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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2008

Ausgabe 07-08/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir erinnern an



„Die größte Entdeckung aller Zeiten“
Vor 100 Jahren starb Henri Antoine Becquerel 

Von Manfred P. Bläske

In der Wissenschaftsgeschichte ist bei der Verwendung von Superlativen Zurückhaltung geboten. Wenn jedoch Frederick Soddy (1877–1956), der Entdecker der Isotope, kurz vor seinem Tode in seiner „Geschichte der Atomenergie“ das Auffinden der spontanen Uranstrahlung als größte Entdeckung aller Zeiten bezeichnete, ist ihm vorbehaltlos zuzustimmen: 1896 wurde eine Forschungsperiode eingeleitet, an deren vorläufigem Ende die nach wie vor existentielle Schicksalsfrage der Menschheit nach ihrem Umgang mit der Kernenergie steht.

Am Neujahrstag 1896 hatte Wilhelm Conrad Röntgen einen Sonderdruck seiner ersten Mitteilung über die von ihm am 8.November 1895 entdeckten X-Strahlen an Henri Poincaré (1854-1912) gesandt, der am 20. Januar 1896 vor der Akademie der Wissenschaften in Paris darüber berichtete und – zugleich den Begriff prägend – Röntgenaufnahmen demonstrierte.

Einer der Teilnehmer dieser Sitzung war der Physiker Henri Becquerel, der als drittes Glied von vier berühmten französischen Wissenschaftlergenerationen am 15. Dezember 1852 in Paris geboren wurde. Seit frühester Jugend war er unter der Leitung seines Vaters Edmond und seines Großvaters Antoine César in der Atmosphäre des Laboratoriums am Muséum National d`Histoire Naturelle erzogen worden und erwies sich für die Forschungsarbeit als ausgesprochen begabt, mit einer besonderen physikalischen Intuition, „die Phänomene ahnen ließ.“

Als Becquerel hörte, dass die X-Strahlen von jenem Teil der Glaswand des Entladungsapparates (zum Verständnis ist zu beachten, dass die ersten Röntgenröhren noch keine spezielle Anode bzw. Antikathode besaßen) ausgehen, wo die Kathodenstrahlen auftreffen, machte er Poincaré darauf aufmerksam, dass das Glas durch die Kathodenstrahlen fluoresziert wurde, und dass man nachforschen müsse, ob lumineszierende Körper unter dem Einfluss des Lichtes eine den Röntgenstrahlen entsprechende Strahlungsart aussenden.

Unter den phosphoreszierenden Substanzen fiel Becquerels Wahl auf das Urankaliumsulfat, von dem er dünne Blättchen auf einer undurchsichtigen Unterlage aus schwarzem Papier befestigte, die eine fotografische Platte enthielt. Über einige Stunden dem Sonnenlicht ausgesetzt, zeigte sich ein leichter fotografischer Abdruck auf jenen Teilen der Platte, die unter den Blättchen lagen.

Am 26. Februar 1896 folgte ein weiterer Versuch; doch der Himmel blieb an diesem und an den folgenden Tagen bedeckt, weshalb Becquerel die Anordnung in einer Schublade verschloss. Als am 1. März die Sonne wieder schien, nahm er die Platte vor der Fortsetzung des Versuchs mit in die Dunkelkammer, um eine Fehlinterpretation der kurzen Belichtung vom 26. und 27. Februar zu vermeiden. – Die Überraschung war groß.

Nebenstehendes Bild zeigt die historische Platte mit einem Teil des Textes von Becquerel: „26. Februar 96. Kaliumuransulfat. Schwarzes Papier. Dünnes Kupferkreuz. – Exposition gegenüber Sonne am 27. und gegenüber divusem Licht am 26. Entwicklung am 1. März.“

Erstaunlicherweise war der Abdruck stärker als bei früheren Experimenten und offenbar wurde sogar im Dunkeln eine Strahlung emittiert.

Der 1. März 1896 ging in die Geschichte ein als der Tag der Entdeckung des fundamentalen, bis zu diesem Datum der Menschheit verborgen gebliebenen Naturphänomens, das zwei Jahre später von den Curies als Radioaktivität bezeichnet wurde.

Marie Curie (1867–1934) und Pierre Curie (1859–1906) fanden, angeregt durch Becquerels Entdeckung, 1898 das Polonium und kurz darauf das Radium. Nun war die Tür für weitere Forschungen weit geöffnet, deren Ergebnisse unser jetziges Leben auch auf dem Gebiet der Medizin prägen.

1903 erhielten Becquerel und die Curies den Nobelpreis. – Neben weiteren physikalischen Entdeckungen gelang Henri Becquerel der Nachweis der elektrischen Ablenkbarkeit der b-Strahlen. Er starb am 25. August 1908 in Le Croisic.