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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 10/2008

Dichter und universeller Gelehrter: Vor 300 Jahren wurde Albrecht von Haller geboren

Von Manfred P. Bläske

Der Mond verbirgt sich,

der Nebel grauer Schleier

Deckt Luft und Erde nicht mehr zu;

Der Sterne Glanz erblasst,

der Sonne reges Feuer

Stört alle Wesen aus der Ruh.

So lautet die erste Strophe des manchem Älteren aus der Schulzeit noch bekannten Gedichtes „Morgengedanken“ von 1725, das Aufnahme im CONRADY, der großen repräsentativen Sammlung deutschsprachiger Lyrik fand. Sein Verfasser, der den schwülstigen Überschwang damaliger Poesie mied, hat als Dichter der Alpen seinen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte. Die Majestät der Natur fand er aber nicht nur in den Bergen, sondern auch in den Staubgefäßen der Pflanzen, denn er war Botaniker; in der Funktion der Sinne und Muskeln, denn er war Physiologe und Anatom. Er war einer der letzten großen Naturforscher, welche die gesamte Natur in ihre Betrachtungen einbezogen und die gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar anzuwenden suchten.

Albrecht von Haller, der am 16. Oktober 1708 in Bern geboren wurde, verlor sehr früh seine Eltern. Er hatte kaum eine Kindheit, war in seinen ersten Jahren schwer krank, fing spät zu laufen an und blieb den Spielen der Gleichaltrigen fern. Doch mit vier Jahren konnte der Junge lesen und schreiben, mit neun schrieb er Wörterbücher für das Hebräische und Griechische und bald folgten Lexika und Grammatiken. Während der Schulzeit verfasste er mit einem unverkennbaren Hang zum Enzyklopädischen Lebensläufe von zweitausend Menschen!

Krankheiten und früher Tod von Mutter und Vater veranlassten Haller, Medizin zu studieren; das Gymnasium bot ihm nicht viel, so dass er mit 15 Jahren sein Studium an der Universität Tübingen begann, mit viel Glück, denn er wohnte beim Buchhändler Johann Georg Cotta (Urgroßvater von Johann Friedrich Cotta, der als Verleger von Goethe und Schiller berühmt wurde), der Hallers Hunger nach neuesten Druckschriften stillte.

1725 ging er nach Leiden zu Hermann Boerhaave (1668 – 1738) dem großen Kliniker, an dessen legendären zwölf Krankenhausbetten die Ärzte halb Europas geschult wurden. Auch die Anatomie in Leiden war weltberühmt, und Haller wurde hier zum Wissenschaftler. Die damals üblichen Wanderjahre brachten ihn nach London und Paris, anschließend studierte er Mathematik in Basel. Ab 1729 wurde er Arzt in Bern und sechs Jahre später Stadtbibliothekar. In dieser Zeit systematisierte Haller die gesamte Schweizer Flora.

Im Frühjahr 1736 erfolgte die Berufung als Professor der Anatomie, Chirurgie und Botanik an die neugegründete Universität Göttingen, die nach dem Vorbild Leidens als eine moderne Forschungsstätte entstand; Haller wurde ihr Organisator, der 52000 Werke für die medizinische Bibliothek zusammentrug. In den Göttinger Zeitungen von gelehrten Sachen, die Haller 25Jahre lang leitete, erschienen 12000 Rezensionen von Büchern aller Wissensgebiete aus seiner Feder; eine unglaubliche Leistung! Schon 1749 wurde er in den Reichsadelsstand erhoben und zum Mitglied sämtlicher Akademien der Welt gewählt.

Die von Haller 1751 gegründete Königliche Gesellschaft der Wissenschaften entwickelte sich unter seinem Vorsitz zu einer der angesehendsten Akademien.

Sein Engagement kannte keine Grenzen. Mit Blick auf seine eigenen rund 135 Werke, und auf mehrere hundert, an denen er mitgearbeitet hat, gründete Haller eine Zeichenakademie. Er ließ ein modernes anatomisches Theater mit 40 Sektionen pro Wintersemester errichten, einen botanischen Garten anlegen und eine Entbindungsanstalt bauen.

Zu allen medizinischen Gebieten erschienen grundlegende Arbeiten. Am berühmtesten wurden seine acht Bände umfassenden „Elementa physiologiae corporis humani“, in denen Haller – ab 1753 wieder in Bern lebend – das gesamte physiologische Wissen seiner Zeit und unzählige eigene Beobachtungen und Entdeckungen zusammenfasste. Erst durch dieses Werk wurde die Physiologie eigentlich zu einer selbstständigen Wissenschaft.

Als Dichter stellt sich Haller als größter deutscher Lyriker seiner Zeit vor Klopstocks Auftreten dar, als Schöpfer einer philosophischen Dichtersprache und als wichtiger Vorläufer der Schillerschen Gedankenlyrik.

Von 1724 bis zu seinem Tode schrieb Albrecht von Haller über 13000 Briefe in fünf Sprachen an 1209 Korrespondenzpartner.

Er starb am 12. Dezember 1777. Seine Bibliothek – eine der berühmtesten der Welt – seine Briefe, seine Handschriften waren für den Rat der reichen Stadt Bern uninteressant; sie gelangten in die lombardischen Städte Mailand, Padua und Pavia. Sein Grab war bald verschwunden; es musste einer Erweiterung des Bundeshauses weichen.