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Neuorganisation des Bereitschaftsdienstes

Reformation versus Revolution und Evolution – oder: Mut zur Änderung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

einfach haben wir es uns nicht gemacht und einfach ist es uns auch nicht gemacht worden: Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb ist es gelungen, in der Vertreterversammlung am 18. Oktober 2017 den Grundstein zur Bereitschaftsdienstreform zu legen und zwar auf Basis eines einstimmigen Votums der Vertreter.

Wohl niemand wird bestreiten, dass die Neuorganisation dieses Bestandteils der vertragsärztlichen Tätigkeit ein Großprojekt besonderer Art darstellt. Diese Reform ist aber nicht nur eine Belastungsprobe für die unmittelbar an der Erarbeitung und Umsetzung des Reformkonzeptes Beteiligten, sondern mehr noch eine Herausforderung für die Kolleginnen und Kollegen, müssen wir uns doch auf ziemlich viel Neues einstellen und dies noch unter Hinnahme spürbar höherer Kosten. „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“ – einen besseren Leitspruch dürfte sich für das Projekt kaum finden lassen. Ändern werden wir die gesetzliche Verpflichtung zur Errichtung von „Portalpraxen“ nicht und ebenso wenig werden wir den Patienten die in uns allen wohnende Tendenz zu einem Moral-Hazard-Verhalten, also Fehlanreizen zu folgen, (gänzlich) abtrainieren können.

Frau Keßler, die zuständige Referatsleiterin in unserer Aufsichtsbehörde, dem sächsischen Sozialministerium, hat es in ihrem Statement im Rahmen der Vertreterversammlung an Klarheit nicht fehlen lassen: Die Politik hat der Vertragsärzteschaft aufgetragen, der übermäßigen Inanspruchnahme der Notaufnahmen durch die Einrichtung von Bereitschaftsdienstpraxen an Krankenhäusern entgegenzuwirken. Gelingt dies nicht, wird die Politik andere Geschütze auffahren. Frau Keßler hat aber auch deutlich darauf aufmerksam gemacht, dass andernfalls die Krankenhäuser fordern werden, sich ihre Aufwendungen zu Lasten der Gesamtvergütung pro Notfallpatient mit unter 130 Euro finanzieren zu lassen, während diese bei uns mit ca. 30 Euro zu Buche schlagen …

Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Evolution der aktuellen Bereitschaftsdienstorganisation kam vor diesem Hintergrund nicht in Frage, denn geringfügige Modifikationen, wie z. B. die Implementierung von nur drei, vier Portalpraxen (um dem gesetzlichen Auftrag pro forma zu genügen) wären weder unserer noch der gesetzgeberischen Intention gerecht geworden. Genauso wenig kann es in unser aller Interesse sein, den Bereitschaftsdienst zu revolutionieren, also größer als erforderlich aufzuziehen und z. B. eine flächendeckende 24/7-Versorgung, mithin eine Inanspruchnahme rund um die Uhr, zu ermöglichen. Dagegen sprechen nicht allein die (dann wirklich) unzumutbaren Kosten, sondern die Gefahr, eine Infrastruktur zu schaffen, deren Kapazitäten vielleicht schon mittelfristig überobligatorisch sind oder zu einer Parallelstruktur führen.

Der Zulauf zu den Notaufnahmen resultiert doch maßgeblich daraus, dass der Bürger zu häufig nicht der Versuchung widerstehen kann, den allseits bekannten Weg zur Notaufnahme einzuschlagen, nachdem er während seines umfänglichen Wochenendeinkaufs eines vertrauten Ziehens im Lendenwirbelbereich gewahr wurde … An die Wurzel des Übels kann man nur dann gelangen, wenn man den Versicherten hilft, dieser ja allzu menschlichen Versuchung im Sinne von „Ad-hoc-Leistungsbezug leicht gemacht“ zu widerstehen. Und wie könnte man einer Versuchung besser widerstehen, als mit der noch stärkeren Verlockung des Geldes bzw. dessen Ersparnis („Geiz ist geil“), also durch eine Notfallgebühr.

Leider ist die Selbstbeteiligung als Steuerungsinstrument seit der Praxisgebühr (quasi ein Paradebeispiel des enormen Schadenspotentials von „gut gemeint und schlecht gemacht“!) schwer in Verruf geraten. Die nunmehr gesamtgesellschaftliche Problematik der Notfallversorgung führt aktuell dazu, dass es wieder salonfähig geworden ist, darüber nachzudenken, wie das kollektive Interesse – die Gewähr einer leistungsadäquaten, bedarfsindizierten und bezahlbaren Notfallversorgung – und das individuelle Leistungsbegehren in Deckung gebracht werden können, mit der Folge, dass die Einführung einer Notfallgebühr ernsthaft diskutiert wird.

Ich persönlich halte dieses Steuerungselement für unentbehrlich und zwar in einer Höhe von 20 Euro pro Arztbesuch im Notfall und ohne Ex-post-Betrachtung, ob ein Notfall vorlag oder nicht, denn eine solche Differenzierung ist nicht zuverlässig möglich (39,5 °C ungleich Notfall vs. 40 °C gleich Notfall?). Ich setze mich also weiterhin vehement für die Einführung dieser Gebühr ein, denn ich bin davon überzeugt (die Erfahrungen der Praxisgebühr sprechen klar dafür), dass die Frequentierung der Notfalleinrichtungen mit ihr spürbar sinken wird.

Wegen der vorgenannten Rahmenbedingungen sieht das nunmehr beschlossene Reformkonzept im Wesentlichen die Neuordnung von 23 Bereitschaftsdienstbereichen, die Errichtung von 26 Bereitschaftsdienstpraxen, eine zentrale Hausbesuchsvermittlung in Eigenregie, einen zentralen Fahrdienst sowie die Einführung eines Garantiehonorar- und Wegezeitenmodells vor. Eine detaillierte Darstellung des Konzeptes finden Sie im Bericht über die Vertreterversammlung vom 18. Oktober 2017 auf Seite 5. Sehr wichtig zu erwähnen ist noch, dass sich die Reform als ein „lernendes System“ versteht. Das heißt, dass es eine Pilotphase und für die Einrichtung von Bereitschaftsdienstpraxen Pilotregionen geben wird. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden in die fortlaufende Weiterentwicklung bzw. Anpassung der Organisationsstruktur einfließen. Daneben wird der Vorstand in den Vertreterversammlungen, den Regionalausschusssitzungen sowie gegenüber der Bereitschaftsdienstkommission und den beratenden Fachausschüssen über den Fortgang der Reform regelmäßig Bericht erstatten. Hierüber soll gewährleistet werden, dass eine erforderliche Nachjustierung zeitnah erfolgen kann.

Ich möchte diese Ausführungen nicht beenden, ohne allen an der Konzeptionierung und Beschlussfassung Beteiligten für ihr Engagement, ihre Unterstützung, für Anregungen und sachliche Kritik und das durch den einstimmigen Beschluss zum Ausdruck gebrachte Vertrauen herzlich zu danken.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

 

Ihr Klaus Heckemann

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Korrektur zum Artikel Impfvereinbarung Sachsen - Satzungsleistungen

Mit der Bitte um Beachtung:  Im Artikel "Impfvereinbarung Sachsen - Satzungsleistungen", Rubrik Schutzimpfungen wurde versehentlich in der Printversion ein falsches Datum veröffentlicht. Richtig ist der 1. Januar 2018.

Korrektur: Impfvereinbarung Sachsen - Satzungsleistungen