Sie befinden sich hier: Startseite » Mitglieder » KVS-Mitteilungen » 2011 » 04/2011 » Auch er war Arzt

„Bis ans Ende des bewohnten Africa“

Christian Gottlieb Ludwig
Christian Gottlieb Ludwig

Christian G. Ludwig aus Leipzig, Reisender in königlichem Auftrag

 

Von Manfred P. Bläske

 

„Quadrupedia, Volabilia, Pisces, Partes animalium, Vegetabilien, Marinische Gewächse und Mineralien“ zu erforschen, zu beschreiben, zu zeichnen und von diesen Tieren, Pflanzen und Mineralien so viele wie möglich in die sächsische Residenz zu bringen, lautete der Auftrag Augusts des Starken für eine in den Jahren 1731/33 vorzunehmende Expedition in den „schwarzen Erdteil“. Zum Organisator des Unternehmens wurde der aus Neustadt-Orla stammende Leipziger Arzt und spätere Professor Johann Ernst Hebenstreit (1702 – 1757) bestimmt, ein namhafter Botaniker, der als Leiter der Leipziger „Bosischen Gärten“ auch am Dresdner Hof einen guten Ruf besaß. An dieser Expedition – einer der ersten zur wissenschaftlichen Erforschung Afrikas – nahm der Medizinstudent Christian Ludwig teil, der wegen umfassenden botanischen Wissens Hebenstreits Aufmerksamkeit und Zuneigung erlangt hatte.

 

Christian Gottlieb Ludwig wurde am 30 April 1709 in Brieg (Provinz Niederschlesien) als Sohn eines Schumachers geboren. Trotz bescheidenster wirtschaftlicher Verhältnisse ermöglichten die Eltern dem Naturbegeisterten den Besuch des städtischen Gymnasiums. Nach glänzendem Abitur erhielt Ludwig ein Stipendium, so dass er in Göttingen und Leipzig Naturwissenschaften und Medizin studieren konnte. Wegen seines lebhaften Interesses für Botanik wurde er von seinem Lehrer A. F. Walther (1688 – 1746) besonders gefördert. Als die Erneuerung des Stipendiums ausblieb, kam zur rechten Zeit Hebenstreits Angebot, als Botaniker an der o.g. Afrika-Expedition teilzunehmen.

 

Bei einer kurfürstlichen Audienz in Dresden – der Hofkalender berichtete ausführlich darüber – wurden die Expeditions-teilnehmer feierlich verabschiedet; am 30.Oktober 1731 brach die sechsköpfige Gruppe in Leipzig auf. Mit dem Ziel, vorerst die Flora und Fauna Nord- und Westafrikas zu erforschen, führte die Reise über Genf und Marseille nach Algier und dann durch Gebiete der heutigen Staaten Algerien, Tunesien und Libyen; unter den damaligen Bedingungen ein beschwerliches Unterfangen, zumal weder der Expeditionsleiter Hebenstreit noch Ludwig über Reiseerfahrungen verfügten. Stand zuerst das Fangen „wilder Tiere“, mit denen August der Starke seine Dresdner Menagerie zu erweitern gedachte, im Vordergrund, erlangte die Reise schnell ein wissenschaftliches Gepräge. Dreizehn Monate später schrieb Hebenstreit in einem Bericht: Wir kamen glücklich nach Tunis zurück, nachdem wir alles gethan, indem wir bis an das Ende des bewohnten Africa gereiset und einen Vorrath von seltenen Kräutern, Versteinerungen, alten römischen Aufschriften und Nachrichten von den Sitten und Gewohnheiten dieser Völker erlangt hatten.

 

Von Tunis fuhr Ludwig mit einem Transport lebender Tiere und wertvoller Sammlungen über Gibraltar nach Hamburg und dann auf der Elbe nach Dresden, während Hebenstreit Vorbereitungen für den zweiten Teil der Reise traf, die entsprechend der kurfürstlichen Weisung nach Westafrika und von dort weiter nach Südafrika geplant war. Doch daraus wurde nichts, denn am 1. Februar 1733 starb August; die nachfolgende Regierung hatte kein Interesse an der Expedition und wies Hebenstreit an, nach Dresden zurückzukehren.

 

Wieder in Leipzig, setzte Ludwig sein Medizinstudium fort und erwarb 1736 den Magistertitel. Bei C. F. Haase, der in Leipzig Sezierübungen für Studenten eingeführt hatte, und seinem Förderer A. F. Walther promovierte er ein Jahr später zum Dr. med. 1740 folgte die Berufung zum außerordentlichen Professor, 1748 zum Professor der Physiologie und schließlich wurde Ludwig Professor der Pathologie und Dekan. Er war ein gefragter und bei seinen zahlreichen Schülern sehr beliebter Lehrer. Goethe erwähnt in „Dichtung und Wahrheit“ die Tischgesellschaft im Hause Ludwig, an der er 1765 als Student teilnehmen durfte. Ludwig gründete und leitete eine Disputiergesellschaft für angehende Ärzte, in der in regelmäßigen Begegnungen das Pro und Contra medizinischer Probleme erörtert werden konnte. Er schuf ferner 1752 eine Zeitschrift, die – weit über seinen Tod hinaus – bis 1808 erschien. Der engagierte Botaniker unternahm mit seinen Medizinstudenten im Leipziger Land oft Exkursionen, um Pflanzen zu sammeln, zu präparieren und Herbarien anzulegen. Er besaß einen privaten botanischen Garten, sowohl zur Erholung als auch zu Forschungszwecken und in seiner ohnehin umfangreichen Bibliothek standen mehr als 600 botanische Werke.

 

Unter den Zeitgenossen galt Ludwig als Fachmann für Forschungsreisen, was zum Beispiel seine Korrespondenz mit den Sibirienreisenden P. S. Pallas*) und J. G. Gmelin belegt. Spätere Generationen befassten sich kaum mit den Ergebnissen der Afrikareise, was letztlich auch am Verlust der umfangreichen Sammlungen und kostbaren Zeichnungen lag, die beim Dresdner Maiaufstand von 1849 ein Opfer von Flammen wurden. Hebenstreits Briefe an den König blieben erhalten, vor allem aber Ludwigs akribisch geführtes umfangreiches Tagebuch, das sich im Besitz der Leipziger Universität befindet und auf eine wissenschaftliche Bearbeitung wartet.

 

*) s. KVS-Mitteilungen Heft 3/2009, S. 19

 

Texte und Abbildungen der Reihe „Auch er war Arzt“ sind urheberrechtlich geschützt!

 

 

--------------------