Berühmter Dichter und begehrter Augenarzt

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740 – 1817)
Von Manfred P. Bläske
Als Knabe schon von Berg- und Hüttenmännern
Hab ich entzückt ein kleines Buch gelesen;
Es führte mich zu frommen Kohlenbrennern,
Und ist ein herzig’s kleines Buch gewesen,
Ein rechter Spiegel alter Bauerntugend;
Mit Namen hieß es:
Heinrich Stillings Jugend.
Durch diese schlichten Zeilen erinnert sich Ferdinand Freiligrath an den Verfasser der „ersten deutschen Dorfgeschichte“, die Friedrich Nietzsche zu jenen Büchern der deutschen Prosaliteratur zählt, die es verdienen, wieder und wieder gelesen zu werden. Jung-Stilling – befreundet mit Goethe, Herder, den Brüdern Jakobi, mit Hasencamp und Lavater – war nicht nur ein berühmter Schriftsteller, sondern auch Ökonom, Staats- und Finanzwissenschaftler und ein vielgesuchter Augenarzt!
Aus einem alten Bauerngeschlecht stammend, wurde Heinrich Jung am 12. September 1740 in dem Dorf Grund bei Hilchenbach (Westfalen) geboren. Bäuerliche Armut und asketische Erziehung durch den Vater in weltfeindlicher Enge einer pietistischen Betgemeinde prägten die Kindheit Heinrichs. Der begabte und aufgeweckte Junge drängte aber hinaus aus der Schlichtheit dieses Lebens. Er besuchte die Lateinschule in Hilchenbach mit Vorliebe für Mathematik, Naturkunde und Geschichte, wurde mit fünfzehn Jahren Schullehrer in verschiedenen Dörfern des Siegerlandes, Hauslehrer und Schneidergeselle. Nach autodidaktischer Vorbereitung und laienärztlicher Tätigkeit ging er im September 1770 nach Straßburg, um Medizin zu studieren. In einer sich regelmäßig zusammenfindenden Tischrunde der Stürmer und Dränger begegnete er dem neun Jahre jüngeren Goethe, der zur Fortsetzung seiner in Leipzig begonnenen juristischen Studien nach Straßburg gekommen war und hier zum Lizenziaten der Rechte promoviert wurde. „Unter den neuen Ankömmlingen befand sich ein Mann, der mich besonders interessierte;“ schrieb Goethe im Neunten Buch von Dichtung und Wahrheit „er hieß Jung und ist derselbe, der nachher unter dem Namen Stilling zuerst bekannt geworden.
Man fand an ihm einen gesunden Menschenverstand der auf dem Gemüt ruhte und sich deswegen von Neigungen und Leidenschaften bestimmen ließ, und aus eben diesem Gemüt entsprang ein Enthusiasmus für das Gute, Wahre, Rechte in möglichster Reinheit“. Jung zeichnete sich durch tiefe Religiosität, ja Wunderglauben aus, dem Goethe mit freundlicher Herablassung begegnete. Doch er war von Jungs Art, sich mitzuteilen begeistert: „Er erzählte seine Lebensgeschichte auf das anmutigste und wusste dem Zuhörer alle Zustände deutlich und lebendig zu vergegenwärtigen. Ich trieb ihn, solche aufzuschreiben, und er versprach’s.“
Sieben Jahre später erschien dann – durch Goethe vermittelt und um pietistische Passagen gekürzt – der erste Teil seiner Lebensgeschichte: „Heinrich Stillings Jugend“, 1778 gefolgt von den Bänden „Jünglingsjahre“ und „Wanderschaft“. In einer derb-humorvollen und ungekünstelten Sprache berichtete Jung-Stilling (so nannte er sich fortan wegen seiner Zugehörigkeit zu den Stillen im Lande, den Pietisten), realis-tisch über die Freuden und Leiden des heranwachsenden Helden sowie seiner Angehörigen und gestaltete typische Lebensschicksale einfacher Bewohner seines Dorfes.
Diese Bücher wurden Ulrich Bräker (1735 – 1798) zum Vorbild für dessen „Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Toggenburg“, einer der schönsten deutschen Selbstbiographien.
Der Anatomie galt Jung-Stillings besonderes Interesse. Er präparierte mit viel Geschick und trug seine Präparate nicht nur den Professoren, sondern auch begeistert den Studenten vor, wodurch besonders die Chirurgen auf ihn aufmerksam wurden. In seinem letzten Studienjahr hielt er Vorlesungen über Chemie und in den Abendstunden Philosophievorlesungen für Medizinstudenten, wohl gute, denn er bekam „Zuhörer die Menge“. Nach Examen und Promotion ließ er sich 1772 als praktischer Arzt in der damaligen Handelsmetropole Elberfeld nieder. Bekannt wurde Jung-Stilling vor allem durch Operationen des grauen Stars nach einem von ihm entwickelten Verfahren, das er 1791 in einem Lehrbuch ausführlich beschrieb und bis zu seinem Tode bei über 2.000 Patienten anwandte.
Jung-Stilling besaß zudem ein umfangreiches Wissen über forstwirtschaftliche, finanz- und wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge, wodurch er 1778 als Lehrer für Ökonomie und staatliche Verwaltungslehre an die neue Kameralschule zu Lautern berufen wurde. Er übersiedelte mit ihr als Professor der Landwirtschaft nach Heidelberg. Neben wissenschaftlichen Werken und Fachbüchern erschienen Romane und weitere Teile seiner Autobiographie, die mit dem Band „Heinrich Stillings Alter“ endete und 1817, ein Jahr nach seinem Tode von seinem Enkel herausgegeben wurde. Durch die Berufung zum Professor für Ökonomie und Kameralwissenschaften ging er 1787 nach Marburg, kehrte aber 1803 nach Heidelberg zurück und lebte zuletzt ohne öffentliche Anstellung in Karlsruhe, wo er als badischer Geheimrat am 2. April 1817 starb. – In all den Jahren blieb er ein gesuchter Augenarzt, der vielen Menschen wieder zum Sehen verhalf.
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