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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 05/2008


Im Außendienst für die Kasse

Weniger Therapiefreiheit, mehr Verwaltungsaufwand, direkte Abhängigkeit von der AOK*): Das soll ein gutes Angebot sein?

Wer sich die bisherigen Verlautbarungen der AOK Baden-Württemberg zur geplanten hausarztzentrierten Versorgung genauer ansieht, stellt fest: Freiere Arbeitsbedingungen stellt die Kasse nicht in Aussicht. Wer sich von der KV gegängelt fühlt, wird an den Selektivverträgen erst recht keine Freude haben.

Seit langem klagen wir über die Zunahme der Bürokratie im Gesundheitswesen. Das Hausarztmodell der AOK Baden-Württemberg erhöht bereits für sich genommen durch zusätzliche Regularien den Verwaltungsaufwand.

Doch die AOK ist nur eine von 300 Krankenkassen. Wer daneben noch Patienten aus anderen Selektivverträgen versorgt, muss für jede Kasse jeweils unterschiedliche Dokumentations- und Abrechnungsmodalitäten beachten. Hinzu kommen die unterschiedlichen Anforderungen an Qualitätssicherung und Fortbildung.

Der Aufbau von Parallelstrukturen ist unsinnig und teuer. Wir werden nicht mehr nur für eine Abrechnungsstelle die Verwaltungskosten zahlen müssen, sondern für mehrere. Wem nützt das? Vor allem den Funktionären der Ärzteverbände. Die können die Existenz ihrer Organisationen legitimieren und sind bis auf weiteres versorgt.

Wir klagen seit langem über die Einschränkung der Therapiefreiheit in der Regelversorgung. Im AOK-Hausarztmodell von Baden-Württemberg werden die Ärzte zu Außendienstmitarbeitern der Kasse gemacht. Der Vertrag soll sicherstellen, dass die Patienten nach den Vorstellungen der AOK behandelt werden.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Streit, der Ende des vergangenen Jahres zwischen Hausärzten und der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft (HÄVG) aufflammte. Einige Hausärzte machten öffentlich, dass die HÄVG ihnen mit Ausschluss aus dem Barmer-Vertrag gedroht hatte, sollten sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist die „aktive Umsetzung der DMP in die Wege leiten“. „Ich kann meine Patienten nicht drängen oder nötigen, damit sie bei den DMP mitmachen – da mache ich mich doch strafbar“, so der Frankfurter Arzt Holger Milde. (Ärztezeitung, 13.9.2007)

Mit der Möglichkeit, einen Arzt bei Meinungsverschiedenheiten aus einem Selektivvertrag auszuschließen, kann eine Kasse massiven Druck aufbauen. Wir alle wissen: Wenn sich Ärzte am individuellen Bedarf des Patienten orientieren, ist dies nicht unbedingt im Interesse des Kostenträgers.

Fliegt ein Hausarzt aus dem AOK-Vertrag in Baden-Württemberg, verliert er im schlimmsten Fall 35 bis 40 Prozent seiner Patienten. Die am Hausarztmodell teilnehmenden Ärzte geraten also völlig in Abhängigkeit zur AOK.

Wir klagen über das miserable Honorar im KV-System. Möglicherweise macht die AOK Baden-Württemberg zunächst noch ein Lockangebot, um den Hausärzten den Ausstieg aus dem Kollektivvertrag zu erleichtern.

Doch in welcher Verhandlungsposition befinden sich die Hausärzte, wenn sie bereits in der Hand der AOK sind und die Vertragsverlängerung ansteht? Wenn der Kollektivvertrag aufgebrochen ist und verschiedene Arztgruppen gegeneinander ausgespielt werden können?

„Es geht darum, die Einsparpotenziale auszuschöpfen, die es im Gesundheitswesen noch gibt“, erklärt Manfred Partsch, Leiter der Abteilung für ambulante Versorgung beim AOK-Bundesverband zum Hausarztmodell in Baden-Württemberg.

Die Hausärzte in Baden-Württemberg können nun ihren Anspruch unter Beweis stellen, dass sie die Versicherten effizienter versorgen können.“ (Die Welt, 20.12.07). Ob das Hausarztmodell tatsächlich wie geplant durch Einsparung bei der Arzneimittelverordnung und zusätzliche DMP-Einschreibungen gegenfinanziert werden kann, ist fraglich. Die AOK wird das Hausarztmodell nicht dauerhaft subventionieren können. Niemand sollte sich wundern, wenn die Kasse nach einiger Zeit auch bei den Arzthonoraren „Einsparpotentiale“ entdeckt.

Alle Ärgernisse, die ärztliche Kritiker als Grund für einen Ausstieg aus dem KV-System anführen, werden in einer zersplitterten Vertragslandschaft perpetuiert – und zwar in verschärfter Form. Die KVen sind deshalb nicht aus der Kritik. Sie haben massiv zur Frustration der Ärzte und damit auch zur Entstehung dieser Situation beigetragen.

Dr. Stephan Hofmeister ist Arzt für Innere und Allgemeinmedizin in Hamburg

Nachdruck aus KVH Journal der KV Hamburg 1/08

mit freundlicher Genehmigung des Autors – die Redaktion)

*) AOK Baden-Württemberg – die Redaktion –