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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 02/2008

Generalarzt und Begründer des Samariterwesens: Vor 100 Jahren starb Friedrich von Esmarch

Von Manfred P. Bläske

Johann Friedrich August Esmarch wurde am 9. Januar 1823 in der Hafenstadt Tönning geboren. Sein Vater hatte sich bereits mit 19 Jahren als Lic. med. et chir. in Husum niedergelassen, übersiedelte dann nach Tönning und 1836 als Stadt- und Landphysikus in das damals dänische Flensburg. Dem väterlichen Vorbild verdankte Friedrich seine frühe Hinwendung zu chirurgischen Problemen. Ab 1843 studierte er an der Universität Kiel Medizin, ging nach drei Semestern für zwei Jahre nach Göttingen, um danach das Studium in Kiel fortzusetzen.

Noch vor dem Staatsexamen wurde Esmarch Assistent bei Bernhard von Langenbeck (1810 – 1887), dem über viele Jahre hindurch unumstrittenen Kopf der deutschen Chirurgie, der 1847 – ein Jahr nach ihrer Erfindung – in Kiel die Äthernarkose einführte; Esmarch wandte dabei bereits den später nach ihm benannten Handgriff zur Verhütung der Atemwegeverlegung durch das Zurücksinken des Unterkiefers und der Zunge an. Mit eigenen und größeren Operationen wurde Esmarch auf dem Schlachtfeld konfrontiert; einen Tag vor Ausbruch des Krieges mit Dänemark erhielt er im April 1848 von Langenbeck, der Generalstabsarzt geworden war, das Patent als Arzt. Bereits im Oktober promovierte er und im gleichen Jahr – das war damals möglich – habilitierte sich Esmarch als Privatdozent für Chirurgie. Nachfolger Langenbecks wurde Louis Stromeyer, ihm folgte Esmarch 1854 als Professor für Chirurgie und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Kiel, ein Amt, das er 45 Jahre erfolgreich ausfüllte.

Bedenkt man, dass Esmarch mit verwundeten Soldaten ein Jahrzehnt vor der Schlacht von Solferino konfrontiert worden war, wird sein besonderes Engagement für die Kriegschirurgie verständlich, deren führender Vertreter er wurde. Schon während der schleswig-holsteinischen Feldzüge hat Esmarch das Prinzip der Triage für Transport und Versorgung der Verwundeten eingeführt, sowie die genaue Dokumentation über Art der Verwundung, vorgenommene und notwendige Maßnahmen.

Weder Rang noch Nationalität, sondern allein die Dringlichkeit bestimmten die Reihenfolge in der Versorgung.

In dem 1851 erschienenen Buch „Über Resektionen nach Schusswunden“ schlug Esmarch aufgrund seiner Erfahrungen für Schussbrüche des Ellenbogengelenks die Resektion anstelle der Amputation vor. Ab 1877 erschien sein preisgekröntes, vierbändiges „Handbuch der Kriegschirurgischen Technik“, das über Jahrzehnte neu aufgelegt und in andere Sprachen über-setzt wurde. 1892 ist das Werk durch einen fünften Band ergänzt und zu einer reich illustrierten, teils farbigen „Chirurgischen Operationslehre“ ausgebaut worden.

Narkose und Antisepsis erleichterten inzwischen die Schmerzen, aber noch im-mer gab es bei Operationen schwere Blutverluste. Esmarch fand den einfachen und zugleich genialen Ausweg: Auf dem Chirurgenkongress von 1873 stellte er seine künstliche Blutleere vor, eine Erfindung von epochaler Bedeutung für die weitere Entwicklung der Chirurgie.

Esmarch erfand eine Narkosemaske und das nach ihm benannte Tropfrohr zur Dosierungskontrolle, die Nierenschale, und den in der ganzen Welt verbreiteten Irrigator. Das Dreiecktuch und das Verbandpäckchen – heute bei allen Armeen der Welt geläufig – stammen von ihm. Genial sein Vorschlag, Soldaten mit Gummihosenträgern auszustatten, die als Tourniquet verwendet werden können. Sein Name ist verbunden mit Mobilen Ambulanzen, Transportablen Baracken und dem ersten Eisenbahn-Sanitätszug mit Apotheken- und Küchenwagen, der 1870 von Novéant nach Berlin fuhr.

Als erster in Deutschland wagte Esmarch die Ausbildung von Laien in medizinischen Handgriffen und gründete am 5. März 1882 den Samariter-Verein Kiel, mit Nachfolgern in der ganzen Welt, die seinen „Leitfaden für Samariterschulen“ benutzten, der in 109.000 Exemplaren in 27 Sprachen benutzt wurde.

Esmarch hat viele Anerkennungen erfahren, wurde geadelt, Geheimer Medizinalrat und Exzellenz. 1893 wählten ihn die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, zu deren Gründern er gehörte, zum Vorsitzenden. Er starb am 23. März 1908.