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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 11/2008

Ein Reformator der Leibesübungen und der Heilgymnastik: Vor 200 Jahren wurde in Leipzig Daniel Gottlob Moritz Schreber geboren

Von Manfred P. Bläske

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehen Familien, die in Leipzig oder am Rande der Stadt ein parzelliertes Stück Erde ihr Eigen nennen, nach der Tagesarbeit und vor allem am Wochenend in ihren „Schrebergarten“. Viele Tausende Gartenfreunde finden auf rund 30% der Grünflächen der Stadt Entspannung in freier Natur und Erholung bei sinnvoller Bewegung an frischer Luft. In diese Oasen flohen die Städter aus den im Zuge der Industrialisierung emporwachsenden Mietskasernen vor allem der Arbeiterviertel, um ihre Kinder aus den engen und düsteren Hinterhöfen herauszuholen. – Obwohl „Schrebergärten“ zum Inbegriff von Kleingartenanlagen in der ganzen Welt wurden – auch in Japan kennt man sie – wissen die wenigsten, dass diese Bezeichnung aus Leipzig stammt. Auch dass der Namensgeber keinen dieser Gärten jemals sah, ist weithin unbekannt; als der erste „Schrebergarten“ entstand, lebte er seit Langem nicht mehr.

Fünf Jahre vor dem Gemetzel der Völkerschlacht wurde Daniel Gottlob Moritz Schreber am 15. Oktober 1808 in Leipzig als Sohn eines wenig bemittelten Advokaten geboren. Starke Eindrücke seiner Kindheit waren die Befreiungskriege, nicht zuletzt wohl dadurch, dass er mit seinem Vater auf dem Schlachtfeld „Gewehrkugeln und andere Kriegsandenken“ sammelte. Die Gymnasialausbildung erwarb Schreber an der Thomasschule. Im September 1827 begann er sein Medizinstudium an der Universität Leipzig, wo zu seinen Lehrern der Botaniker Christian Friedrich Schwägrichen (1775 – 1853)*) gehörte.
*) An ihn erinnert die Schwägrichenstraße in Leipzigs „Musikviertel“.

Sechs Jahre später promovierte Schreber mit einer in Latein verfassten Dissertation über ein Medikament bei Entzündungen der Atmungsorgane. Schreber war in den ersten Studienjahren „eine kleine dürftige Gestalt“, erinnert sich ein Freund. Doch er erreichte mit Turnübungen Proportionen, „die das Durchschnittsmaß des männlichen Körperbaus weit überschritten“ hatten, was insofern beachtenswert ist, als Turnen einerseits für Schreber bald beruflich bedeutsam wurde, andererseits aber auch Mut verlangte, denn es galt in Sachsen, weil „nationalistisch“, als staatsgefährdend!

Nach Abschluss seiner Dissertation wurde Schreber Leibarzt eines russischen Adligen, gelangte so an wichtige Orte der medizinischen Ausbildung (Berlin, Prag, Wien), in bedeutende Badeorte und in große Teile Russlands. 1836 kehrte er nach Leipzig zurück, ließ sich als praktischer Arzt nieder, habilitierte, wurde Privatdozent und begann Bücher zu schreiben. Sein bedeutendstes Werk, Aerztliche Zimmergymnastik für beide Geschlechter und jeden Alters, erlebte zwischen 1855 und 1907 einunddreißig Auflagen und ist fast ausnahmslos noch heute zu nutzen.

Im Jahre 1844 übernahm er die orthopädische Heilanstalt des Oberwundarztes Ernst August Carus, der eine Berufung nach Dorpat erhalten hatte. In Begleitung des Mechanikus Reichel aus Leipzig unternahm Schreber deshalb eine mehrwöchige Reise nach Paris, um dort die modernsten Einrichtungen für Orthopädie und den einschlägigen Apparatebau kennenzulernen. 1847 bezog er mit seiner „gymnastisch- orthopädischen Heilanstalt zu Leipzig“ ein großes Gebäude in der Zeitzer Straße, in dem viele neue Methoden für eine „korrigierende Heilgymnastik“ entwickelt, erfolgreich angewandt und in zahlreichen Publikationen aber auch Vorträgen bekannt gemacht wurden.

Mit zwei befreundeten Professoren gründete Schreber 1845 den Leipziger Turnverein, der sich bereits ein Jahr später eine eigene Turnhalle baute. In einer Rede anlässlich der Vergrößerung der Halle forderte Schreber 1849, dass „die Regierung Turnen zu einem Pflichtfach in der Schule machen“ müsse. 1852 erschien sein Werk Eigentümlichkeiten des kindlichen Organismus im gesunden und kranken Zustand, in dem er als einer der Ersten für die „Sonderung der Kinderheilkunde von der übrigen Medizin“ eintrat.

Ernst Innocenz Hauschild (1808 – 1866), Direktor des Modernen Gymnasiums und der Höheren Töchterschule, an denen auch Alfred Edmund Brehm lehrte, setzte als gleichaltriger Freund Schrebers dessen Vorstellungen, im Freien Spielplätze zur körperlichen Ertüchtigung und Erziehung zu schaffen, in die Tat um. Hauschild wurde Initiator und Motor einer jugendpflegerischen Bewegung von Bürgern, die auf den Thomaswiesen in der Westvorstadt Leipzigs einen Spielplatz schuf und unterhielt. „Kinderbeete“ wurden angelegt, die sich durch die Mitwirkung der Eltern zu „Familienbeeten“ entwickelten. Der Parzellierung folgte der Bau von Lauben, in denen man Schutz vor Regen fand aber auch kochen konnte. Die Anordnung dieser Lauben um einen Spielplatz ist noch heute in alten Anlagen zu erkennen, die nach dem Leipziger Vorbild entstanden.

1864 etablierte sich ein Verein, der auf Vorschlag Hauschilds den Namen „Schreberverein“ erhielt. Die kleinen Gärten um den Spielplatz herum wurden bald „Schrebergärten“ genannt.