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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 10/2007

Entdecker einer neuen Welt: Vor 375 Jahren wurde Antony van Leeuwenhoek geboren

Von Manfred P. Bläske

In der Oude Kerk mit dem schiefen Turm, der Alten Kirche im niederländischen Delft, fand er neben den Gräbern der legendären Seehelden Piet Hein und Maarten Tromp seine letzte Ruhestätte, der einstige Inhaber eines Manufakturen-Einzelgeschäfts, Kammerbewahrer der Schöffen, Weinvisierer, Hauptbezirksmeister und Feldmesser Antony van Leeuwenhoek. Als Textilienhändler kannte er zweifellos den Gebrauch der Lupe als Fadenzähler, und letztlich waren es Lupen, die er zur Perfektion brachte und ihn durch deren Gebrauch zu einer weltberühmten Autorität werden ließen.

Als Sohn eines Korbmachers und einer Bierbrauerstochter am 24. Oktober 1632 geboren, gehörte Leeuwenhoek zur wohlhabenden Bürgerschaft von Delft. Nachdem er in Amsterdam in der Textilbranche ausgebildet worden war, kehrte er in die Vaterstadt zurück, wo ihm sein Vermögen offensichtlich nicht nur Zeit für Ehrenämter, sondern auch für sein Steckenpferd ließ: das Schleifen von kleinen und kleinsten Linsen aus Glas, Bergkristall und Diamanten, in sauberer, exakter und ganz symmetrischer Ausführung, womit er viele der damals zahlreichen „Hobbyschleifer“ übertraf. Neugierig schaute er, nur zum Vergnügen, durch seine Linsen auf Flöhe, Läuse, Fliegen, auf Wolle, Pflanzenfasern und Samen – Details entdeckend, die zuvor niemand gesehen hatte. Vielleicht wäre es beim Zeitvertreib geblieben, doch in Delft lebte und wirkte auch der Arzt und Anatom Regnier de Graaf (1641 – 1673), an den der Graafsche Follikel und die Graafschen Kanälchen erinnern. Dieser wurde auf Leeuwenhoeks Funde aufmerksam und erkannte deren Bedeutung für die Medizin, zumal die Linsen immer besser wurden und mittels einer geheimgehaltenen Technologie die 80- bis 270fache (!) Vergrößerung erreichten. Weil Leeuwenhoek seine Geräte von anderen aber nur in seiner Gegenwart benutzen ließ, überzeugte ihn Graaf, Beobachtungen und Zeichnungen, die er akribisch und talentiert anfertigte, der gelehrten Gesellschaft in London, der „Royal Society“ bekanntzugeben.

Mit 40 Jahren schrieb er seinen ersten wissenschaftlichen Brief, mehr als 300 wurden es im Verlaufe von fünfzig Jahren. Es waren vor allem rund 120 Briefe, die in den „Philosophical Transactions“ der Royal Society veröffentlicht wurden, die seine Arbeiten bekannt und seinen Namen weltberühmt machten. Leeuwenhoek erhielt nie eine wissenschaftliche Ausbildung, das gelehrte Latein verstand er sein Lebtag nicht, er zeichnete, was er sah und schrieb in volkstümlicher Sprache. Da fanden die Herren von der Gesellschaft zur Verbesserung der Naturkenntnisse, darunter Newton, Boyle und Hooke, manchen Grund zum Lächeln, doch keine Ansatzpunkte zur Kritik, denn was der Delfter entdeckte, war unumstößlich belegt; Zweifel, die Triebfeder des Fortschritts, war unangebracht, denn bei Leeuwenhoek gab es keine Spekulationen!

Warum auch, er griff in eine unendliche Fülle, die mit jeder neuen und stärkeren Linse anwuchs, und seine Besucher waren des Lobes voll über das Gezeigte, weniger entzückt jedoch darüber, dass er keine seiner Linsen verkaufte – er hinterließ 247 vollständige Mikroskope neben 172 gefassten Linsen!

Sein Ansehen wuchs, als er sich menschlichen und tierischen Objekten zuwandte. In einem Brief von 1677 schilderte er die Spermatozoen, in einer Mitteilung von 1683 finden wir die erste Abbildung von Bakterien, „levende dierkens“ aus seinem Zahnbelag, deren Grundformen er so glänzend beschrieb, dass nachfolgende Bakteriologen wenig hinzuzufügen hatten. Als Feldmesser und Weinvisierer an genaue Arbeit gewohnt, schuf er sich ein eigenes Maßsystem, mit dem er 1684 den Durchmesser der von ihm gefundenen roten Blutkörperchen mit 1/3.000 Zoll = 8,7µ berechnete; eine gute Annäherung. Er beschrieb die Struktur von Knochen, Zähnen, Muskeln, des Auges von Wirbeltieren. In den Kiemen der Kaulquappe sah er 1688 die Kapillargefäße und den „Blutumlauf“; die Leistungsfähigkeit seiner Einlinsen-Mikroskope wurde bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts nicht wieder erreicht!

Als hochangesehenes Mitglied der Royal Society, seine gesamten Schriften füllen sieben Bände, starb Leeuwenhoek am 27. August 1723.

Unter- und Seitenansicht eines der typischen Leeuwenhoek-Mikroskope mit dem fein verstellbaren Objekthalter (1) und der Linse (2) im Betrachtungsloch