Sie befinden sich hier: Startseite » Mitglieder » KVS-Mitteilungen » 2008 » 01/2008 » Auch er war Arzt

KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 01/2008

Ausgabe 01/2008

zum Inhalt dieser Ausgabe

Auch er war Arzt



Walther Arndt (geboren 1891 – ermordet 1944)

Von Manfred P. Bläske

Dreiundzwanzig Jahre war Walther Arndt Kustos am Museum für Naturkunde in Berlin, ein hervorragender Zoologe, international bekannt als Spongiologe und Hydrobiologe. Er war zum einen ausgewiesener Experte für Plattwürmer, zum anderen weltweit gefragter Fachmann für Schwämme, jener einfach gebauten Tiergruppe, die rund 5000 Arten umfasst. Die meisten messen nur wenige Zentimeter, der größte Schwamm jedoch erreicht einen Durchmesser von zwei Meter. Als Gebrauchsgegenstand war früher der Badeschwamm allgemein bekannt, heute hat er bereits Seltenheitswert. Im Verlaufe seiner Tätigkeit am Museum veröffentlichte Arndt weit über 200 wissenschaftliche Arbeiten, darunter mehrere Bücher, die heute noch als Standardwerke gelten. Er war Herausgeber und ein leidenschaftlicher Museologe, der sich nicht nur auf seinem Spezialgebiet verdient machte. – Nach zweijähriger Bauzeit wurden im Sommer des vergangenen Jahres wichtige Teile des Museums für Naturkunde wiedereröffnet, würdiger Anlass, an Walther Arndt zu erinnern.

Er wurde am 8. Januar 1891 im schlesischen Landshut als Sohn des Veterinärrates Fedor Arndt geboren, der bis zu seiner Pensionierung langjähriger Direktor des städtischen Schlachthofes war. Dessen botanische und zoologische Interessen blieben nicht ohne Wirkung auf den Sohn, der bereits als Volksschüler das Mikroskop für die Beobachtung von Kleinlebewesen zu nutzen wusste. Die Zoologie galt jedoch als brotlose Kunst, so dass Walther nach Abschluss des Realgymnasiums auf Drängen des Vaters 1909 in Breslau mit dem Studium der Medizin und der Naturwissenschaften begann.

Nach bestandenem Examen erhielt Arndt im August 1914 – wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges – die ärztliche Approbation. Er ging als kriegsfreiwilliger Feldunterarzt an die Ostfront und geriet in Ostpreußen bereits nach wenigen Wochen in russische Gefangenschaft.

En Atschinsk betreute er deutsche Kriegsgefangene beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn und kämpfte gegen Kälte, Hunger, Läuse, Fleckthyphus, Schwarze Pocken und Tuberkulose ebenso, wie gegen Verzweiflung und Depression, bis er als Arzt ausgetauscht wurde. Doch Arndt ging im Rahmen der Kriegsgefangen-enfürsorge des Roten Kreuzes erneut nach Russland, nahm aber zoologische Gerätschaften sowie Literatur mit und gelangte über Wladiwostok, Japan, die Philippinen, New York und Schweden 1919 nach Deutschland zurück. Er promovierte zum Dr. med. und setzte, obwohl es ihn zur Zoologie drängte, seine ärztliche Tätigkeit zunächst fort. Doch bereits 1920 folgte die Promotion zum Dr. phil., und Arndt wurde Volontär des Zoologischen Instituts und Museums der Breslauer Universtät, wo seine ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen erschienen.

1921 wechselte Arndt als Assistent ans Zoologische Institut in Berlin und beteiligte sich ab 1923 maßgeblich an umfangreichen hydrochemischen und zoologischen Untersuchungen der Ostsee. 1925 wurde er Kustos, ab 1926 unter anderem Herausgeber der großen „Fauna Arctica“ und 1931 Professor. Eine besondere Würdigung seiner umfangreichen systematischen Arbeiten erfuhr Arndt durch die Aufnahme in die Internationale Zoologische Nomenklatur-Kommission im Jahre 1938.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch die Gebäude und unersetzlichen Bestände des Naturkundemuseums zunehmend von Bombardements getroffen. Um Schaden abzuwenden, hatte Arndt mit beherzten Kollegen während eines Luftangriffs Brandbomben vom Dach des Museums geworfen und dabei Bemerkungen über den wahnsinnigen Krieg und seine Verursacher geäußert. Enge Freunde seiner Familie und ein Kollege aus dem Museum denunzierten ihn deshalb; im Januar 1944 wurde Arndt von der Gestapo verhaftet.

Obwohl Ferdinand Sauerbruch, der Zoologe Oskar Heinroth, der Meeresforscher Hans Hass und andere sich für ihn verwandten, wurde Walther Arndt zum Tode verurteilt und am 26. Juni 1944 im Zuchthaus Brandenburg durch das Fallbeil hingerichtet.


Diese Gedenktafel am Haupteingang des Museums für Naturkunde ist sichtbarer Ausdruck der Erinnerung an einen standhaften deutschen Wissenschaftler in der finstersten Zeit unserer Geschichte.