Sie befinden sich hier: Startseite » Mitglieder » KVS-Mitteilungen » 2008 » 05/2008 » Auch er war Arzt

KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 05/2008

Ausgabe 05/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Auch er war Arzt



Johann Jakob von Tschudi

Naturforscher, Forschungsreisender und Linguist

Von Manfred P. Bläske

1570, achtundsiebzig Jahre nach Entdeckung der „Neuen Welt“, schickte Philipp II. von Spanien seinen Leibarzt Francisco Hernandez nach Mexiko; er wurde der erste große Naturforscher des amerikanischen Kontinents. Im Auftrag der Holländer kamen 1637 die Ärzte Willem Piso aus Leiden und Georg Markgraf aus Liebstadt bei Meißen nach Brasilien; sie brachten sieben Jahre später die größte naturkundliche Sammlung des Jahrhunderts von Amerika nach Europa. Im 19. Jahrhundert ragen unter den ärztlichen Forschungsreisenden in Südamerika drei Schweizer heraus: Hans Rudolf Rengger aus Baden (Aargau), Karl Gustav Bernoulli, Spross der berühmten Basler Gelehrtenfamilie, und der von einem alten Geschlecht aus dem Kanton Glarus abstammende Johann Jakob von Tschudi.

Die Schweizer kennen den Geschichtsschreiber Gilg von Tschudi, auf den die landläufige Erzählung von Wilhelm Tell zurückgeht. Sie kennen Friedrich von Tschudis Hauptwerk „Das Tierleben der Alpenwelt“ und sie verehren dessen Bruder Johann Jakob Tschudi, der als Sohn eines angesehenen Kaufmanns am 25. Juli 1818 in Glarus geboren wurde. Seinen ersten Unterricht erhielt der junge Tschudi in einer Privatschule des namhaften Naturforschers Oswald Heer (1809 – 1883), der mit seinen botanischen und zoologischen Werken richtungsweisenden Einfluss auf den Knaben nahm. Das Gymnasium besuchte Tschudi in Zürich. Hier hatte er Lehrer von Format und während seines Medizinstudiums an der jungen Züricher Universität Professoren wie Lorenz Oken (1799 – 1851), den Begründer der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte oder den großen Kliniker und Pathologen Johann Lukas Schönlein (1793 – 1864), der unter anderem die praktische Unterweisung der Studenten am Krankenbett einführte.

In Neuchâtel, wo er sich zu zoologischen Studien aufhielt, bekam Tschudi das Angebot eines Genfer Handelshauses,als Arzt auf einem Schiff nach Südamerika zu fahren, wofür das Museum von Neuchâtel neben der medizinischen auch eine naturwissenschaftliche Ausrüstung bereitstellte.

Im Juni 1838 gelangte er nach Valparaiso. Der dort noch blühende Sklavenhandel veranlasste Tschudi, seine Forschungen mit ethnologischen Studien zu beginnen, die in Umfang und Exaktheit Maßstäbe setzten. Die weitere Reise führte nach Callao, dem Hafen von Lima. Frucht dieses Aufenthaltes ist neben der Beschreibung der Stadt eine detaillierte Schilderung der Hospitäler, der Apotheken und des Gesundheitszustandes der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. In Begleitung eines deutschen Matrosen begab sich Tschudi danach in das Hinterland von Peru.

Neben Tieren und Pflanzen galt seine Aufmerksamkeit auch hier medizinischen Fragen. So beschrieb er die später als Bartonellosis erkannte Veruga peruviana, untersuchte die Wirkung des von Medizinmännern benutzten „Roten Stechapfels“ und des Coca-Kauens. In Lima hatte Tschudi das Baccalaureat erworben, das ihm häufige ärztliche Tätigkeit in Peru erlaubte.

Eine Typhusinfektion zwang Tschudi 1841 in die Heimat zurückzukehren, wo er drei Jahre später seine fünfbändigen Untersuchungen über die Fauna Peruana herausgab, sowie das zweibändige Werk Peru, Reiseskizzen aus den Jahren 1838 – 42. Ein Bildwerk Antigüedades Peruanas erschien 1851, die Kechuasprache 1853.

Im Herbst 1857 unternahm Tschudi eine zweite Reise nach Südamerika beginnend in Rio de Janeiro, von wo er zum Quellgebiet des Mucury vorstieß. Die Rückkehr erfolgte über die Kolonien Philadelphia und Leopoldine. Weiter ging es über die Anden nach Atacama und über La Pac zur Küste, um die Heimreise anzutreten.

Die Bedeutung Tschudis liegt nicht in Entdeckungen von Neuland, sondern in erster Linie in den zoologischen, anthropologischen und ethnographischen Erkenntnissen, die er aus Südamerika mitbrachte. Seine kulturhistorischen Berichte sind von einer erfreulichen Frische und Zuverlässigkeit. Johann Jakob von Tschudi starb am 18. Oktober 1889 auf seinem Gut „Jakobshof“ in Lichtenegg. Im Jahre 1952 wurde in seinem Wohnhaus ein Museum eröffnet und das Anwesen in „Tschudihof“ umbenannt.