre, bis im ersten Stock des Paulinums ein „Theatrum anatomicum novum“ eingerichtet wurde, nachdem zuvor für gelegentliche öffentliche Sektionen ein dunkler ebenerdiger Raum im Kreuzgang der Paulinerkirche (!) zur Verfügung stand.

Aus heutiger Sicht und nach unserem Verständnis von universitärer medizinischer Ausbildung erscheinen diese Anfänge als recht bescheiden. Für die um 1400 rund 8.000 Einwohner Leipzigs war die Gründung der medizinischen Fakultät jedoch von essenzieller Bedeutung. Zwar besaß die Stadt die Klosterschule beim Stift St. Thomas, auf der gegen Bezahlung auch einige Bürgersöhne eine elementare Bildung erwerben konnten. Doch es gab keine Ärzte! Bei akuten Beschwerden mussten sich die Leipziger mit der Hilfe landfahrender Heilkünstler zufriedengeben. Prager Professoren und Studenten gründeten im Thomasgässchen auch Leipzigs erste Apotheke, für die sie aus der „goldenen Stadt“ den goldenen Löwen als Hausmarke nach Leipzig brachten. Heute steht die Löwen-Apotheke in unmittelbarer Nähe des neuen Campus.

Im Gegensatz zu den anderen Disziplinen fristete die medizinische Fakultät ein recht kümmerliches Dasein; die Lehrfreudigkeit der Professoren war gering, weil sie bei schmalstem Einkommen zur Ausübung einer Praxis gezwungen waren. Zudem gab es kaum mehr als zwanzig Studenten, so dass im Kolleg in der Regel drei bis fünf Hörer saßen. Zwangsläufig diente so das Studium nicht der Graduierung einheimischer Studenten, sondern einem Vorstudium, welches die Studiendauer in Italien verkürzte, wo das Studium dann mit der Promotion abgeschlossen wurde.

Erst mit der Einführung der Reformation begann der Aufstieg der medizinischen Fakultät zu ihrer späteren Weltgeltung.

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