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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 09/2008

„Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft“ - 100. Todestag von Salomon Neumann

Von Manfred P. Bläske

Der oft zitierte Ausspruch, wonach die Medizin „in ihrem innersten Wesen und Kern eine soziale Wissenschaft“ sei, wird in der medizingeschichtlichen Literatur meist Rudolf Virchow zugeschrieben. Ursprünglich stammen diese Worte jedoch aus Salomon Neumanns 1847 erschienenem Werk „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum“, das von Virchow – der wie Neumann Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung war – mit Bewunderung zur Kenntnis genommen wurde. Beide engagierten sich in einschlägigen Ausschüssen für Veränderungen im Gesundheitswesen; der bekannte Virchow als Kopf revolutionärer Reformideen, der weniger bekannte Neumann als deren Motor.

Salomon Neumann wurde als viertes von acht Kindern einer jüdischen Kleinhändlerfamilie am 22. Oktober 1819 im pommerschen Pyritz geboren. Nach der Volksschule absolvierte er das Friedrich-Gymnasium in Frankfurt an der Oder. Das Abitur erwarb er am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin, und 1838 begann Neumann sein Medizinstudium, das er 1841 an der Universität Halle-Wittenberg fortsetzte. Nach der Promotion ging Neumann als approbierter Arzt nach Wien und Paris, den damals bedeutendsten Zentren der modernen europäischen Schulmedizin. Tief beeindruckt vom Geist der Revolution von 1789 mit ihrem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kehrte er 1845 in das politisch und ökonomisch rückständige Deutschland zurück, um sich als praktizierender Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer im übervölkerten Berlin mit seinem verelendeten Proletariat niederzulassen, wo sich der Großteil seiner Patienten aus Handwerksgesellen, Fabrikarbeitern, Tagelöhnern und Kleinbürgern zusammensetzte. Der „grelle Unterschied in der Pflege der armen und der reichen Kranken“ war, wie Neumann später schrieb, nicht zu übersehen.

Er wurde einer der 30 Armenärzte und bereits 1847 sah er sich veranlasst, die Hilflosigkeit der armenärztlichen Praxis als Ergebnis einer allein auf christlicher Barmherzigkeit beruhenden Armenkrankenpflege zu charakterisieren und als Scheinhilfe bloßzustellen. Denn er wies nach, dass die „in humaner Gesinnung und Pflichteifer“ wetteifernden 30 Armenärzte aus Sorge um die eigene Existenz nur ein Fünftel ihrer Arbeitszeit für Arme verwenden konnten, was der vollen Arbeitskraft von nur sechs Armenärzten entsprach, und das für über 181.000 unmittelbar arme Menschen Berlins! Zwar ermöglichten „Armenscheine“ eine kostenlose ärztliche Behandlung, deren Ausstellung jedoch hatte den Verlust der Bürgerrechte zur Folge.

In seiner Reformschrift (Abb.) ging es Neumann vordergründig um die missliche Lage der 515 Ärzte und Wundärzte Berlins, die der Staat soeben zu Gewerbetreibenden erklärt hatte. Er plädierte für eine „freie Association der bisher isolierten Ärzte“, woraus 1849 ein „Gesundheitspflegeverein“ hervorging, der bereits ein Jahr später 7.253 Mitglieder zählte. – 1853 wurde er als politisch suspekt verboten.

Mit dem Ziel, die unzulängliche Armenpflege durch eine soziale Medizin abzulösen, arbeitete Neumann unverdrossen weiter, denn er hatte die Armut als eine Quelle von Krankheit erkannt. Dringliche Vorschläge, die er als Vorsitzender der Gesundheitsreformkommission von 1848/49 machte, fielen der politischen Restauration zum Opfer. Im Bemühen, die gesellschaftlichen Bedingungen von Krankheit aufzuspüren und wissenschaftlich zu belegen, wurde er zum Pionier einer sozialen Medizinalstatistik. Seine damit verbundenen umfassenden Arbeiten wurden aus Anlass seines 86. Geburtstages mit der Ehrenmitgliedschaft der „Gesellschaft für soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik“ gewürdigt.

Kurz vor seinem 89. Geburtstag starb Salomon Neumann am 20. September 1908. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof von Berlin-Weißensee beigesetzt.

Das vollständige Bild dieses vielseitig kreativen Arztes, Gesundheits- und Kommunalpolitikers, der sich als Stadtverordneter jahrzehntelang für die öffentliche Gesundheitspflege einsetzte, bleibt in seiner Gesamtheit noch darzustellen, zumal er wie andere große Arztpersönlichkeiten Berlins in den Schatten Rudolf Virchows geriet.