Sie befinden sich hier: Startseite » Mitglieder » KVS-Mitteilungen » 2008 » 05/2008 » Wir stellen vor

KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 05/2008

Der weite Weg von einer „Schnapsidee“ zur neuen Schule in Guinea

Vor etwa fünf Jahren erzählte der jetzt in Lunzenau lebende Amadou Yombo Diallo seinem Nachbarn, dem niedergelassenen Arzt Axel Putzschke, von einem Besuch in Guinea. Er zeigte Fotos von einer winzigen Hütte mit einem Schilfdach und ein paar Bänken darunter. Die Schule aus Amadous Heimatort Misside erinnerte eher an einen Ziegenstall. „Hier müssen wir irgendwie helfen“, war der erste Gedanke, die Ankündigung: „Wenn eine neue Schule steht, kommen wir zur Einweihung runter“, damals noch eine „Schnapsidee“.

Afrika „im Hinterkopf“

Axel Putzschke und seine Frau Monika begannen damit, in der eigenen Praxis Geld zu sammeln. Die Idee wurde an eine Grundschule und Gymnasien herangetragen, das Unternehmen KOMSA spendete einen größeren Betrag... und so nahm die einstige „Schnapsidee“ immer realistischere Konturen an. Heraus kam innerhalb von 3 Jahren die stattliche Summe von 25.000 EUR. „Dabei läuft es relativ frei, einen Verein haben wir nicht gegründet. Über den Schulförderverein des Eurogymnasiums in Waldenburg kann man eine Spendenquittung bekommen“, berichtet der 49-jährige. Er verrät das Rezept des Spendenerfolges: „Im Hinterkopf steckt Afrika immer drin“. Frau Putzschke ergänzt: „Wir nutzen jede Gelegenheit, Freunde und Kollegen anzusprechen.“ Sie ist mithelfende Ehefrau in der Praxis am Markt in Lunzenau. Die „Niederlassung Putzschke“ in der 5.000-Einwohner-Stadt, 25km entfernt von Chemnitz, besteht seit 1993. Dort wissen auch die Patienten um das soziale Engagement der Putzschkes, fragen nach Neuigkeiten und helfen mit Spenden.

Beschwerliche Behördengänge

Es ist ein steiniger Weg, Geld aus Europa in konkrete Hilfe in Afrika umzumünzen. So blieb z. B. eine erste Überweisung für den Schulneubau „erst mal stecken“. Ein Orts- und Sprachkundiger wie Amadou Yombo Diallo kann zum Glück viele Hindernisse aus dem Weg räumen. Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft erledigte er z. B. beschwerliche Behördengänge vor Ort, organisierte viel. Im Februar 2006 war es dann tatsächlich soweit. Die Putzschkes fuhren zur Einweihung der neuen Schule nach Guinea. Der Lunzenauer denkt jetzt noch gern an den herzlichen Empfang dankbarer Gastgeber zurück: „Die umliegenden Dörfer feierten mit. Wir waren die ersten Weißen im Dorf.“ Die Schule für drei Dörfer besuchen ca. 120 Kinder, wobei: Schulwege von einer Stunde nicht ungewöhnlich sind.

Krankenstation und Brunnen

Bei seinem Besuch vor zwei Jahren hielt der Arzt in Misside auch eine kleine Sprechstunde ab. Er erinnert sich dabei besonders an einen kleinen Jungen. Bei ihm diagnostizierte er einen Hodenbruch, der einen chirurgischen Eingriff dringend erforderte. Der Patient musste dazu ins 40 km entfernte Krankenhaus gebracht und die für Einheimische nahezu unerschwingliche Gebühr von 40 EUR entrichtet werden. Die Deutschen konnten (in diesem Fall) helfen. Als Arzt freute er sich besonders darüber, dass mit einer kleinen in Deutschland konzipierten Krankenstation (mit einem Warte- und einem Behandlungszimmer) im vergangenen Jahr auch ein medizinisches Projekt fertig wurde. Die Rahmenbedingungen bleiben natürlich bescheiden, wenn beispielsweise Strom nur zeitweise da ist und fließend Wasser fehlt. Mit einem weiteren Projekt, einem ebenfalls 2007 eingeweihten Brunnen, gab es an dieser Stelle zumindest ein wenig Entspannung.

20 EUR für ein Schuljahr

„Bei solcher direkten Hilfe können wir allen Leuten, die etwas geben, garantieren, dass alles vor Ort ankommt“, wissen Axel Putzschke und seine Mitstreiter den Vorteil gegenüber anonymen Spenden zu schätzen. Die Palette der Spender ist breit. Sie reicht vom Praxispersonal, Medizinern und Patienten über Schüler, Lehrer bis hin zum Apothekenbetreuer bzw. Pharmareferenten. Gesammelt werden ausschließlich Geld und Medikamente. Schon kleine Beträge bewirken in Afrika viel, mit 20 EUR lässt sich beispielsweise für ein Kind das komplette Schuljahr finanzieren. Wie die Gäste aus Lunzenau in Guinea feststellten, haben Afrikaner die Gabe, mit sprichwörtlich nichts zufrieden zu sein und trotzdem relativ glücklich zu leben. Der Mitteleuropäer Putzschke resümiert: „Als wir wiederkamen, sind Bürokratie und Schreibkram erst mal an uns abgeperlt. Wir haben gesehen, wie extrem wir eigentlich auf der Sonnenseite leben.“ 2009 möchte er mit seiner Frau Afrika erneut bereisen und z. B. eine größere Sprechstunde in Misside abhalten. „Seit unserem letzten Besuch vor zwei Jahren haben wir bereits wieder 2.000 EUR an Spenden zusammen“, ergänzt Monika Putzschke.

Die Praxis und das soziale Engagement erfordern viel Kraft und Ausdauer. Fitness ist freilich für den Dipl.-Mediziner kein Problem. Der 49-jährige erkämpfte sich u. a. schon Medaillen bei den sächsischen Leichtathletikmeisterschaften der Senioren über 400 und 800 m, arbeitet zeitweise als ehrenamtlicher Fußballtrainer und läuft regelmäßig Marathon. Einen Halbmarathon läuft die ebenfalls sportbegeisterte Gattin.

– Öffentlichkeitsarbeit/ks –

Weitere Infos im Internet unter www.projekt-misside-guinea.de