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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2008

Ausgabe 07-08/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir stellen vor



Buchbinderin, Korrespondentin und Transmissionsriemen: Brigitte Dürings Sichtweisen auf und für sächsische Ärzte

Bislang wurden an dieser Stelle zahlreiche sächsische Ärzte und eine Psychotherapeutin mit ihren Ansichten vorgestellt. Heute soll eine Frau zu Wort kommen, die keine dieser Fachrichtungen studiert hat. Warum? Dazu später.

1946 in Thüringen als Älteste von vier Kindern eines Buchbinders geboren, kam Brigitte Düring noch vor der Schuleinführung nach Leipzig, weil ihr Vater dort die Leitung eines Buchbinder-Meisterkurses übernahm. Kaum eingeschult, gingen die Eltern mit ihren Kindern 1954 in den Westen „und fingen in Baden-Württemberg neu an.“ Das gestaltete sich schwierig. Trotz eines guten Zeugnisses konnte sie aus finanziellen Gründen kein Abitur ablegen und nahm bei ihrem Vater eine Buchbinderlehre auf. Für die Firma war sie eine billige Arbeitskraft, ihrem eigenen Anspruch an einen Beruf genügte es nicht. So ging sie nach Frankfurt/Main, um den zweiten Bildungsweg zu beschreiten.

Ärzte und Medien, ein Thema, das sie von nun an begleitet. Sie kennt die Scheu vieler Ärzte vor den Medien. „Ja, es gibt unseriöse und schlampige Journalisten und den Trend schreierisch zu berichten.“ Schlechte Erfahrungen bestätigen Vorurteile, die dann alle Journalisten treffen. „Die Ärzte tun sich keinen Gefallen damit, sich zu verschließen. Sie müssten offensiver damit umgehen, gut vorbereitete Hintergrundinformationen geben und klar ihre Anliegen formulieren. Journalisten arbeiten unter hohem Zeitdruck, man kann durchaus bitten, den Text vorm Druck noch mal zu sehen. Einen fairen Umgang miteinander empfehle ich beiden Seiten.“

Ihre ersten KV-Erfahren hat Frau Düring noch in Nordrhein-Westfalen gemacht. Dort „gab es keine Vertreterversammlung ohne Eklat“. Die Fachgruppen stritten um Honoraranteile, „die glaubten alle, die anderen bekommen zuviel.“ In Sachsen verlief alles friedlich und sachlich, „es war der Wunsch etwas zu gestalten, es gab noch keine Budgets, um die man streiten konnte und es gab Erfahrungen mit interdisziplinärer Zusammenarbeit.“ Das änderte sich 1993/94, als die Budgetierung kam. Brigitte Düring reflektiert: „Meine Berichterstattung hab ich als Transmissionsriemen gesehen, um Sachverhalte darzustellen.“

Frau Düring bricht eine Lanze für die Ost-Ärzte. Durch die Abwicklung an den Hochschulen „gingen hochqualifizierte Leute in die Niederlassung“, dadurch gab es dort eine hohe fachliche Kompetenz. Die Hausärzte haben dadurch hier ein höheres Ansehen als im Westen. Zu den spannendsten Momenten gehörte der erste Sächsische Ärztetag 1995 in einer Messehalle in Leipzig. Die Ost-KVen hatten schnell eigenes Selbstbewusstsein gegenüber den Westärzten entwickelt. Frau Düring hat „versucht, das nach Kräften zu befördern.“ Sie beobachtete „inhaltlich gute Entwicklungen, z.B. den Diabetesvertrag, mit zunehmender Professionalisierung sind viele gute und eigenständige Dinge auf den Weg gebracht worden.“ Sie erinnert an die spannenden Auseinandersetzungen mit Horst Seehofer, die ersten überregionalen Aktionen zur Honorarangleichung. Die Ärzte Zeitung sieht sie in diesem Kontext „als guten Transmissionsriemen, die Dinge hier bundesweit bekannt zu machen.“

Bei ihrer Arbeit konnte und musste Brigitte Düring auch die ambulante Medizin in Sachsen beobachten. Immer wieder fand sie „sehr viel hohe Fachkompetenz“. Leider sind auch mitbedingt durch die Budgetierung kritische Entwicklungen eingetreten. Sie nennt lange Wartezeiten, man erreicht z.B. an bestimmten Wochentagen nachmittags keinen Arzt mehr.

„Hier müssen die Niedergelassenen aufpassen, dass sie nicht die Tendenz mit begünstigen, dass die Patienten ins Krankenhaus gehen.“ Die geringe Vernetzung hält sie für einen Mangel, sieht zuwenig zukunftsweisende Modelle, vermisst Kreativität bezüglich künftiger Versorgungsformen, zuwenig ganzheitliche Medizin mit Apotheken und Krankenhäusern.

Frau Düring hatte gehofft, dass mehr von den guten Seiten des DDR-Gesundheitswesens übernommen würden. „Man hätte nicht alle, vor allem ältere, in die Niederlassung treiben müssen.“ Um nicht missverstanden zu werden, nennt sie als positive Beispiele die Dispensaire und das Impfregime. Auch in der Fläche wäre durch Telemedizin, einem System von Zweigpraxen „aus ihrer Sicht einiges möglich“. Sie sieht die Gefahr für den Osten, dass „wie im Westen vieles einrostet und stehen bleibt.“ „Niedergelassene Ärzte spielen ihre Vorteile zu wenig aus, sie können flexibler arbeiten als große Einheiten.“

Der Rückblick über 18 Jahre bietet sich an. Zum 1. April 2008 beendet Frau Düring ihre Arbeit bei der Ärzte Zeitung. Auf eine Prognose für 2026 lässt sie sich nicht ein. „Auf jeden Fall kommt Bewegung ins System, nicht nur bei den Niedergelassenen, alle medizinischen Einrichtungen wird es betreffen, der wirtschaftliche Druck wird zunehmen. Es wird Versorgungsformen geben, an die wir heute noch nicht denken, die Bevölkerung wird älter, da muss viel passieren.“ Sie erwartet mehr Zusammenarbeit mit allen Heilberufen, auch mit Sozialarbeitern und der Jugendhilfe. Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle 5Jahre, die Anforderungen an die Profession werden größer, Weiterbildung entsprechend wichtig, das Selbstbewusstsein der Patienten nimmt zu, „selbst Senioren informieren sich im Internet.“

Den Selbstverwaltungen hier im Osten bescheinigt sie, schnell professionell geworden zu sein. Sie sollten Servicequalitäten entwickeln und weiter ausbauen, mehr Motor sein für zukunftsfähige Versorgungsmodelle, die selbst angeschobene Liberalisierung durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz nicht selbst wieder einschränken. Brigitte Düring lobt die Einbeziehung der Berufsverbände in die Selbstverwaltung. „Parallele Verbände und Organisationen sind nicht auszuschließen.“ Sie glaubt nicht, dass diese erfolgreicher sein können, „die Vertragskompetenz der KVen ist sehr gut, da können sich mehr Dienstleistungen ableiten.“ Aus Mediensicht rät sie KVen und Berufsverbänden, sich besser zu verkaufen und „die Dinge“ fachlich richtig und doch „verständlich rüberzubringen.“

Sie selbst betrachtet sich nicht als Außenstehende, eher als Ratgeber und wieder fällt der Begriff Transmissionsriemen. Brigitte Düring ist durch die 68er Ereignisse zum Journalismus und durch die 89er Ereignisse nach Sachsen gekommen. Nach vielen Stationen sieht sie sich in Leipzig angekommen. „Ich geh da nicht mehr weg, es ist schön hier.“

Diese Weichenstellung im Leben fiel deutlicher aus, als sie geahnt hatte. Sie „geriet in die 68er Bewegung“ und kam nach Braunschweig. Hier wurde sie politisch aktiv und schrieb erstmals für eine Zeitung. Bei der „Braunschweiger Zeitung“ erhielt sie bald „quasi Berufsverbot, weil ich bei den Bundestagswahlen für eine Linkspartei kandidiert hatte.“ Brigitte Düring ging nach Köln und ließ sich „zum Fotosatz“ umschulen. In dieser Zeit hat sie z.B. Anzeigen für den Spiegel gesetzt. Dem eigentlichen Journalismus galt ihr Interesse weiterhin. Als Quereinsteigerin begann sie im Journalistenbüro ihres damaligen Mannes zu arbeiten. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es eine Biografie, die auch in die „Brigitte“ gepasst hätte.

Im genannten Journalistenbüro ergab sich 1989 die Möglichkeit, die Berichterstattung für die Ärzte Zeitung in Nordrhein-Westfalen aufzubauen. „Da war vorher nichts.“ Zur Berichterstattung von der ersten Landtagswahl wurde sie nach Sachsen geschickt. Parallel suchte die Ärzte Zeitung „Leute für die Ostausgabe, sie hatte niemanden hier.“ Brigitte Düring bewarb sich als Korrespondentin und fing am 1. Juli 1991 in Leipzig an. Sie war für die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig und mietete sich „in einen Raum der alten Messe ohne Wasser aber mit Telefon für 400 DM“ ein. Stolz berichtet sie, „ab dem zweiten Tag über Modem online“ gewesen zu sein. Es konnte losgehen. Sie stellte sich bei den Körperschaften vor und bei den Ärzten einen großen Informationsbedarf fest.

Ständig fand sie neue Ansprechpartner vor, die es „nicht gewöhnt waren, mit der Presse umzugehen.“ Die drastischste Reaktion auf ihre Bitte um Auskunft für die Ärzte Zeitung war: „mit dem Revolverblatt wollen wir nichts zu tun haben“. Für dieses „Revolverblatt“ schreibt sie, „weil ich ein politischer Mensch bin, ich habe nie über die Medizin geschrieben, sondern über die Gesundheitspolitik.“