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„Mein Hobby ist meine Praxis“

Dr. med. Johannes Baumann, seit 1990 Bezirksstellenvorsitzender, später Bezirksgeschäftsstellenleiter der Bezirksgeschäftsstelle Dresden, hat als Gründungsmitglied der KV Sachsen die ärztliche Selbstverwaltung seit 1990 maßgeblich mit aufgebaut und geprägt. Der Facharzt für Allgemeinmedizin führt seit 1980 eine hausärztliche Praxis in Coswig. Daneben arbeitet er seit 1991 als Vorstand der PVS Sachsen, als Beirat der apoBank, Vorsitzender des Vereins „Ärzte-Solidarität e. V.“ und war lange Jahre Mitglied der Kammerversammlung der SLÄK. Ende des Jahres wird er seine Tätigkeit als Bezirksgeschäftsstellenleiter an seinen Nachfolger übergeben. Die Redaktion der KVS-Mitteilungen hat Dr. Baumann nicht nur aus diesem Grund um ein persönliches Interview gebeten.

In Coswig sind Sie als der „Doktor“ bekannt, der erreichbar ist, ein offenes Ohr hat und das richtige Wort findet. Ein ausfüllender Beruf – warum engagieren Sie sich darüber hinaus in den verschiedensten Gremien?

Ganz einfach: Ich habe Freude und Interesse daran, etwas Neues zu initiieren und meine Erfahrungen weiterzureichen.

Wie kam es eigentlich dazu, Mitbegründer der KV Sachsen zu sein und bis heute als Bezirksgeschäftsstellenleiter tätig zu sein?

In die Berufspolitik bin ich berufen worden, weil ich nicht nein sagen kann (er lacht). Schon zwei Jahre vor der Wende wurde ich gebeten, als Vorsitzender der alt-niedergelassenen Ärzte zu arbeiten. Als die Wende kam, war ich einer der wenigen, die Erfahrungen auf diesem Gebiet hatten und wurde wieder gefragt. In den ersten Jahren war es der Wahnsinn, was auf uns zugeströmt ist. Wir haben etwas aufgebaut, von dem wir anfänglich nur wussten, dass „die Kammer die Ethik und die KV die Monetik“ vertritt. Anfangs habe ich pro Jahr folglich bis zu 22 Wochenenden am Stück in Bayern verbracht, einfach um die Berufspolitik zu erlernen. Aber wenn ich einmal ja gesagt habe, dann ziehe ich es durch.

Wo nehmen Sie die Zeit her? Wie haben Sie das alles schaffen können?

Ich bin ein Typ, der schnell arbeiten kann. Das ist auch eine Frage der Organisation. Meine Praxis lief ja weiter, doch ich hatte immer die Unterstützung meiner Frau, meiner Mitarbeiter und nicht zuletzt meiner Patienten, die sehr verständnisvoll dies alles mitgetragen haben.

Warum sollten sich Ärzte in der Selbstverwaltung engagieren?

Es ist nicht ganz leicht, junge Ärzte dafür zu gewinnen. Die junge Generation hat manchmal andere Vorstellungen von ihrem Leben. Für mich hieß es immer: Beruf, Beruf und nochmals Beruf. Heute ist das anders, jungen Ärzten ist das Private oftmals wichtiger, die Interessen sind sehr breit gefächert, es gibt viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Beruf ist nur ein Teil davon.

Wir als ältere Generation können und sollten die jungen Ärzte persönlich ansprechen und überzeugen, wie erfüllend eine Tätigkeit in der eigenen Praxis, aber auch in der Berufspolitik für die Ärzteschaft sein kann. Unser ärztliches Berufsethos beinhaltet auch Verantwortung im System, die über die unmittelbare ärztliche Tätigkeit hinausgeht. Hier für alle und letztlich für sich selbst tätig zu sein, Dinge zu bewegen und nicht nur hinzunehmen, ist sehr beglückend.

Sie werden als „einer von uns Ärzten“ und nicht als „einer von dort oben“ wahrgenommen. Gab und gibt es Überschneidungen zwischen Ihrer ärztlichen Tätigkeit und der als Bezirksgeschäftsstellenleiter?

Ich habe mich immer als Arzt unter Ärzten, als gewählter Vertreter der Ärzte gefühlt und verstanden. Anfangs kam harsche Kritik vom Hausärzteverband, weil ich als Hausarzt die Interessen aller Fachgruppen vertreten habe.

Die KV Sachsen als Körperschaft ist sicherlich auch „der verlängerte Arm des Gesetzgebers“. Die gesetzlichen Bestimmungen betreffen letztlich alle Ärzte. Aber: Die KV Sachsen ist auch der Interessenvertreter der Ärzte. Ich glaube, ein wenig dazu beigetragen zu haben, diese Balance zu halten.

Bei kaum einem anderen Beruf als dem Arztberuf kommt das Wort Berufung besser zum Tragen. Ist er für Sie auch heute noch ein Traumberuf?

Zum einen habe ich akademisches Blut in den Adern. Schon frühzeitig habe ich durch meinen Vater das Schöne und auch das Schwere des Berufes erfahren. Bereits als Abiturient stand für mich fest: Ich werde Arzt. Wie ich es geschafft habe? Ich war zielstrebig und habe alles dafür getan.
Zum anderen habe ich Freude an der Arbeit mit Menschen, Patienten vor mir zu sehen, mit ihnen zu sprechen, ihnen zu helfen – das macht mich glücklich und zufrieden. Ich möchte nicht vom Helfersyndrom sprechen, aber dennoch: Ich helfe gern.

Und noch etwas ganz anderes: Vor der Wende war die Honorarsituation für alt-niedergelassene Ärzte aus heutiger Sicht katastrophal. Wir haben pro Fall 5 Ostmark bekommen, aber schon damals war ich als Haus- und Betriebsarzt aktiv und konnte mir dadurch so manches leisten. Heute ist das anders und auch das Einkommen kann durchaus motivierend sein.

Manche Ärzte hadern mit der Bürokratisierung ihrer Tätigkeit. Empfinden Sie das auch so?

Nein. Eher weniger. Bürokratie war für mich nie ein unlösbares Problem. Die notwendige Verwaltungsarbeit war und ist mit einfachen Maßnahmen zu bewältigen. Wobei ein gewisser Pragmatismus für eine hausärztliche Tätigkeit hilfreich ist. Jeden Tag nach Praxisschluss sitze ich und arbeite konsequent ab; schnell und effizient. Mein Schreibtisch ist voll – aber alles liegt ordentlich sortiert und strukturiert. So ist auch mein Arbeitsstil. Natürlich müssen wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass unsinnige Vorgaben abgeschafft werden.

Was halten Sie von den Förderprogrammen der KV Sachsen, beispielsweise dass Medizinstudenten Hausarztstipendien erhalten, um sich auf dem Land niederzulassen oder im ungarischen Pécs Medizin zu studieren?

Alles ist gut, was uns hilft, Ärztenachwuchs zu gewinnen. Die Leidenschaft muss aber da sein. Das bloße Lernen reicht nicht, „Eins-Nuller“-Abiturienten und die besten Studenten müssen nicht die besten Ärzte sein. Oft befinden sich Abiturienten noch im Schulmodus, die Zensuren sind überragend, aber da fehlt die Reife, sie sind noch nicht fertig mit ihrer persönlichen Entwicklung. Bei den Auswahlgesprächen für die Studenten, die in Pécs studieren, sehen wir: Es gibt Abiturienten, die haben einen Notendurchschnitt von 1,7 oder 2,0, doch sie brennen. Die Bewerber haben so viel Interesse und Begeisterung, das steckt an. Den Numerus clausus sollte man entkrampfen, dafür aber mehr Eignungstests durchführen. Mehr persönliche Kontakte zu den Hochschullehrern wären eine weitere Möglichkeit.

Grundsätzlich gilt: Wer mit Menschen umgehen kann, die Arbeit mit Patienten mag, Verständnis für Alte und Kranke hat, der ist in diesem Beruf genau richtig.

Haben Sie Ihrer Tochter empfohlen, Medizin zu studieren und wie war das eigentlich bei Ihnen?

Wie gesagt – wir sind Mediziner in nunmehr vierter Generation. Ich habe mir schon erhofft, dass sie Medizin studiert, damit die Praxis in der Familie bleibt. Der Wunsch kam aber letztlich dann von ihr – und sie ist glücklich damit. Fachlich ist sie mit zwei Abschlüssen – Diplompsychologin und Allgemeinmedizinerin – sehr gut aufgestellt und eine kompetente Ärztin.

Zu Ihrem Arbeitsstil gehört, dass man Sie telefonisch oder im persönlichen Gespräch in der Bezirksgeschäftsstelle erreichen kann – aber eher nicht über die neuen Medien.

Ich mag den persönlichen Kontakt und schriftlichen Brief – letzterer muss nicht handgeschrieben sein, aber mir liegt sehr daran, mit Berufskollegen, Mitarbeitern und Patienten zu sprechen. Vielleicht liegt das an meiner Generation – ich bin 70 Jahre alt und nach meiner Erfahrung ist das Allerwichtigste der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt. Auf meinem Schreibtisch in der Praxis benötige ich keinen Computer. Ich sehe den Patienten ins Gesicht. Was nötig ist, sehe ich.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich vorurteilslos ein eigenes Bild über Menschen aneignen. Ist das Teil ihrer Erziehung?

Meine Mutter war sehr geradlinig und streng, aber auch überzeugend. Sie hat uns in dieser Richtung erzogen. Mein Vater war ein herzens-guter Mensch und Arzt, der sein ganzes Leben für den Arztberuf gelebt hat. Mein Vater hatte wenig Zeit für die Familie, aber das hat meine Mutter gut kompensiert. Ich habe am Beispiel meines Vaters erlebt, wie erfüllend, schön und glücklich ein Leben als Arzt ist.

Bitte wehren Sie nicht ab, die übereinstimmenden Antworten nach Ihren herausragenden Eigenschaften sind: lebenslustig, hu-morvoll, großherzig und gastfreundlich. Wie würden Sie sich selbst einschätzen?

(Er lacht) Es gibt schon fröhlichere Typen, aber bei einem guten Glas Wein mit Freunden und Familie zu sitzen, das finde ich schön. Eigent-lich würde ich mich als eher nachdenklich einschätzen. Ich brauche den Druck von außen, die Zusammenarbeit und auch die Auseinandersetzung mit Menschen.

Abschließend gefragt: Haben Sie Träume oder Ziele, die Sie noch erreichen möchten?

Mit 70 habe ich mir meine Träume fast alle erfüllt und gelebt. (Er überlegt lange) Mein Hobby ist unser Garten – wenn ich Zeit dafür habe. Auch Autofahren; früher habe ich gern an Autos gebaut. Eine Reise könnte ich mir vorstellen … vielleicht nach Kuba, eine Kreuzfahrt, etwas anderes? Aber ehrlich: Mein größtes Hobby ist jedoch nach wie vor meine Arbeit in der Praxis.

                                                                                             – Redaktion/pf –

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