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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 09/2007

Kreisläufe

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

was haben Wasser, elektrischer Strom und Blut gemeinsam? Sie sind kein Selbstzweck und können ihre Wirkung nur in einem Kreislauf entfalten. Nehmen wir den uns Ärzten vertrauten Blutkreislauf. Er sichert das Überleben des Organismus – solange das Blut „zirkuliert“. Einen Kreislauf habe ich noch nicht genannt – den Finanzkreislauf: Geld verdienen und wieder ausgeben. Das kennen wir seit der Erfindung der Münze. Nach dem Motto: „Ohne Moos nichts los“, braucht auch der Kreislauf der ambulanten medizinischen Versorgung eine ausreichende (finanzielle) Durchblutung, um vernünftig zu funktionieren.

Blutarmut

Von enormer Bedeutung für den Kreislauf der ambulanten Medizin in Sachsen sind die laufenden Verhandlungen mit den sächsischen Krankenkassen zur Gesamtvergütung 2007. Mit der AOK trafen wir uns am 23. August bereits das zweite Mal vor dem Schiedsamt. Leider gab es auch an diesem Tag trotz stundenlanger Verhandlungen noch kein Ergebnis. Wenn Sie so wollen, hat sich hier leider ein eigener (Schiedsamt) Kreislauf herausgebildet, der nun in die dritte Runde geht. Um ihre Patienten weiter in gewohnter Qualität versorgen zu können, erwarten die sächsischen Vertragsärzte und -psychotherapeuten im Ergebnis der Verhandlungen mit Recht eine „Blutauffrischung“ in Form einer angemessenen Finanzspritze. Wir alle wissen um die „Blutarmut“ in den neuen Ländern, mit dem Symptom eines Honorargefälles West-Ost von immer noch unsäglichen 25 Prozent. Aus der chronischen finanziellen Unterversorgung resultiert eine angespannte finanzielle Situation in vielen unserer Praxen.

Trotzdem würde die AOK Sachsen gern die „Luxusversorgung“ in der ambulanten Medizin abbauen, die ihrer Meinung nach zur Zeit im Freistaat besteht.

Geiz

Was soll dieser Geiz einer mit Verlaub vermögenden Kasse? Allein in diesem Jahr hat der sächsische Marktführer durch die kräftige Beitragssatzanhebung von 12,0 auf 12,9 Prozent über 240 Millionen Euro im Jahr zusätzlich auf der Habenseite. Aus dem Risikostrukturausgleich der Krankenkassen flossen der „Gesundheitskasse“ allein 2006 über 1,2 Milliarden Euro zu. Seit diesem Jahr ist das Verwendungsverbot der Einnahmen der Krankenkassen aus dem RSA für die ambulante ärztliche Versorgung des § 313a SGB V (übrigens auf maßgebliche Initiative der KV Sachsen hin) weggefallen. Eine Weitergabe der Gelder in angemessener Höhe auch an Kassenärzte und -psychotherapeuten ist daher für mich zwingend. Es kann nicht sein, dass die AOK immense Mittel für den Wettbewerb oder zur Mitgliederwerbung ausgibt, während Leistungserbringer und Versicherte „in die Röhre gucken“.

Es ist völlig irrwitzig zu glauben, unsere Kolleginnen und Kollegen erbringen unsinnige Leistungen in Größenordnungen quasi zum Nulltarif, und das über einen Zeitraum von zwei Jahren. Wenn die Einführung des EBM 2000plus und der Regelleistungsvolumina etwas Gutes hatte, so die Tatsache, dass nun die Unterfinanzierung der vertragsärztlichen Versorgung in Sachsen mit diesen Instrumenten nachgewiesen und genau beziffert werden kann.

Polemik

Polemik stärkt keinen Kreislauf. Gegenwärtig scheinen Krankenkassen jedoch diese Art der unsachlichen Angriffe zu bevorzugen, denn in diese Kategorie passt das Klischee des geldgeilen Arztes bestens. Am 26. Juli 2007 erschien im „Dienst für Gesellschaftspolitik“ ein Beitrag unter der Überschrift: „Kassenvorwurf – Der „gigantische Geldhunger“ der Ostärzte (der Autor beruft sich dabei auf interne Papiere der Krankenkassen). Ein Zitat daraus: „Repräsentanten der Krankenkassen sind sich einig: Gegenwärtig läuft erkennbar eine konzertierte Aktion der Kassenärztlichen Vereinigungen Thüringen und Sachsen, das Problem der Ärztevergütung Ost mit der Brechstange im Schiedsamtsverfahren und unter Umständen auch vor Gericht zu lösen.“

Ich finde es schon bedenklich, wie diese Kassenvertreter unter der Gürtellinie polemisieren. Ist es denn Geldgier, wenn Ost-KVen – eben im Interesse dieser Versicherten – ein Finanzierungsniveau der ambulanten Versorgung anstreben, mit dem der Osten für neue Ärzte wieder attraktiv werden kann?

Höchst befremdlich bewertet der Vorstand der KV Sachsen auch die Tatsache, dass die AOK Sachsen (in der Phase der Schiedsamtsverhandlungen!) den sächsischen Vertragsärzten böse Briefe schreibt und massiv mit der Keule der Wirtschaftlichkeitsprüfung droht (näheres dazu auf den Seiten 4 und 5). Justament am 23. August erschien die entsprechende Pressemeldung dazu. Zufall? Will man ablenken? Fest steht für mich: Vergiftetes Blut schadet dem Kreislauf!

Wir wollen nicht unsere Taschen füllen, sondern als Ärzte in erster Linie unsere Patienten gut versorgen. Blutarmut und die Gefahr eines Kollapses sollte tunlichst vermieden werden, denn im Kreislauf der ambulanten medizinischen Versorgung stehen dafür Begriffe wie: noch längere Wartezeiten, Praxisschließungen, sich verschärfender Ärztemangel... Mit Spannung blicken wir auf den weiteren Fortgang des Schiedsamtsverfahrens mit der AOK sowie die noch ausstehenden Vergütungsverhandlungen mit den anderen Krankenkassen, wobei im Falle der IKK bereits das Schiedsamt angerufen wurde. Sobald Ergebnisse vorliegen, werden wir Sie selbstverständlich zeitnah informieren.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

 

 

 

 

Ihre Stellv. Vorstandsvorsitzende
Ulrike Schwäblein-Sprafke