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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 12/2008

Ausgabe 12/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Auch er war Arzt



Konrad Lorenz - Arzt, Biologe, Psychologe und Verhaltensforscher

Von Manfred P. Bläske

„Zur Zeit sind die Zukunftsaussichten der Menschheit außerordentlich trübe. Sehr wahrscheinlich wird sie durch Kernwaffen schnell, aber durchaus nicht schmerzlos Selbstmord begehen. Auch wenn das nicht geschieht, droht ihr ein langsamer Tod durch die Vergiftung und sonstige Vernichtung der Umwelt, in der und von der sie lebt. Selbst wenn sie ihrem blinden und unglaublich dummen Tun rechtzeitig Einhalt gebieten sollte, droht ihr ein allmählicher Abbau aller jener Eigenschaften und Leistungen, die ihr Menschentum ausmachen.“

Vor 25 Jahren sprach Konrad Lorenz, zugespitzt und auf den Punkt gebracht, wie es seine Art war, in einem seiner zahlreichen Bücher diese Warnung aus; purer Defätismus, entgegneten seine Kritiker. Wer jedoch ein Vierteljahrhundert danach aufmerksam, nüchtern und emotionslos die Welt betrachtet, wird nachdenklich!

Trotz allem blieb Lorenz bis zu seinem Tod am 27. Februar 1989 ein Optimist. „Jede Gefahr verliert viel von ihrer Schrecklichkeit, wenn ihre Ursachen erkannt sind“, schrieb er in seinem in mehreren Hunderttausend Exemplaren verbreiteten Buch Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit.

Konrad Zacharias Lorenz wurde am 7. November 1903 in Altenberg bei Wien geboren. Auf Drängen des Vaters, eines weltbekannten, erfolgreichen Orthopäden, begann er ein Medizinstudium in New York, kehrte aber bald nach Wien zurück und promovierte 1928 mit besonderem Interesse für Psychiatrie und Psychologie zum Dr. med. univ. Bedeutsam wurde für ihn die Begegnung mit dem Anatomen und Embryologen Ferdinand Hochstetter, der sich mit der stammesgeschichtlichen Rekonstruktion von Tieren auf der Basis von Ähnlichkeiten bzw. Unähnlichkeiten verschiedener Tierformen befasste. Damals wurde Lorenz klar, dass diese Methode nicht nur auf die Anatomie der Tiere, sondern unmittelbar auch auf deren Verhalten anwendbar sein muss.

Damit war die Brücke geschlagen von der Evolutionstheorie – der zentralen Theorie der Biowissenschaften – zum Studium des Verhaltens der Lebewesen einschließlich des Menschen. Die Zurückweisung der Evolutionstheorie in weiten Bereichen psychologischer Forschung erklärt, dass sich eine Kluft zwischen einer als Verhaltensforschung verstandenen Tierpsychologie und der Humanpsychologie, der im Selbstverständnis der meisten ihrer Vertreter Psychologie im eigentlichen Sinne, aufgetan hatte. Erkannt zu haben, dass es nur eine Psychologie geben kann, eine Lehre von den allgemeinen, das tierische wie menschliche Verhalten bestimmenden Faktoren, die aus der Evolution abgeleitet werden müssen, ist ein wesentliches Verdienst von Konrad Lorenz, des Begründers der Vergleichenden Verhaltensforschung.

Lorenz definierte Leben als Lernen. Lernen ist das Anpassen des Angeborenen, die Fähigkeit, das angeborene Programm zu komplettieren oder zu ändern, denn aus ethologischer Sicht ist das Lernen die Individualisierung von angeborenem Verhalten.

Die Begegnung mit den großen Ornithologen Oskar Heinroth und Erwin Stresemann im Jahr 1931 wurde für Lorenz zum entscheidenden Ereignis für seine folgende wissenschaftliche Laufbahn; 1933 promovierte er erneut, diesmal zum Dr. phil. im Fach Zoologie, und es waren Vögel, denen sich Lorenz intensiv zuwandte und ihn durch ein Bild weltberühmt machten: Er schwimmt vor einer Schar junger Graugänse her, die ihn für ihre Mutter halten.

In jahrelangem geduldigen Umgang mit diesen und anderen Tieren entdeckte er Verhaltensformen, die für alle Lebewesen gelten, also auch für den Menschen. Als Lorenz 1973 zusammen mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen der Nobelpreis für Medizin und Physiologie zuerkannt wurde, war es das erste Mal, dass Verhaltensforscher auf diese Weise geehrt wurden. Sein 1982 erschienenes populärwissenschaftliches Buch „Das Jahr der Graugans“ wurde zu einem Bestseller.

Von 1961 bis 1973 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei Starnberg.

Nach seiner Emeritierung schuf die Max-Planck-Gesellschaft für Konrad Lorenz die berühmte Forschungsstation in Grünau im Almtal (Oberösterreich), wo er bis zu seinem Tode unermüdlich tätig war.

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