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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 07-08/2007

… dass es nichts Närrisches gibt auf dieser Welt, das nicht zu übertreffen wäre …

meint Dr. Michael Schäfer in einem Offenen Brief zum Thema Regresse

Dr. Schäfer, Karlsbader Str. 7, 08340 Schwarzenberg

Geschäftsstelle der Prüfgremien

Am Waldschlößchen 4

01099 Dresden

Schwarzenberg, den 26.02.2007

Ihr Zeichen

AZ 07D004-0014

Mein Zeichen

Wider das Verbitterungssyndrom

Hochverehrtes Prüforgan,

mit gemischten Gefühlen habe ich Ihr maschinell erstelltes und ohne Unterschrift gültiges Schreiben vom 12. Februar ds. J. erhalten (Ausschnitt nebenstehend – die Redaktion). Immerhin bringt es etwas Zeitvertreib in meinen Praxisalltag und zeigt selbst mir altem Irrenarzt, der gewiss schon manch Seltsames erlebt hat, dass es nichts Närrisches gibt auf dieser Welt, das nicht noch zu übertreffen wäre.

So gibt es beispielsweise auch eine Gesundheitskasse – bei dieser Namensgebung muss kognitive Kernkompetenz am Werke gewesen sein – und dieser Gesundheitskasse soll ich einen sonstigen Schaden gefügt haben! Möglicherweise liegt das Problem bereits in dem verqueren Selbstverständnis dieser Kasse, das sich in dieser Namensgebung offenbart; ich zumindest behandele üblicherweise keine Gesunden, allenfalls solche, die sich irrtümlicherweise dafür halten.

Ich weiß, das Prüforgan tut nur seine Pflicht und kann ansonsten gar nichts dafür; derlei ist mir vertraut.

Und so will ich denn Aufklärung geben und das Prüforgan in die Welt meines Praxisalltages mitnehmen, wobei ich sein Vorstellungsvermögen etwas strapazieren muss. Es, nämlich das Prüforgan, stelle sich vor, der Endesunterzeichner betreue – unter anderem – rund 30 Patienten in einem Wohnheim für chronisch psychisch Kranke. Jeweils zu Monatsanfang erhält er per Fax eine umfangreiche Liste mit den für die kommenden Wochen benötigten Medikamenten. Diese Liste wird am nächsten, mitunter auch erst am übernächsten Tag von einer meiner Mitarbeiterinnen abgearbeitet, die Rezepte werden gedruckt, von mit unterschrieben und an das Heim zurückgesendet. Kurz gesagt, zwischen Rezeptanforderung, -erstellung und Rücksendung vergehen mitunter zwei oder auch drei Tage.

Nun steht inzwischen die Zeit nicht still und komplexe Vorgänge haben vertrackte Eigenschaften, nicht linear zu verlaufen und somit schwer prognostizierbar zu sein. Mit anderen Worten: es treten unerwartete Ereignisse ein.

Just dies ist in besagtem Fall geschehen. Die Liste war zu mir unterwegs oder harrte bereits ihrer Erledigung, die eigentliche Prozedur der Rezepterstellung hatte möglicherweise auch noch gar nicht begonnen, wer will das heute noch genau sagen, da erkrankte einer der Patienten, für den auch Medikamente bestellt worden waren, an einer akuten Lungenentzündung und musste via Notarzt ins Krankenhaus. Dort blieb er mehrere Tage und war darauf gar noch zu einer Anschlussheilbehandlung.

Bis ich davon erfuhr, war das Rezept längst unterschrieben, in der Apotheke eingelöst und die Medizin stand zum Gebrauch bereit, nur der Patient fehlte. Zu allem Überfluss – und auch das kennzeichnet die Nichtlinearität komplexer Systeme – wurde im Krankenhaus nicht nur die Pneumonia kuriert, es wurde auch gleich noch die Psychopharmakotherapie umgestellt, wie das bisweilen von einem besonders Wohlmeinenden für nötig gehalten wird, der dem ambulanten Kollegen nicht so recht traut.

Schließlich kehrte der Patient zurück, seine psychischen Symptome trotzten auch der neuen Medizin, seine Lungenentzündung war jedoch geheilt, er kehrte also zurück und es waren nun, bildlich gesprochen, Gesundheitskassenversicherter und auf Kosten eben dieser Kasse verordnete und vor Zeiten bestellte Medikamente glücklich vereint, letztere wurden jedoch wegen der für den Endesunterzeichner nicht vorherschbaren Umstellung nicht mehr benötigt. Was nun?

Ich bin in Zeiten des Mangels aufgewachsen und somit der Sparsamkeit verpflichtet. Aus diesem Grunde tat ich genau das, was ich in solchen Fällen – wie wohl jeder vernüftige Kollege – immer tue, ich gab die Medikamente anderen auf diese Präparate eingestellten Patienten. Da diese auch gesundheitskassenversichert waren, entstand jener nicht einmal ein Schaden. Damit entfällt, so sollte man schlussfolgern, ein Schadenersatzanspruch und wohl erst recht der Zugriff auf mein auch von jener Kasse nicht gerade üppig bedachtes Honorarkonto.

Abgesehen davon, dass sich dieser Sachverhalt in einem kurzen Telefongespräch direkt zwischen einer Mitarbeiterin der Kasse und mir hätte aufklären lassen, habe ich den Eindruck, dass Verwaltungen zu der Vorstellung neigten, die Komplexität dieser Welt linear erfassen zu können und auch im Einzelnen ordnen zu müssen. Das Ergebnis solcher Bemühungen sind starre, immer komplizierter und unübersichtlicher werdende Regelwerke, die von immer weniger Menschen verstanden werden und in denen Vertrauen, persönliche Verantwortung und Kreativität durch ängstliches Festklammern an Vorschriften und Leitlinien ersetzt werden. Unter solchen Bedingungen besteht die Gefahr, die Freude an jeglicher Tätigkeit zu verlieren, ich zumindest habe nicht vor, meine Praxis wie ein Zwangskranker zu führen.

Um dem sich ausbreitendem Verbitterungssydrom vorzubeugen, sollten diese Dinge nicht auf die Spitze getrieben werden. Es ist durchaus vorstellbar, dass diejenigen, die diese vielen Regeln befolgen sollen, allmählich abhanden kommen. Das wäre zwar auch eine Lösung, aber keine besonders glückliche.

Mit freundlichen und nachdenklichen Grüßen

Dr. Schäfer

Dieses Schreiben wurde nicht maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift ungültig!

Da dieser Vorgang nicht nur einen gewissen Unterhaltungswert besitzt, habe ich vor, ihn in geeigneter Weise einem größeren Leserkreis zur Kenntnis zu bringen.

PS: Das Prüforgan schloss den Fall am 6. Juni 2007 ab, ohne gegen den Arzt eine Maßnahme einzuleiten. Vielleicht hätte man sich hier einigen Aufwand sparen können – meint die Redaktion