Hebamme Ludwigs des Dreizehnten von Frankreich

- Louise Bourgeois
Vor 375 Jahren starb Louise Bourgeois
Von Manfred P. Bläske
Im Jahre 1689 erschien in Leipzig das Buch „Die Kgl. Preußische und Chur-Brandenburgische Hof-Wehe-Mutter“ von Justine Siegemundin, der Wegbereiterin der deutschen Hebammenkunst. Als sie 1636 geboren wurde, starb im Alter von 73 Jahren Louise Bourgeois, Hebamme der französischen Königin Maria von Medici. Ihr „Hebammenbuch“ erschien 1629 auch in deutscher Sprache. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass die Siegemundin davon Kenntnis besaß, denn zum einen sammelte sie lange Jahre ihre Erfahrungen bei armen Bäuerinnen in ländlicher Abgeschiedenheit Schlesiens, zum anderen gab es während des Dreißigjährigen Krieges und in vielen Jahren danach für sie kaum Gelegenheit zu einem wie auch immer gearteten Wissensaustausch über Landesgrenzen hinweg. Somit ragen im 16./17. Jahrhundert aus dem Heer meist gering ausgebildeter Hebammen zwei Frauen heraus, die mit ihren Leistungen Wesentliches zur Entstehung einer modernen Geburtshilfe beitrugen: die Siegemundin*) und die vor 375 Jahren verstorbene Bourgeois.
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Louise Bourgeois wurde 1563 in der Pariser Vorstadt Des Fauxbourgs geboren. 1583 heiratete sie den Feldscher Martin Boursier, einen Wundarzt und Schüler von Ambroise Paré (1510 – 1590)**). Der geniale Erneuerer der französischen Chirurgie war nicht nur durch sein berühmtes Werk „Die Behandlung der Schusswunden“ (1545) bekannt geworden, Paré sorgte auch dafür, dass in Frankreich zu schwierigen Entbindungen Ärzte hinzugezogen wurden. Um ihre drei Kinder ernähren zu können, entschloss sich Louise nach frühem Tod ihres Gatten – von dem sie viel über Paré erfahren hatte – Hebamme zu werden. Sie erwies sich als sehr geschickt, und da sie lesen und schreiben konnte, studierte sie auch Parés Schriften.
Nachdem sie fünf Jahre „so wohl bei gar niedriges als mittelmäßigen Stands Personen“ einer Hebamme mit großem Erfolg beigestanden hatte, entschloss sie sich, das Examen
als geschworene Hebamme der Stadt Paris zu machen. Zu dieser Prüfung mussten damals „ein Doctor der Artztney, zween Chirurgi oder Wundärtzte vnd zwo approbirte Hebammen“ zugegen sein.
Die beiden anwesenden Damen, Frau Du Puy und Frau La Peronne, waren nicht geneigt, die kluge Louise Bourgeois zuzulassen. Kleinliche Angst um Schmälerung ihrer Einkommen und die Sorge, Louise könnte durch ihren Mann besondere Beziehungen zu den unbeliebten Ärzten erlangt haben, veranlassten diese Haltung. Zugleich widerspiegelten ihre Bedenken die Berufsauffassungen dieser maßgebenden Hebammen: „Wir müssen niemand annemmen als Beckers Weiber, vnd dergleichen, die umb vnsern Handel vnd Geschäfft nicht viel Wissenschaft haben.“ – Dennoch bestand Louise Bourgeois am 12. November 1598 das Examen. Drei Jahre später musste sie mit genannter Frau Du Puy bei der Anstellung als Hebamme der Königin von Frankreich in Wettbewerb treten. – Die Bourgeois wurde bevorzugt und gewann durch ihr ruhiges und überlegtes Handeln rasch das Vertrauen am Hofe:
Ihr wurde, obwohl berühmte Ärzte zugegen waren, die alleinige Leitung der Geburt überlassen. Auch alle weiteren Schwangerschaften der Königin betreute die Bourgeois erfolgreich, einschließlich der Geburt Ludwigs XIII. (s. Bild) und berichtete darüber ausführlich in ihrem Buch „Sechs Niederkünfte der Maria von Medici“. Sie verfasste eine einzigartige „Sammlung von Geheimnissen“ und „Betrachtungen zur Unfruchtbarkeit“, Schriften, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts große Beachtung fanden.
Louise Bourgeois beschrieb als erste die Gesichtslage und nannte als einzige gerechtfertigte Behandlung die Spontangeburt. Sie schilderte die Plazentalösung und den Nabelschnurvorfall in bis heute gültiger Weise. Das Durchschneiden der Nabelschnur und Unterbinden der Schnittenden bei Nabelschnurumschlingung des Halses wurden von ihr zuerst beschrieben.
Die Bourgeois starb hochgeehrt 1636 und wurde in der Kirche St. André des Arts beigesetzt, wo auch Ambroise Paré ruht. Ihre Bücher überdauerten ihr Leben und machten diese kluge und gewissenhaft beobachtende Frau unabhängig vom vergänglichen Lob ihrer Zeit.
*) siehe KVS-Mitteilungen, Heft 9/2005
**) Heft 1/2010
