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KVS-Mitteilungen - Ausgabe 02/2007

Ausgabe 02/2007

zum Inhalt dieser Ausgabe

Wir stellen vor



„Ein Arzt der kein Künstler ist, ist auch kein Arzt“

Diesen Satz lässt Curt Goetz (1) seinen Dr. med. Hiob Prätorius sagen, bevor dieser ein Universitätsorchester leitet. Herr Dr. med. Rainer Frenzel aus Pulsnitz leitet kein Orchester. Der 65-jährige ist in mehreren Künsten zu Hause und hat auch zur Musik eine besondere Beziehung. Doch dazu später.

Vom Naturfreund zum Kinderarzt

In Schwepnitz bei Kamenz naturnah aufgewachsen, weckte ein „begeisternder Biolehrer“ sein Interesse für den Naturschutz. Vom Studienwunsch Genetik war es nicht weit zur Medizin. Zu Kindern hatte er immer einen guten Draht und so gab es bald in Kamenz einen neuen Kinderarzt. Nach verschiedenen beruflichen Stationen ließ er sich 1978 in Pulsnitz als Kinderarzt nieder. „65 geworden“ übergab er seine Praxis am 1.4.2006 an Frau Dr. Janet Roth. „Sie ist jetzt meine Chefin“ schmunzelt Dr. Frenzel, der zu ihrer Unterstützung und „zum Abtrainieren“ an zwei Tagen in der Woche vor Ort ist. In diesen Stunden arbeitet er schwerpunktmäßig mit den ADHS-Patienten, denn seit Jahren beschäftigt sich Dr. Frenzel besonders mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Das trifft aber nicht nur auf seine medizinische, sondern auch auf seine künstlerische Tätigkeit zu.

„das Krankheitsbild – das Bild der Krankheit“

Dieses Motto einer Ausstellung 1999 in Hamburg beschreibt das wichtigste künstlerische Anliegen des Arztes vortrefflich. Er hatte seit Jahren Grafiken gesammelt, sich mit Kunst und Stil beschäftigt. Die spontane Darstellung eines Chamäleons in der Wendezeit, als dem in der Bürgerbewegung aktiven Arzt die Wendehälse sauer aufstießen, war für ihn Anlass, künstlerisch aktiv zu werden und Krankheitsbilder in Bildern, Collagen und Skulpturen darzustellen. „Es muss nicht schön sein, sondern der Betrachter soll überrascht werden und sich Gedanken machen.“ Durch die Verfremdung zum Verweilen gebracht, kann er ausliegende Informationen zum Thema lesen. Die Themenzeitschrift Nervenheilkunde verwendete 2003 Frenzels Arbeit „Waschzwang“ für ihre Titelseite. Einen besonderen Raum nehmen die in der Praxis erlebten Angst- störungen ein. Der Kinderarzt nimmt nach der Wende eine Zunahme dieser Störungen wahr. Viele „diffuse Existenzängste“ werden „durch Eltern in die Kinder rein getragen“.

„Zappelphillip“

Immer wieder entstehen Arbeiten mit den „Zappelphillips“. Die Erscheinungsbilder der ADHS begleiten ihn ständig. Der Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung/ Hyperaktivität e.V. (BH-AH e.V.) gab dazu ein Buch (4) im Eigenverlag heraus. Die Bilder und Skulpturen von Rainer Frenzel werden durch Texte von Ärzten, Psychologen, Kunsthistorikern und Angehörigen ergänzt. (s. a. Selbsthilfegruppen S. 13)

„Chaos in meinem Kopf“

Auch außerhalb seiner Praxis ist Dr. Frenzel mit offenen Augen unterwegs. In den kunst- und zeitgeschichtlich interessanten Räumen des Festspielhauses Hellerau fotografierte er einen zerstörten Sicherungskasten. Dieses Foto wurde zur Basis seiner Grafik „Chaos in meinem Kopf“. Er war wieder im medizinischen Bereich angekommen.

Das Musikstück von Eric Satie (2) „Vexation“ („Quälerei“ – ein Stück muss 840 mal hintereinander gespielt werden) brachte Dr. Frenzel auf die Idee, sich mit den Zwängen und anderen Krankheiten von Komponisten zu beschäftigen. Bei Satie waren es Wasch- und Ordnungszwang sowie Alkoholsucht. Musik und bildende Kunst ließen sich auch sehr gut bei Johann Sebastian Bach verbinden. Dieses Genie war in seinen letzten Lebensjahren erblindet. So ertönt eine Orgelskulptur aus einer gefängnisartigen Umklammerung. Nicht nur die alten Komponisten beschäftigen ihn. Giuseppe Sinopoli (3) bei seinem letzten Dirigat ist eine erschütternde Reminiszenz an den multibegabten Leiter der Dresdner Staatskapelle, der als Arzt seine physischen Grenzen nicht (an)erkennen wollte und bis zum letzten Atemzug dirigiert hat.

„Ärztin H.F. 2004“

Im Sommer 2006 stellt Dr. Frenzel zahlreiche Arbeiten im Foyer der KV Sachsen aus. Dabei konnte der aufmerksame Beobachter eine etwas andere Art der Auseinandersetzung mit der Gesundheitspolitik entdecken, die Skulptur „Ärztin H.F. 2004“. Eine Ärztin im Puppenformat mit einem Rezept wird von wuchtigen Balken bedroht. Auf dem Rezept verschrieben werden Öl von Rürup und Masse von Lauterbach, die zusammenzurühren sind. Die Balken zeigen die Änderungen im Gesundheitswesen der letzten 10 Jahre, die überbordende Bürokratie. „Was ist alles im Gesundheitsfonds drin“, fragt Rainer Frenzel auf die in diesem Heft nicht gut abbildbare Skulptur angesprochen. „Z. B. Rente und Arbeitslosengeld, die dort nicht hingehören. So wird der Finanzbedarf im Gesundheitsfond durch Erhöhung der Arbeitslosigkeit gesteigert.“ Da haben sich die aktuellen tagespolitischen Anregungen wieder in seinen Arbeiten niedergeschlagen.

akustische und dynamische Dimension

Es sind nicht einfach Bilder, die Dr. Frenzel schafft. Musikinstallationen faszinieren ihn. An der Kunst ist ihm wichtig „dass man sich in der Zeit der Bilderflut auf Dinge konzentriert und sieht, was wichtig ist“. Rainer Frenzel hat jetzt begonnen, das Hohelied Salomos aus dem Alten Testament zu installieren. Wie schon bei einer Arbeit zu Bachs Toccata und Fuge wird es eingebaute Elektronik ermöglichen, Leuchtdioden abhängig von Takt und Tonhöhen anzusteuern und über die akustische und dynamische Dimension „mehr Sinne anzusprechen“.

Die gewonnene Freizeit durch den Teilrückzug aus seiner Praxis ermöglicht diese umfangreichen Arbeiten. Es sei denn, er intensiviert seine Arbeiten zur Schwepnitzer Heimatgeschichte. Die Schwepnitzer Mütterberatung um 1910, das Impfen im 19. Jahr- hundert und die alte Liebe Naturschutz sind dort einige seiner Themen. Aber das ist schon fast ein neues Porträt.

– Öffentlichkeitsarbeit/im –

Personen und Quellen:

(1) Curt Goetz, 1888-1960 , deutscher Schriftsteller und Schauspieler

(2) Eric Satie, 1866-1925, französischer Komponist

(3) Giuseppe Sinopoli, 1946-2001, italienischer Dirigent, Komponist, Archäologe und Dr. med. (Psychiatrie und Anthropologie)

(4) „ADHS Impressionen“, Bilder und Skulpturen von Rainer Frenzel,

ISBN 3-933067-13-8

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