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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2007

Ausgabe 07-08/2007

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir stellen vor



Andrea Mrazek: Wie macht man das, dass sich Verhalten ändert?

Es war beiderseits keine Liebesheirat, als der Gesetzgeber 1999 die niedergelassenen Psychotherapeuten zu Mitgliedern der KV machte. Mehr Esser an kaum größerem Topf, das sorgt nicht für Begeisterung am Tisch. Als die Budgetzwänge in den Jahren 2000 und 2001 zu ersten großen Ärzteprotesten führten, waren es die sächsischen Haus- und Fachärzte, die gemeinsam mit den Psychotherapeuten das Aktionsbündnis gründeten und deutschlandweit für Furore sorgten. Die damalige „Führungs-Troika“ bestand aus dem Gynäkologen Prof. Martin Link (vorgestellt in den KVS-Mitteilungen 02/2003), dem Hausarzt Dr. Diethard Sturm (vorgestellt im Heft 09/2006) und der Psychotherapeutin Andrea Mrazek.

Andrea Mrazek, geboren 1958 in Wien, fand, als es um die Berufswahl ging, dass sie gut zuhören kann. Sie interessierte sich „wie Ängste und Zwänge verändert werden können, wie man es macht, dass sich Verhalten ändert“. So studierte sie erst Philosophie und Psychologie in Wien und Tübingen, dann mit einem Stipendium weiter in Carbondale im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana. „Dort steht die Wiege der Verhaltenstherapie, man lernt früh, ob man mit Patienten klar kommt.“ Durch den amerikanischen Abschluss stehen M.A., M.S. hinter ihrem Namen: Master of Arts (Philosophie) und Master of Science (Psychologie). Die Psychologie gilt in den USA als Naturwissenschaft. Im Zuge der internationalen Angleichung muss man sich auch in Deutschland an diese Begriffe gewöhnen. Der Bachelor ist dabei kein voller aber sehr praxisbezogener Hochschul-Abschluss (z. B. verwaltungsbezogenes Gesundheitsmanagement), die Master-Abschlüsse ersetzen Diplom und Doktor.

Andrea Mrazek arbeitete zunächst in der klinischen Psychiatrie in Stuttgart. Ihr Mann, ein Richter, wurde 1992 „für ein Jahr nach Chemnitz abgeordnet“. Aus einem Jahr wurde mehr und der dauer-hafte Wechsel nach Sachsen stand an. Der Gedanke an eine eigene Niederlassung war schon länger da, so verband sie beides und ließ sich 1995 in Radebeul nieder. Fachlich beschäftigt sie sich hier u. a. mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Persönlichkeitsstörungen, chronischen Depressionen und Zwängen.

Als sie 1995 in ihrer Praxis begann, war die Österreicherin „sofort geschockt, als ich sah, was hier gezahlt wird und wie unterschiedlich das bundesweit ist.“ Da sie sich, wie eingangs schon erwähnt, immer dafür interessiert, „wie man es macht, dass sich Verhalten ändert“, begann sie sich berufspolitisch zu engagieren. Sie startete „mit etwa 40 Leuten, im Stil, versuchen wir was zu verändern“ im Landesverband der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten. Sie nahm Kontakt mit der KV auf: Wie funktioniert das System? Sie begann mit der Interessenvertretung ihrer Fachgruppe und wurde 2001 mit Angela Gröber als erstes nichtärztliches Mitglied in die Vertreterversammlung der KV Sachsen gewählt. Außerdem ist sie Mitglied im beratenden Fachausschuss der KV.

Nach dem Engagement im Berufsverband wurde Frau Mrazek 2007 nicht nur in die neue gegründete ostdeutsche Psychotherapeutenkammer, sondern dort gleich zur Präsidentin gewählt. Von Haus aus auch mit „Zwängen“ befasst, stellt sich die Frage, was sie von Zwangsmitgliedschaften hält. „Ich nenne es lieber Pflichtmitgliedschaften.“ Diese sind nötig, da sie einen Schutzfaktor für die Bevölkerung darstellen und sie sieht darin einen Ordnungsfaktor und eine Grundorientierung. Kammer und KV „schaffen den Rahmen, dass Kollegen in Ruhe arbeiten können.“ Individuelle Verträge findet sie „sinnlos, weil man in der Zeit, wo man verhandelt, nicht die eigentliche Arbeit machen kann.“

Die neue Kammer-Mitgliedschaft steht auch für einen Standard beim Berufsabschluss. Die Psychotherapie ist eine eigenständige Fachrichtung, die sowohl bei primär organmedizinischen Behandlungen eine gute Ergänzung darstellt, z. B. bei Tumorerkrankungen zur Minderung der Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie, als auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen erste Methode der Wahl sein kann. Wichtig, und für den Behandlungserfolg entscheidend, ist die gute Zusammenarbeit und Abstimmung mit mitbehandelnden Ärzten“, betont Andrea Mrazek. „Diese Bereitschaft habe ich persönlich in der Region immer gefunden und geschätzt. Das Wissen darüber hat sich in der Bevölkerung verbessert, die Leute kommen inzwischen auch am helllichten Tage zur Psychotherapiesitzung.“

Bei allem berufspolitischen Engagement hält sie sich zwei Tage pro Woche für ihre Patienten frei. Dabei wird deutlich, dass das die Arbeit ist, die sie am liebsten macht. Zur eigenen Entspannung ist das Cello ihre große Liebe. Fast hätte sie seinerzeit Musik studiert und lachend zitiert sie ihre Cello-Lehrerin: „Sehen Sie, wenn Sie üben, dann geht’s doch.“ So übt sie nicht nur weiter Cello, sondern auch Berufspolitik und findet, dass ihr Credo aus den KVS-Mitteilungen 04/2005 immer noch gilt:

„Ich wünsche mir von den politischen Entscheidern, dass sie den Patienten selbst erklären müssen, dass eine Behandlung zwar notwendig sei, aber erst nach Monaten Wartezeit durchgeführt werden kann.“

– Öffentlichkeitsarbeit/im –