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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2007

Ausgabe 07-08/2007

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir erinnern an



Er gründete das erste psychologische Institut der Welt: Vor 175 Jahren wurde Wilhelm Wundt geboren

Von Manfred P. Bläske

In der Erforschung des „Seelischen“ sahen bereits die Griechen eine selbständige wissenschaftliche Aufgabe, und Aristoteles ordnete in seinen drei Bänden „Über die Seele“ alle Lebenserscheinungen dem Begriff Seele zu, eine Auffassung, die von der Metaphysik des Mittelalters zwar aufgenommen und ausgebaut wurde, die auf Erfahrung gerichteten Bestrebungen des Aristoteles fanden jedoch keine Fortsetzung. Ein Übergang zur Erfahrungswissenschaft erfolgte erst im 18., der zur experimentellen Psychologie um die Mitte des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch die Erfolge der Naturwissenschaften, obwohl Kant der Überzeugung war, die „Natur der seelischen Erscheinungen widerstreite der Anwendung von Mathematik und Physik“. Doch die bahnbrechenden Arbeiten des Physiologen Weber sowie der Physiker Fechner und Helmholtz über Sinnesempfindungen bewiesen im letzten Drittel des 19. Jahrhundert das Gegenteil; die weitere Entwicklung wurde geprägt von Wilhelm Wundt und dem Jahr 1879.

Aus einer pfälzischen Gelehrtenfamilie stammend, wurde Wilhelm Maximilian Wundt am 16. August 1832 in Neckarau, das heute zu Mannheim gehört, als Sohn eines Pastors geboren. An der Universität Tübingen, wo sein Onkel der Anatom und Physiologe Friedrich Arnold (1803 – 1890) lehrte, danach in Heidelberg studierte er Medizin und befasste sich in dieser Zeit intensiv mit Physiologie, was ihn veranlasste, im Anschluss an die Promotion 1856 nach Berlin zu gehen, wo Johannes Müller (1801 – 1858) und Emil Du Bois-Reymond (1818 – 1896) wirkten. Sie waren wie Carl Ludwig (1816 – 1895) Vertreter einer „Physiologie der Atome und Aggregatzustände“, basierend auf exakten Messungen und Aufzeichnungen, was entsprechende Geräte voraussetzte. Dazu gehörte das Ludwigsche Kymographion, das Wundt als unverzichtbar für die Darstellung funktioneller Beziehungen durch Kurven bezeichnete, als „Instrument, dem kein Gebiet der Lebenserscheinungen verschlossen ist“.

Nach Habilitation 1857 wurde er in Heidelberg Assistent von Hermann von Helmholtz (1821 – 1894), der sieben Jahre zu-vor den Augenspiegel konstruiert hatte und sich intensiv mit physiologischer Optik und Akustik befasste. Der Privatdozentur folgten 1864 die Berufung zum außerordentlichen Professor, 1874 der Ruf als ordentlicher Professor der induktiven Philosophie nach Zürich und ein Jahr darauf nach Leipzig als Ordinarius für eine „nach den Naturwissenschaften gerichtete Philosophie“. Denn trotz der Kantschen Einwände hatte inzwischen die von Philosophen erhobene Forderung nach einer wissenschaftlichen Psychologie immer mehr Gewicht erlangt. Wundt entschloss sich deshalb, ein Institut zu gründen, an dem mit naturwissenschaftlich-experimentellen Methoden elementare psychische Prozesse untersucht werden sollten. Das 1879 gegründete private Forschungslabor wurde zwei Jahre später als „Institut für experimentelle Psychologie“ an der Universität Leipzig umgewandelt – das erste seiner Art in der Welt!

Wundts Bildungsgang als Mediziner mit einer ungewöhnlich breiten naturwissenschaftlichen Ausbildung bei den führenden Köpfen seiner Zeit war dafür die Basis. Einfallsreich nutzte er nicht nur die damals von den Geräte; eine der Voraussetzungen für die erfolgreiche Tätigkeit des Labors war auch der Eigenbau zahlreicher selbsterdachter psychologischer Apparate (Federunterbrecher, Ästhesiometer u. a.). Wundt hatte einen für damalige Verhältnisse großen Mitarbeiterstab und im 1896 vollendeten Institutsneubau großzügige räumliche Arbeitsbedingungen, die dem „Mekka der neuen Wissenschaft“ entsprachen, denn seine Schule zog Tausende Studenten, Hospitanten und Assistenten aus aller Welt nach Leipzig; die Fähigsten gründeten in ihrer Heimat Institute nach dem Wundtschen Vorbild.

Die Liste seiner wissenschaftlichen Publikationen umfasst die beeindruckende Anzahl von 540 Titeln, ein Lebenswerk, das die Forschung geradezu herausfordert, wie Symposien und Weltkongresse immer wieder belegen. Mit jährlich rund 800 verfassten Druckseiten war Wundt der wohl produktivste Wissenschaftler aller Zeiten. Ab 1900 erschien seine zehnbändige „Völkerpsychologie“, eine Entwicklungspsychologie von Denken, Gefühl und Wille als Analyse von Sprache, Sitte und Mythos im Kontext der Geschichte.

Wundt starb am 31. August 1920. Sein Grab befindet sich in Großbothen bei Leipzig in Nachbarschaft seines Freundes Wilhelm Ostwald.