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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 06/2008

Die Entdeckung des Morphiums - 225. Geburtstag von Friedrich Sertürner

Von Manfred P. Bläske

„In diesem Hause entdeckte 1803 Fr. W. Adam Sertürner das Morphium“ steht auf einer Gedenktafel, die an einem betagten Geschäftshaus, der früheren Cramerschen Hofapotheke, auf dem Marktplatz der westfälischen Bischofsstadt Paderborn angebracht ist. Die wenigen Worte, von manchem Betrachter in ihrer Bedeutung wohl kaum erfasst, markieren jedoch einen Wendepunkt in der Medizingeschichte, der sowohl für die Ärzte als auch für Kranke und Verletzte eine ebenso epochale Bedeutung besaß, wie sie rund vierzig Jahre später die Einführung der Äthernarkose in die Chirurgie erlangen sollte.

Friedrich Wilhelm Adam Sertürner wurde am 19. Juni 1783 in Neuhaus bei Paderborn als viertes Kind eines aus Österreich stammenden fürstbischöflichen Ingenieurs und Landesbauinspektors geboren. Der junge Friedrich Wilhelm erhielt in der Schule seines Heimatortes ersten Unterricht und wurde zugleich von seinem hochgebildeten Vater in die Grundzüge der Naturwissenschaften eingeweiht und auf den väterlichen Beruf vorbereitet. Von prägendem Einfluss auf den begabten Jungen waren die chemischen bzw. alchimistischen Beschäftigungen des Vaters, denen dieser mit Förderung (vielleicht sogar im Auftrag) seines Herrn und Gönners, des Fürstbischofs, nachging. Zweifellos bestimmten sie die Berufswahl des früh vaterlos gewordenen Knaben: 1799 ging er beim Hofapotheker F. A. Cramer in die Lehre.

„Durch Ordnung und Treue erwarb er sich meine Zufriedenheit und durch seine gesammelten Kenntnisse meine Achtung“, schrieb Cramer nach vier Jahren ins Zeugnis, und der Landesphysikus bescheinigte beim 1803 abgelegten Gehilfenexamen „diesem hoffnungsvollen Manne treffliche Kenntnisse und die Fähigkeit, die Geschäfte einer Apotheke zu übernehmen.“ Als Gehilfe blieb Sertürner noch zweieinhalb Jahre in seinem Paderborner Lehrhaus, wo er auch die ersten wissenschaftlichen Lorbeeren errang.

Schon dem Lehrling war aufgefallen, dass sich Ärzte über die stark schwankende Qualität des von seinem Chef angebotenen Opiums beklagten, was oft zu ernsthaften Dosierungsproblemen führte. Offensichtlich gab es in den Schlafmohnkapseln unterschiedlichen Opiumgehalt, oder – so Sertürners Vermutung – eine unbekannte Substanz im Opium schwankte in ihrer Konzentration. Mit den einfachen Mitteln eines kleinen Apothekenlaboratoriums, gestützt auf seine umfassenden Rohstoffkenntnisse begann er zu experimentieren. Ohne wissenschaftliche Vorbildung, aber mit seltenem Scharfblick und logischer Deutung gelang es ihm, das Opium zu analysieren. Dabei fand Sertürner, in Tier- und Selbstversuchen geprüft, den „eigentlichen schlafmachenden Stoff (Principium somniferum), einen kristallisierbaren Körper“, den er 1805 und 1806 in Trommsdorffs „Journal der Pharmacie“ vorstellte.

Jahre sollten vergehen, bis Sertürners große Entdeckung auch ihre wissenschaftliche Anerkennung fand; er war kein Akademiker und selbst eine Apothekenlizenz wollte man ihm vorenthalten. Kein Deutscher hatte es für notwendig erachtet, seine Arbeiten nachzuprüfen, bis der große französische Physiker und Chemiker L. J. Gay-Lussac (1778 – 1850) Sertürners Entdeckung bestätigte und die Folgen der Feststellung des basischen Charakters des Morphiums als unabsehbar bezeichnete. Die Zukunft hat ihm Recht gegeben – Sertürner ist der Begründer der Alkaloidchemie.

Endlich fand er auch in Deutschland Anerkennung; die Universität Jena verlieh ihm das Ehrendoktorat der Philosophie, und da der Bann gebrochen war, folgten Ehrungen wissenschaftlicher Gesellschaften in Bonn, Marburg, Berlin, Batavia, Petersburg und Paris. Nun durfte er 1820 auch die Ratsapotheke in Hameln erwerben. Als 1831 die Cholera in Europa ausbrach, befasste er sich mit der Abwehr dieser Krankheit und beschrieb mit bewundernswertem Vorausblick deren Erreger als „ein giftiges, belebtes, sich selbst fortpflanzendes Wesen“. – Ein halbes Jahrhundert später fand Robert Koch in Ägypten im Darminhalt Cholerakranker den Cholerabazillus.

Nach schwerer Krankheit starb Sertürner am 20. Februar 1841 im Alter von 58 Jahren.