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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 09/2007

Henry Ernest Sigerist: Vor 50 Jahren starb der Begründer der Sozialgeschichte der Medizin

Von Manfred P. Bläske

Eine beträchtliche Spende des Wiener Arztes Theodor Puschmann zur Förderung wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiet der Medizingeschichte ermöglichte es 1905 der Universität Leipzig, den damals führenden Medizinhistoriker und Paracelsus-Spezialisten Karl Sudhoff) nach Leipzig zu berufen, und im Jahr darauf unter seiner Leitung das erste medizinhistorische Institut der Welt zu eröffnen. In wenigen Jahren gelangte es mit seinen umfangreichen Sammlungen und dem 1919 eingerichteten Ordinariat zu internationaler Bedeutung. Als Sudhoff 1925 in den Ruhestand trat, berief die Universität den Züricher Privatdozent für Geschichte der Medizin Sigerist zu dessen Nachfolger – eine gute Entscheidung für den Ruf der alma mater lipsiensis.

Henry Ernest Sigerist wurde am 7.April 1891 in Paris geboren. Seine Eltern, Schweizer Staatsbürger, ermöglichten ihm eine breite humanistische Ausbildung in Paris und Zürich. Kulturhistorische und sprachliche Neigungen – Sigerist erlernte 14 Sprachen, darunter Chinesisch – veranlassten ihn, von 1909 bis 1912 in Zürich und London orientalische Sprachen zu studieren. Doch dann wandte er sich in Zürich und München der Medizin zu, „die den Studenten durch die Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins führt“. Zu seinen von ihm verehrten Lehrern gehörten der Kliniker Friedrich von Müller und der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Bereits vor seiner erfolgreichen Promotion fasste er während einer Italienreise den Entschluss, als Medizin-

historiker seine sprachlichen, geistes- und naturwissenschaftlichen Interessen mit seinem medizinischen Wissen zusammenzufassen. 1919 ging er deshalb nach Leipzig zu Karl Sudhoff, dem gegebenen Ort und gegebenen Mann für seine Bestrebungen.

Die Beziehung zwischen Sudhoff und Sigerist entwickelte sich aus einem Student-Professor-Verhältnis zu einer tiefen Freundschaft, die nicht ohne Einfluss auf die Berufung des erst 33 Jahre alten Ausländers als Sudhoffs Nachfolger blieb.

Sudhoffs Arbeit nach 1925 organisch fortzuentwickeln war sein Ziel, denn er hatte bereits dessen „Handbuch der Geschichte der Medizin“ in Korrekturen gelesen und dabei das soziale Element vermisst. Wem kamen die großen Entdeckungen der Medizin zugute? Allen oder nur den Begüterten? Welchen Einfluss hatte die industrielle Revolution auf die Gesundheitsverhältnisse der Bevölkerung? Alles Fragen, die Sudhoff nicht beantwortet hatte, schreibt Sigerist später in seinen Erinnerungen und fährt fort: Ich ahnte damals nicht, dass Jahre vergehen mussten, um eine eigene Geschichte der Medizin vom soziologischen Standpunkt aus zu schreiben.

Unter Sigerists Leitung wurde das Leipziger Institut zu einem europäischen Zentrum mit Ausstrahlung nach den Vereinigten Staaten. 1927 kam William H. Welch nach Leipzig, der damit befasst war, an der Johns Hopkins University in Baltimore ein Institut nach dem Leipziger Vorbild zu gründen und lud Sigerist ein, ab 1931 in Amerika Gastvorlesungen zu halten, zumal Sigerist dort durch seine schnell verbreitete und in viele Sprachen übersetzte „Einführung in die Medizin“ bekannt geworden war. Nach sieben Monaten kehrte Sigerist mit großen Plänen nach Leipzig zurück, wo sich jedoch inzwischen gravierende Veränderungen abzeichneten: Das alte Institut litt an Raummangel und sollte trotzdem verkleinert werden. Der politische Himmel verdunkelte sich zusehends, und Sigerist stand als Republikaner auf allen schwarzen Listen. Er folgte deshalb dem Angebot, das Institut in Baltimore zu übernehmen und ging 1932 nach Amerika, wo er die günstigsten Arbeitsbedingungen vorfand, und es ist hier nicht der Raum, seine folgenden wissenschaftlichen Leistungen auch nur annähernd darlegen zu können. Es sei deshalb auf die „Autobiographischen Schriften“ verwiesen, die ein einzigartiges Stück Zeitgeschichte sind, mit deren Herausgabe die Tochter, Nora Sigerist Beeson, dem Vater ein würdiges Denkmal setzte.

Seit 1948 lebte Sigerist wieder in der Schweiz. Der vielfach Geehrte arbeitete hier unermüdlich bis zu einer schweren Erkrankung im Jahre 1954, die sein Leben am 17. März 1957 beendete.