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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 06/2008

Team Dres. med. Werner und Findeisen Sayda<br>„Leitliniengerechtes Wissen und praktisches Handeln“

Gemeinsam mit Dr. Annegret Werner betreibt Dr. Bernd Findeisen in Sayda (Osterzgebirge) eine Gemeinschaftspraxis.

„Für mich steht Teamarbeit an erster Stelle“, lautet das Credo des 66-jährigen Allgemeinmediziners.

Das sehen die Mitarbeiter Tilo Huster, die Schwestern Brigitte, Christine, Gabi und Tina ebenso.

Und auch Studenten, die in der 700 m hoch gelegenen Stadt häufig zum Einsatz kommen, lassen sich gern vom Teamgeist der Erzgebirgler anstecken.

Variables Dienstsystem

Frau Dr. med. Werner trat Anfang April 2000 als gleichberechtigte Partnerin in die Praxis ein. Durch Famulaturen und Facharztausbildung kannte sie Kollegen und Patienten schon lange vorher. Mit der Niederlassung entschied sie sich für ein Kollektiv, „wo gegenseitige Achtung und die gemeinsame Bewältigung unterschiedlicher Herausforderungen vorherrschen. Dr. Findeisen und seine Mitstreiter vertrauen ihrem variablen Dienstsystem. Es sichert kontinuierliche Patientenbetreuung ebenso wie private Belange und ermöglicht damit, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Zum Haupteinzugsbereich der zentral im Ort gelegenen Praxis gehört Sayda mit seinen ca. 2.000 Einwohnern, darüber hinaus weitere Orte und Pflegeheime. Im Interesse der Patienten setzt der Praxisgründer, der am 1.Januar 1991 in die freie Niederlassung ging, von jeher auf Kontinuität. So gehört mit Tilo Huster dank seiner Überzeugungsarbeit und der von Dr. Annegret Werner der Nachfolger schon jetzt zur Praxis.

Der 44-jährige Huster arbeitete schon als Oberarzt im Krankenhaus, war aber dort zunehmend unzufrieden. Er sah sich alles in Hospitationen an, die Umstände in Sayda sagten ihm zu: „Ich komme vom Dorf, kenne das ländliche Leben, wo jeder jeden kennt.“

Das Team und das Modell der Gemeinschaftspraxis gefielen dem Internisten. Auch, „weil ein breites Betätigungsfeld gegeben und man fachlich nicht auf sich allein gestellt ist.“

 

Schwestern im Team respektiert

Als verlässliche Partner wissen die Ärzte ihre Arzthelferinnen zu schätzen: „Jede unserer Schwestern hat ein Heim zu betreuen, macht Hausbesuche und ist mit den Patienten vertraut.“ Mindestens zwei Mal am Tag sitzen alle zusammen und besprechen Probleme auf dem kleinen Dienstweg. In gleicher Runde treffen sie sich zu halbjährlichen ausführlichen Strategieberatungen.

Kommen Medizinstudenten zur Ausbildung nach Sayda, „fühlen ihnen unsere Schwestern in der ersten Woche auf den Zahn“, meint Dr. Findeisen scherzhaft, unterstreicht damit aber den Stellenwert seiner Mitarbeiterinnen.

Diese helfen den Praktikanten zu Beginn, den Arbeitsumfang kennzulernen und notwendige Fertigkeiten zu erwerben. Damit die jungen Leute in Sayda sich gleich heimisch fühlen können, steht für sie im Praxisgebäude eine gemütliche Studentenunterkunft bereit. Kost und Logis sind frei.

Informationen per Amtsblatt

Eine schnelle Integration ins Team ist das Ziel, denn die Nachwuchsmediziner sollen so viel wie möglich vom hausärztlichen Alltag mitbekommen. „So nach zehn Tagen“, erläutert Dr. Findeisen, „bauen wir dann die ersten Kontakte zu den Patienten auf.“ Natürlich fahren sie auch Hausbesuche mit, „und sind in der Regel begeistert“, bestätigt Dr. Annegret Werner. Über ihre Lehrtätigkeit und neue Studenten informieren die Saydaer Ärzte kontinuierlich im örtlichen Amtsblatt. „Es leuchtet den Patienten ein, dass Nachwuchs gebraucht wird, deshalb sind sie durchweg aufgeschlossen“, freut sich Dr. Findeisen.

In den letzten Jahren haben so viele Studenten in Sayda famuliert bzw. Praktika abgeleistet, dass man inzwischen von einer etablierten akademischen Lehrpraxis sprechen kann. Die „Ausbilder“ beobachten erfreut den Trend, dass sich jetzt die Allgemeinmedizin, wenn auch mühsam, an den Universitäten etabliert. „Als ich studiert habe“, erinnert sich Frau Dr. Werner, „gab es das Fach Allgemeinmedizin noch gar nicht.“

Seit Oktober 2007 unterrichtet sie nun, gemeinsam mit Dr. Findeisen, während des laufenden Semesters ca. ein Mal im Monat am Universitätsklinikum in Dresden Medizinstudenten.

Motivation und Liebe zum Beruf

Fragt man den erfahrenen Mediziner Findeisen nach den Eigenschaften eines guten Landarztes, nennt er Stichworte: „Liebe zum Beruf, Teamfähigkeit, Organisationstalent, solides medizinisches Fachwissen, Entscheidungsfreude, Respekt vor der Lebensanamnese der Patienten, Gestaltungs- und Anpassungsbereitschaft im Praxisalltag, hohe Leistungsbereitschaft und möglichst einerobuste Gesundheit.“

Das ist ein anspruchsvolles Anforderungsprofil, weiß der Allgemeinmediziner, verweist aber wieder auf das Mannschaftsspiel: „Zusammen lassen sich die Aufgaben besser meistern. Wer nicht teamfähig ist, sollte gar nicht erst anfangen.“ Vor allem diese Motivation und Liebe zum Beruf will das Praxisteam in Sayda dem Nachwuchs vermitteln. Alle zeigen sich überzeugt davon, dass nur der Student zu begeistern ist, der auch tatsächlich einmal in einer Landarztpraxis tätig war.

Über Leitlinien hinaus denken

Bei der letzten Saydaer Studentin scheint der Funke auch schon übergesprungen zu sein. „Sie wollte eigentlich nach dem Frühstück losfahren“, erzählt der Praxischef, „dann kam noch ein Patient, der sich mit der Kreissäge in die Hand geschnitten hatte.“ Die medizinische Behandlung noch mitzuerleben war viel zu spannend, da musste die Heimfahrt eben noch warten.

Bei dieser „letzten Studentin“ handelte es sich um Lydia Münzel, die vom 4. Februar bis zum 7. März dieses Jahres in der Praxis am Lutherplatz famulierte.

Sie bereute ihre Entscheidung für das Erzgebirge in keiner Minute: „Als Fremde war ich von Anfang an voll integriert, geduldig haben mir Ärzte und Schwestern vieles erklärt und an den richtigen Stellen zur Seite gestanden.“

Es faszinierte die aus Nordhausen stammende Thüringerin, hier vor Ort Familien und Therapien über einen längeren Zeitraum verfolgen zu können. „Durch die Zeit hier“, schätzt die 22-jährige als besonders wichtig ein, „wurde ich dazu gebracht, über das leitliniengerechte Wissen, das man von der Uni mitbringt, hinauszudenken.“ Die Medizinstudentin lernte „den Wert eines gut eingespielten Praxisteams schätzen.“

Der Reiz der Allgemeinmedizin

Lydia Münzel kann sich sehr gut vorstellen, eine Facharztausbildung zum FA für Innere und Allgemeinmedizin zu machen und sich später einmal niederzulassen. Für diesen Fall wünscht sich die Nachwuchsmedizinerin weitere Kollegen im Umkreis für eine gute Zusammenarbeit. Warum sie sich auch die Arbeit in einer Gemeinschaftspraxis gut vorstellen kann, begründet sie folgendermaßen: „Ich möchte später ja auch genügend Zeit mit der eigenen Familie verbringen. In so einer Konstellation bleibt die Versorgung der Patienten gesichert.“

Den Reiz der Allgemeinmedizin sieht die Studentin im 4.Studienjahr darin, dass hier eine Betreuung über viele Jahre möglich ist und so ein gutes Arzt-Patienten- Verhältnis aufgebaut werden kann. Für die Zukunft hat Frau Münzel einen Wunsch: „Ich hoffe, dass sich der bürokratische Aufwand, den man als Arzt zu bewältigen hat, in den nächsten Jahren nicht weiter verschärft, so dass genügend Zeit für das eigentlich Wichtige bleibt – die Patientenbetreuung.“


Das Problem des drohenden Ärztemangels im Osten können Beispiele wie Sayda allein nicht aus der Welt schaffen. Sie helfen aber vor Ort und sind Vorbilder. Wer jedoch (wie z. B. manche Politiker und Kassenfunktionäre) die Vorurteile vom Weißkittel pflegt, der nur dem Mammon hinterher jagt oder glaubt, kein Medizinstudent sei mehr für das (Land)Arztleben zu begeistern, dem sei eine Fahrt ins Erzgebirge empfohlen.

– Öffentlichkeitsarbeit/ks –