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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 03/2008

Ausgabe 03/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Auch er war Arzt



Georg Wilhelm Steller: Von Windsheim an der Aisch nach Alaska

Von Manfred P. Bläske

Von 1733 bis 1743 fand auf Befehl der russischen Kaiserin Anna die größte und aufwändigste Forschungsreise aller Zeiten statt, die als Große Nordische Expedition in die Geschichte einging. Unter dem Kommando von Kapitän Vitus Bering aus Jütland sollten fast eintausend Menschen Nordasien erforschen. Zu den deutschen Gelehrten, die im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften teilnahmen, gehörte auch ein Franke, dessen Antlitz von keinem Maler, Zeichner oder Kupferstecher überliefert wurde. Doch aus eigenen und fremden Niederschriften erhellt sich das Bild eines außergewöhnlich klugen, fleißigen, anspruchslosen und mutigen Deutschen, der als erster Naturforscher den Boden von Alaska betrat.

Georg Wilhelm Stoeller wurde am 10. März 1709 in Windsheim an der Aisch als Sohn des Kantors am Gymnasium und Organisten der Stadtkirche geboren. In einembehaglichen Haus am Kornmarkt wuchs der Junge wohlbehütet auf, besuchte das Gymnasium und hielt als Abiturient in vorbildlichem Latein eine Festrede „Über Blitz und Donner als Zeugen der Macht Gottes“, die mit einem Stipendium für das Studium der protestantischen Theologie in Wittenberg belohnt wurde. Doch bald interessierte ihn mehr der Anatom Abraham Vater (1684 – 1751) in dessen Seziersaal er immer häufiger zu finden war und im botanischen Garten, der von Vater besorgt wurde. Deshalb studierte Stoeller Naturwissenschaften und Medizin in Leipzig und Jena, gab Lateinunterricht am Franckeschen Waisenhaus in Halle, hielt Vorlesungen in Botanik und legte 1734 in Berlin am Collegium medico-chirurgicum sein Examen ab.

Mittellos begab sich Stoeller in das von den Russen besetzte Danzig, übernahm den Transport verwundeter Soldaten (wegen des im Russischen fehlenden „Ö“ von den Verwundeten stets mit Steller angesprochen, gebrauchte er künftig selbst nur diesen Namen) nach Petersburg und bekam, vermittelt durch den deutschen Direktor des Botanischen Gartens, eine Stelle im Hause des einflussreichen ehemaligen Erzbischofs von Nowgorod, der die Akademie der Wissenschaften auf den klugen, gelehrten deutschen Arzt aufmerksam machte.

Er erreichte auch, dass Steller 1737 zum Adjunkten der Akademie ernannt wurde mit der Verpflichtung, „Gmelin in Kamtschatka zu unterstützen“.

Der Tübinger Johann Georg Gmelin (1709 – 1755) war bereits als führender Wissenschaftler der großen Expedition bis nach Jennisseisk gelangt, wo Steller nach einjähriger beschwerlicher Reise 1738 eintraf, um sofort mit mineralogischen, zoologischen und botanischen Studien zu beginnen, die mit 1150 beschriebenen Pflanzen ihren Niederschlag in seinem botanischen Hauptwerk „Flora Irkutiensis“ fanden.

1740 setzte Steller mit einer eigenen Mannschaft seine Reise über Irkutsk nach Ochotsk fort und kam über das Ochotskische Meer nach Kamtschatka, das er in den nächsten acht Monaten nach allen Seiten durchforschte, wobei er auch umfangreiche Aufzeichnungen über die Lebensgewohnheiten und Krankheiten der Eingeborenen machte. Seine ethnologisch bedeutsame „Beschreibung von dem Lande Kamtschatka“ wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für die Itelmenen zur Basis ihres kulturellen Selbstverständnisses. Nach seinen Aufzeichnungen feiern sie jetzt zum Beispiel wieder ihr Alchalalalaifest, das Steller ausführlich beschrieben hatte.

1741 stieß Steller auf Vitus Bering und dessen Mannschaft, um nun die Reise nach Amerika gemeinsam fortzusetzen; am 20. Juli setzte Georg Wilhelm Steller als erster europäischer Wissenschaftler seinen Fuß auf das Festland von Alaska! Nach weiterer Fahrt entlang der Küste strandete die St. Peter am 6. November auf einer unbewohnten Insel, Skorbut forderte erste Opfer und am 8. Dezember starb auch Bering. Steller betätigte sich selbstlos als Arzt und Seelsorger, organisierte die Überwinterung und die Heimfahrt im August 1742.

Im Juli entstand die erste und einzige authentische Beschreibung der Stellerschen Seekuh, die bereits 1768 von russischen Robbenjägern ausgerottet wurde. Steller entdeckte einen flugunfähigen Kormoran und beschrieb akribisch viele andere Arten. Das Wissen über Tiere fremder Länder basierte bei europäischen Zoologen des 18. Jahrhunderts überwiegend auf Berichten reisender Abenteurer oder Seeleute. Hingegen beschrieb Steller, was er mit eigenen Augen gesehen und vermessen hatte. 120 Jahr vor Erscheinen des berühmten „Brehms Tierleben“ wurde er so zum ersten wirklichen Biologen.

Mit in 16 Kisten verpackten Sammlungen und Manuskripten begann die Rückreise durch Sibirien im Sommer 1744 bis nach Jakutsk, um dort zu überwintern. Während der anstrengenden Sommerreise nach Irkutsk erkrankte Steller schwer und starb am 12. November 1746 in Tjumen. Den Lutheraner beerdigten orthodoxe Priester außerhalb der Stadt am Ufer des Flusses Tura. Nachdem Räuber das Grab geschändet hatten, wurde Steller erneut begraben, doch wenig später löschte der Fluss die letzten Spuren eines großartigen Mannes.