Lumbalanästhesie im Selbstversuch

- A. Bier (1861 - 1949)
Vor 150 Jahren wurde der große deutsche Chirurg August Bier geboren
Von Manfred P. Bläske
Seit rund 100 Jahren ist Chirurgen die scherzhafte Bezeichnung „Braunbier und Kümmel“ als Synonym für eine der großen Operationslehren geläufig. Begründet und herausgegeben von August Bier, Heinrich Braun und Hermann Kümmell erschien die „Chirurgische Operationslehre“ im berühmten Leipziger Verlag J. A. Barth 1912 in drei Bänden und wuchs dann – immer wieder neue Maßstäbe setzend – bis zur 8. Auflage auf sechs Bände an. „Neidlos bekenne ich:“, sagte Erich Lexer, ebenfalls einer unserer großen Chirurgen, 1931 zum 70. Geburtstag seines berühmten Kollegen August Bier, „Unter den heutigen Fachgenossen sehe ich keinen, niemand in Deutschland, niemand im Ausland, der in seiner Lebensarbeit eine solche Fülle von Gedanken und neuen Anschauungen gemeistert und zum großen Teil auch zur Geltung gebracht hat ...“ Ein schöneres Beispiel kollegialer Anerkennung fremder Leistungen dürfte schwerlich zu finden sein.
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August Karl Gustav Bier wurde am 24. November 1861 als Sohn eines Landvermessers in Helsen, einem kleinen Ort im damaligen Fürstentum Waldeck geboren. Bereits am Korbacher Gymnasium zeigt er großes Interesse an naturwissenschaftlichen Experimenten und Selbstbeobachtungen. Die Tatsache, dass eine gut gefüllte Blase zu gegebener Zeit den Schlaf stört, veranlasste ihn, sich dieses lautlosen Weckers zu bedienen: eine bestimmte Wassermenge vor dem Schlafengehen getrunken bedeutet, zu einer beabsichtigten Zeit vor anderen munter zu werden, um Tiere beobachten zu können. Biologisch genau beobachten, bekannte Tatsachen anders als gewohnt auslegen, anwenden, zweckdenkend weiterverfolgen und genau beschreiben; diese Eigenschaften zeichneten Bier später als Mediziner und Forstmann bis ins hohe Alter immer wieder aus.
Von 1881 bis 1886 studierte er Medizin, zuerst in Berlin dann in Leipzig, wo den meisten Einfluss auf ihn der Anatom His*), der Physiologe Ludwig und der Zoologe Leuckert gewannen; damals drei strahlende Sterne am Himmel der Alma mater lipsiensis! Nach dem Physikum ging Bier nach Kiel, „nur um die See kennenzulernen“; es wurde ein Aufenthalt von 16 Jahren. 1886 machte er sein Staatsexamen mit Auszeichnung, kurz darauf promovierte er und unternahm als Schiffsarzt Reisen nach Mittel- und Südamerika. Unter dem Eindruck Friedrich von Esmarchs**) wandte sich Bier der Chirurgie zu. Mit 28 Jahren wurde er habilitiert und 1894 Extraordinarius. Drei Jahre zuvor war Heinrich Quincke (1848 – 1922), der in Kiel innere Medizin lehrte, durch diem Erfindung der Lumbalpunktion für diag-nostische Zwecke berühmt geworden. Bier schöpfte aus diesem Verfahren die bestechende Idee der Lumbalanästhesie.
Nach Tierversuchen operierte er am 16. August 1898 unter Anwendung einer 0,5-prozentigen Kokainlösung schmerzfrei ein Fußgelenk. Weil sich beim Patienten jedoch würgendes Erbrechen, Übelkeit und langandauernde Kopfschmerzen einstellten, entschloss sich Bier, um die Tauglichkeit des Verfahrens und die Verträglichkeit des Kokains beurteilen zu können, acht Tage später mit Hilfe seines Assistenten Hildebrand zum Selbstversuch. In seinem im April 1899 in der Deutschen Zeitschrift für Chirurgie veröffentlichten Versuchsbericht schilderte er sachlich und nüchtern abwegend seine Erfahrungen mit dem Kokain und verzichtete vorerst auf die Anwendung der an sich wertvollen Methode. Als fünf Jahre später der deutsche Apotheker Alfred Einhorn mit dem relativ ungiftigen Novocain das erste synthetische Ersatzpräparat für das toxische Kokain schuf, verhalf er dem Bierschen Verfahren zum Durchbruch.
Nach Kiel wirkte Bier als Ordinarius in Greifswald und Bonn. Gekrönt wurde seine akademische Laufbahn 1907 durch die Berufung nach Berlin als Nachfolger seiner großen Vorgänger Dieffenbach, Langenbeck und von Bergmann. Die berühmte Chirurgische Klinik in der Ziegelstraße wurde ein Walfahrtsort von Ärzten aus aller Welt, denn Bier war ein hervorragender Operateur, ein Meister der Technik, ein begeisternder akademischer Lehrer und umjubelter Kongressredner. Es fehlt hier der Raum, seine zahlreichen großen chirurgischen und die über das Fach weit hinausgehenden Leistungen auch nur annähernd zu würdigen. Die Lexika geben darüber Auskunft, wobei sie gelegentlich vergessen, dass der deutsche Stahlhelm – in seiner optimalen Form von anderen Ländern nachgeahmt – von Bier entworfen wurde!
1912 hatte der stets naturverbundene Bier das Gut Sauen bei Beeskow erworben, um seine Vorstellungen von einem harmonischen Wald zu verwirklichen. Statt anfangs 20 werden dort heute 460 Gehölze gezählt – ein Anziehungspunkt für Forstleute aus aller Welt.
August Bier verstarb am 12. März 1949 in Sauen. Er fand die letzte Ruhestätte neben seiner Frau Anna in seinem geliebten Wald.
*) siehe KVS-Mitteilungen Heft 7-8/2006
**) Heft 2/2008
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