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KVS-Mitteilungen

KVS-Mitteilungen - Ausgabe 03/2007

„Wir öffnen Bauchhöhle und Schädel ohne Bedenken“ - Vor 100 Jahren starb Ernst von Bergmann

Von Manfred P. Bläske

Im Jahre 1892 erschien ein für den Aufschwung der modernen Chirurgie bedeutendes und in kurzer Zeit in alle europäischen Sprachen übersetztes Buch: „Anleitung zur Aseptischen Wundbehandlung“ von Curt Schimmelbusch, „Assistenzarzt der Königl. chirurgischen Universitätsklinik des Geh.-Rat von Bergmann in Berlin“. Ernst von Bergmann war am Ende des 19. Jahrhunderts der führende Chirurg im deutschsprachigen Raum. Mit seinem Namen ist nicht nur die Begründung der aseptischen Medizin verbunden, seine chirurgischen Leistungen und herausragenden Fähigkeiten als Hochschullehrer leiteten auch eine Zeit streng wissenschaftlicher Chirurgie ein. Die Überschrift zu diesem Artikel ist der Inhaltsübersicht des 1. Kapitels obigen Buches entnommen, die eindrucksvoll den Enthusiasmus widerspiegelt, mit dem sich die Chirurgen unter den neuen aseptischen Voraussetzungen nun Operationen zuwenden konnten, die zuvor als aussichtslos, wenn nicht sogar als frevelhaft galten.

Ernst von Bergmann entstammte einer altein- gesessenen kurländischen Pfarrersfamilie. Am 16.12.1836 in Riga geboren, zeigte er sehr früh Neigungen zur Literatur, zur Kunst und Philosophie. Bereits seine in jungen Jahren verfassten Briefe an die Eltern bewiesen ein großes stilistisches und didaktisches Geschick, das später sowohl in seinen viel gerühmten, fesselnden und inhaltsreichen Vorlesungen als auch in zahllosen Puplikationen zur Perfektion gelangte. Theologe, was bei seiner Vorfahrenreihe nahe gelegen hätte, wollte er nicht werden, denn er bezweifelte, „ob er sich jederzeit und in jedem Augenblick im Zaume halten könne.“ So wich er, anfangs mit wenig Begeisterung, zur Medizin aus und begann sein Studium 1854 an der Universität Dorpat, bei so bedeutenden Lehrern, wie dem Physiologen Karl Friedrich Burdach oder dem Embryologen Karl Ernst von Baer.

Im Februar 1860 legte Bergmann sein Staatsexamen ab und promovierte über ein pharmakologisches Problem, das sein Interesse an physiologisch-chemischen Fragen zeigte. Er wurde 24-jährig Assistent an der chirurgischen Klinik, habilitierte sich 1863 mit einer Arbeit „Zur Lehre der Fettembolie“, wurde Privatdozent und im Jahr darauf etatmäßiger Dozent. Ab 1865 ging er nach Königsberg, Breslau und Wien, dann nach Berlin, um sich bei Virchow, Graefe und Langenbeck weiterzubilden. 1871 erfolgte die Berufung zum Professor für Chirurgie und Direktor der Chirurgischen Klinik in Dorpat, wo er die Ausbildung von Praktikanten in der Ambulanz und auf Station unter anderem mit der Einführung von Operationen an der Leiche reformierte.

Durch seine Teilnahme am Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866, am Deutsch- Französischen von 1870/71 und am Russisch-Türkischen von 1877 sammelte er umfangreiche kriegs- chirurgische Erfahrungen, die seine späteren Arbeiten und Forschungen maßgeblich beeinflussten.

1878 wurde Bergmann nach Würzburg berufen. Als Förderer der Listerschen Antiseptik führte er hier das Sublimat als neues Antiseptikum ein, ging aber immer mehr zur Aseptik über und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit operativen Methoden der Hirnchirurgie. Sein Werk „Die chirurgische Behandlung der Hirnkrankheiten“ gilt noch heute als vielbeachteter Klassiker.

Am 1. November 1882 hielt Bergmann in Berlin eine Aufsehen erregende Antrittsvorlesung über „Die Gruppierung der Wund-

krankheiten“. Was er dann in Berlin leistete und wie er den durch Langenbeck begründeten Ruf der deutschen Chirurgie durch viele neue Operations- methoden wesentlich zu mehren wusste, ist ein Meilenstein der Medizingeschichte.

Kurz nach Bergmanns Amtsantritt schrieb der spätere Entdecker der Infiltrationsanästhesie Carl Ludwig Schleich: „Ein bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitetes System des antiseptischen Drills wurde mit der Strenge und Pedanterie einer militärischen Instruktion alten liebgewordenen Gepflogenheiten gegenübergestellt.“

Wenige Monate vor seinem gewünschten Ruhestand starb Ernst von Bergmann am 25. März 1907; er wurde auf dem Potsdamer Alten Friedhof beigesetzt.

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